Mit diesem bei Arcana erschienenen Doppelalbum widmet sich Maurizio Croci dem dritten Teil der Clavier-Übung, den Johann Sebastian Bach 1739 in Leipzig veröffentlichte. Einundzwanzig Choralvorspiele, vier Duette sowie das monumentale Präludium und die Fuge Es-Dur BWV 552 bilden ein umfangreiches Kompendium der Orgelkunst. Im Mittelpunkt der Einspielung steht jedoch vor allem eine Frage: Wie lassen sich heute die Registrierungen – also die Auswahl und Kombination der Orgelregister – und die Klangfarben nachvollziehen, die Bach im Sinn gehabt haben könnte? Auf der Suche nach einer Antwort wendet sich Croci einem anderen deutschen Organisten seiner Zeit zu: Georg Friedrich Kauffmann.
Als 1739 der dritte Teil der Clavier-Übung erscheint, vereint Bach in einem einzigen Band eine außergewöhnliche Vielfalt kompositorischer Formen. Das große Präludium und die Fuge BWV 552 rahmt einundzwanzig Choräle ein, die zentrale Elemente der lutherischen Liturgie durchlaufen; hinzu kommen vier Duette im zweistimmigen Kontrapunkt. Alte Formen treffen auf eine modernere Tonsprache: stile antico, Fuge, Kanon und cantus firmus stehen neben Rhythmen und Artikulationsformen, die bereits vom galanten Stil geprägt sind. Nach Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig und Autor des ersten Textes im Booklet, verleiht Bach dem Choralvorspiel damit einen künstlerischen Anspruch, der weit über seine rein liturgische Funktion hinausgeht.
Auf der Suche nach Bachs Klangfarben
Die Besonderheit der Aufnahme liegt vor allem in der Wahl der Registrierungen. Direkte Zeugnisse darüber, wie Bach die Register der Orgel miteinander kombinierte, sind äußerst selten. Sein erster Biograf Johann Nikolaus Forkel berichtet jedoch, dass Bachs Klangmischungen Organisten und Orgelbauer seiner Zeit zunächst verblüfften, bevor sie durch ihre Wirkung überzeugten.
Maurizio Croci sucht einen möglichen Anhaltspunkt bei Georg Friedrich Kauffmann (1679–1735), Organist am Merseburger Dom und wie Bach 1723 Kandidat für das Amt des Thomaskantors in Leipzig. Zwischen 1733 und 1736 veröffentlichte Kauffmann die siebenundneunzig Choralvorspiele seiner Harmonischen Seelenlust. Die Sammlung ist eine besonders wertvolle Quelle, da sie zahlreiche Hinweise zu Artikulation, Verzierung, Tempo und vor allem zur Registrierung enthält.
Zwischen den beiden Sammlungen bestehen zudem mehrere Berührungspunkte. Beide beruhen auf Melodien des lutherischen liturgischen Repertoires und wechseln zwischen pedaliter– und manualiter-Stücken. Auch ihre zeitliche Nähe ist auffällig, und einzelne thematische Ähnlichkeiten – insbesondere zwischen einer Fugella Kauffmanns und Bachs Fughetta BWV 677 – lassen sogar vermuten, dass Bach das Werk seines Kollegen gekannt haben könnte. Croci übernimmt Kauffmanns Registrierungen daher nicht schematisch für Bach, sondern nutzt sie als Schlüssel zur Erkundung seiner Klangwelt.
Kauffmann als Wegweiser
Einige Praktiken Kauffmanns sind dabei besonders aufschlussreich. In etwa der Hälfte der Stücke der Harmonischen Seelenlust verlangt er am Manual ein 16-Fuß-Register, mitunter sogar in den Oberstimmen. Diese Entscheidungen verleihen dem Klang eine besondere Tiefe und ermöglichen kühne Farbkombinationen, die unmittelbar an Forkels Berichte über Bach erinnern. Bei Kauffmann ist die Registrierung zudem eng mit dem Affekt des Chorals verbunden, also mit seinem expressiven und geistlichen Charakter.
Croci überträgt diese Prinzipien entsprechend der jeweiligen Schreibweise auf Bachs Musik: bei der Behandlung der Basslinien, beim Einsatz von Soloregistern, bei Farbkontrasten oder bei der Verwendung von 16-Fuß-Registern in bestimmten manualiter-Stücken. Die Aufnahme entstand im Rahmen des Forschungsprojekts Kauffmann to Bach, das Croci an der HEMU – Haute école de musique leitet und von der HES-SO finanziert wird. Ziel ist es, Kauffmanns Angaben als interpretatorisches Werkzeug zu nutzen, um Bachs klangliche Vorstellungen für die Orgel besser zu verstehen.
Eine nahezu zeitgenössische Orgel
Für diesen Ansatz bietet die Christoph-Treutmann-Orgel der Stiftskirche Grauhof in Deutschland besonders geeignete Voraussetzungen. Sie wurde 1737 erbaut, nur zwei Jahre vor der Veröffentlichung der Clavier-Übung III, und verfügt über eine große Auswahl an Prinzipalen, Flöten, Gamben, Mixturen und Zungenregistern, mit denen Croci die gesuchten Klangkombinationen entfalten kann. Die Aufnahme entstand vom 9. bis 11. Juni 2025 an diesem Instrument.
Die auf zwei CDs verteilte Gesamteinspielung folgt der Architektur der Sammlung: Das Präludium BWV 552 eröffnet den Zyklus, gefolgt von den einundzwanzig Chorälen; anschließend stehen die vier Duetti BWV 802 bis 805, bevor die große fünfstimmige Fuge BWV 552 den Bogen schließt. Diese Abfolge zeigt die ganze Bandbreite von Bachs Orgelsprache – von der Strenge des stile antico bis zur galanten Leichtigkeit, vom monumentalen Kontrapunkt bis zu den schlichtesten Satzformen.
Maurizio Croci beansprucht mit dieser Aufnahme also nicht, einen hypothetischen „authentischen Klang“ Bachs wiederherzustellen. Vielmehr liest er ein vielfach eingespieltes Werk mithilfe einer zeitgenössischen Quelle neu, die andere Klangfarben sichtbar machen kann. Kauffmann selbst ist im Programm nicht vertreten, doch seine Harmonische Seelenlust begleitet die gesamte Interpretation gleichsam im Hintergrund – als Erinnerung daran, dass an der Orgel die Partitur allein den Klang nicht bestimmt und die Wahl der Registrierung ein wesentlicher Teil der Interpretation ist.


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