Les Épopées & Stéphane Fuget

„Medea“ auf Tournee: Charpentier aus dem Schatten Lullys holen

→Marc-Antoine Charpentiers „Medea“ im Schatten von Lully? Kurz vor Beginn einer Tournee durch Frankreich und Belgien mit fünf Aufführungen dieser einzigen Oper Charpentiers in Konzertfassung blickt Stéphane Fuget, der Leiter des Ensembles Les Épopées, auf das Werk zurück: Es ist an der Zeit, Charpentier nicht mehr ausschließlich durch das Prisma seines mächtigen Vorgängers zu betrachten.

„Medea“ auf Tournee: Charpentier aus dem Schatten Lullys holen
Stéphane Fuget, Cembalist, Dirigent und Gründer des Ensembles Les Épopées. © Moujahed Jaroubi

Marc-Antoine Charpentiers „Medea“, die am 4. Dezember 1693 im Théâtre du Palais-Royal in Paris uraufgeführt wurde, gilt nach wie vor als einer der Höhepunkte der französischen lyrischen Tragödie und ist die einzige Oper, die der Komponist an der Académie royale de musique aufführen konnte – einer Institution, die jahrzehntelang von Lully und seinem Erbe dominiert wurde. Für Stéphane Fuget, Gründer und musikalischer Leiter von Les Épopées, ist es nun an der Zeit, Charpentier nicht mehr ausschließlich durch das Prisma seines mächtigen Vorgängers zu betrachten. In „Medea“ offenbaren seine harmonische Kreativität, sein Gespür für Klangfarben und vor allem die außergewöhnliche Bedeutung, die er dem Orchester beimisst, eine ganz eigene Ausdrucksweise.

Man spricht oft vom „Schatten Lullys“, wenn es um Charpentiers einzige Oper für die Académie royale de musique geht. Wie gehen Sie mit diesem Erbe um?

Stéphane Fuget: Charpentier ist kein Komponist im Schatten Lullys. Natürlich greift er den traditionellen Rahmen auf – einen Prolog zu Ehren des Königs und fünf Akte –, doch seine Kompositionsweise zeugt von einer Kreativität und Freiheit, die nichts mit der Kompositionstechnik des Surintendanten der königlichen Musik zu tun haben. Da er jahrelang nicht für die Bühne schreiben konnte, musste er sich mit anderen Gattungen begnügen, und diese Frustration nährte eine sprudelnde Kreativität. Bei ihm findet man eine meisterhafte Beherrschung des Kontrapunkts, eine kühne Harmonik und eine weitaus vielfältigere orchestrale Palette als bei Lully. Seine Modernität beruht auch auf dieser Fähigkeit, das Orchester zu einem vollwertigen Akteur des Dramas zu machen und nicht nur zu einer bloßen Begleitung. Lully hatte einen Stil durchgesetzt, eine Art, das Rezitativ zu gliedern, eine fast zwingende musikalische Grammatik.

Les Épopées und Stéphane Fuget beim Konzert mit den „Grands Motets“ von Lully in der Königlichen Kapelle von Versailles im Juli 2020. © Pascal Le Mée

Charpentier hingegen schlägt Breschen: Er lässt der Harmonie Raum zum Atmen, wagt unerwartete Klangfarben und scheut sich nicht vor Dissonanzen, wenn es das Drama erfordert. Er ist ein Komponist, der in Klangmassen und Klangfarbenkontrasten denkt, genau wie ein Organist, der auf den drei oder vier Manualen und dem Pedal seiner Orgel spielt. Und diese organistische Denkweise durchdringt sein gesamtes kompositorisches Schaffen. In seiner Art, mit der Zeit umzugehen, liegt eine gewisse Modernität: Er versteht es, den musikalischen Diskurs anzuhalten, Erwartungen zu wecken und Symmetrien aufzubrechen. Er ist ein Musiker, der bereits bestimmte harmonische Kühnheiten des 19. Jahrhunderts vorwegnimmt, ohne dabei jemals den Sinn für die französische Deklamation zu verlieren.

Diese Produktion wird konzertant aufgeführt. Was trägt dieses Format zum Hörerlebnis und zur dramatischen Intensität des Werks bei?

S. F.: Die Oper als Konzert bietet einen erheblichen Vorteil: Das Orchester wird zum vollwertigen Akteur des Dramas. Die Schlachten, die Wutausbrüche, die Zärtlichkeiten, die höllischen Träume – alles spielt sich an den Orchesterpulten ab, vor den Augen des Publikums. Man sieht, wie die Musik die Handlung gestaltet, anstatt sie lediglich zu begleiten. Das ersetzt natürlich keine Inszenierung mit Kostümen und Bühnenbild, aber unsere Sänger sind Theaterkünstler, die es gewohnt sind, eine Rolle zu verkörpern, auch ohne Requisiten oder Kostüme. Dieses Format lenkt die Aufmerksamkeit auf das Klangmaterial, auf die Schönheit der Klangtexturen, auf die Alchemie zwischen Stimme und Orchester. Wenn man ein Liebesduett hört, sieht man die Bögen, die den Klangteppich weben, man nimmt den Atem, die Anschläge und die Resonanzen wahr. Es ist ein reineres, direkteres Hörerlebnis, bei dem sich das Drama eher vor unseren Ohren als vor unseren Augen entfaltet. Und in einer Tragödie wie „Medea“ ist die Sprache so kraftvoll, der Text so stark, dass die Konzentration auf das Wort und den musikalischen Ausdruck die emotionale Wirkung sogar noch verstärken kann.

Angel

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