Concerto Scirocco

Folías y Glosas

→Mit „Folías y Glosas“ lässt Concerto Scirocco die instrumentale Klangwelt Spaniens im 16. und 17. Jahrhundert neu erstehen. Von den ministriles und Tänzen bis zu Ostinatobässen und improvisierten Variationen führt Giulia Genini durch Werke von Cabezón, Ortiz, Falconieri und Praetorius – in einem Programm, in dem Formen wandern, sich verwandeln und immer neue Klangfarben annehmen.

Folías y Glosas

Mit Folías y Glosas. Legacies of the Spanish Golden Age, erschienen bei Arcana, tauchen Concerto Scirocco und Giulia Genini in die instrumentalen Praktiken des spanischen Goldenen Zeitalters ein. Eine einzige Klangfarbe gibt es hier nicht: Dem strahlenden Klang der alta cappella stehen intimere Consorts gegenüber, den Bläsern die Streicher, der vihuela und der Gitarre die Tasteninstrumente. In zweiundzwanzig Stücken durchmisst das Ensemble fast zwei Jahrhunderte Musik und folgt dabei zwei zentralen Praktiken dieses Repertoires: der folía als harmonischem Modell für Variationen und der glosa als Kunst, eine gegebene Linie auszuschmücken und neu zu erfinden.

So wird das Album zu einem regelrechten Klanglabor. Werke für Tasteninstrumente von Antonio de Cabezón wandern zu Zinken, Schalmeien, Posaunen und Dulzianen; Diego Ortiz’ Recercadas machen La Spagna und die Folía zum Spielfeld für Variationen; Josquins Mille regretz erscheint zunächst als Pavane von Tielman Susato und wird anschließend in einer Diminution von Giulia Genini erneut verwandelt. Von Stück zu Stück erscheint die Partitur weniger als festes Gebilde denn als Material, das sich versetzen, verzieren und neu zusammensetzen lässt.

Doch Spanien greift rasch über seine eigenen Grenzen hinaus. La Spagna zirkuliert durch ganz Europa; Michael Praetorius greift die Spagnoletta auf; und das spanisch beherrschte Neapel wird zu einem der wichtigsten Begegnungsorte zwischen iberischer und italienischer Tradition. Dort leitet Diego Ortiz die Real Cappella, und dort veröffentlicht Andrea Falconieri 1650 seine Tänze, Sinfonien und Folías. Letztere führen das Prinzip bis an die Schwelle des Hochbarock: zehn Variationen, die bereits die „moderne Folia“ ankündigen, bei der aus dem harmonischen Modell zunehmend eine eigenständige Melodie wird, die immer neu verwandelt werden kann.

Diese ständige Bewegung entspricht besonders gut der Identität von Concerto Scirocco, dessen Klangkern aus Zinken, Posaunen, Blockflöten und Dulzianen besteht. Unter der Leitung der Blockflötistin und Fagottistin Giulia Genini spielt das Ensemble mit wechselnden Klangmassen und Farben: dem Glanz der Bläser, dem raueren Ton des bajón, der Wärme der Gamben und dem rhythmischen Puls der Tänze. Folías y Glosas dokumentiert damit nicht nur die instrumentalen Praktiken des spanischen Goldenen Zeitalters, sondern gewinnt vor allem ihre Beweglichkeit, Freiheit und Spielfreude zurück.