Into the Winds & Les Corps Éloquents

Crosswinds – oder wie man die Tänze der Renaissance neu erfindet

→In ihrem Programm „Crosswinds“ ergründen die Ensembles Into the Winds und Les Corps Éloquents die Tänze der frühen Renaissance. Dabei schöpfen sie aus dem Atem der Alta Capella, der Instrumentalform jener Epoche, aus dem überlieferten Wissen der Tanzmeister sowie der neuplatonischen Vorstellungswelt der sieben klassischen Planeten. Es entsteht eine Aufführung, die kunstvoll zwischen historischer Rekonstruktion, szenischer Erfindung und einer zeitgenössischen Perspektive changiert. Darüber hinaus feiert Into the Winds am 18. September mit „Le grand Embrasement“ seine Rückkehr ins belgische Waha.

Crosswinds – oder wie man die Tänze der Renaissance neu erfindet
In "Crosswinds" verkörpern die Tänzerinnen und Tänzer die sieben Planeten der Vorstellungswelt der Renaissance: Kostüme, Farben und Requisiten verwandeln die Prinzipien des historischen Tanzes zu den Klängen der Alta Capella in rätselhafte Bühnenfiguren. © Dirk Letsch

Mit „Crosswinds“ trifft das auf historische Blasinstrumente spezialisierte Ensemble Into the Winds unter der Leitung von Adrien Reboisson auf die Compagnie Les Corps Éloquents, die sich unter der Ägide des Choreografen, Tänzers und Forschers Hubert Hazebroucq ganz dem historischen Tanz widmet. Diese vom Festival „Freunde Alter Musik Basel“ für die Saison 2026 in Auftrag gegebene Produktion verwebt die Klangwelt der „Alta Capella“ der frühen Renaissance – jener zeremoniellen, festlichen und eng mit dem Hoftanz verbundenen Instrumentalpraxis – mit dem profunden choreografischen Wissen der Tanzmeister an den italienischen, französischen und burgundischen Höfen. Ausgehend von den sieben großen Prinzipien des Renaissance-Tanzes, die tief in der neuplatonischen Vorstellungswelt und der Lehre der klassischen Planeten verwurzelt sind, kreieren die beiden Künstler ein Format, das sich weder der historischen Rekonstruktion noch dem bloßen Tanzkonzert zuordnen lässt. In diesem Interview sprechen Adrien Reboisson und Hubert Hazebroucq über die Genese ihres Projekts und die geduldige Arbeit mit teils fragmentarischen Quellen. Sie erörtern die feine Balance zwischen Rekonstruktion, Erfindung und Abstraktion – und erklären, warum sie eine Vision der Renaissance entschieden ablehnen, die im bloßen Bild des Hofes oder in historischen Kostümen erstarrt ist.

Können Sie uns die Entstehung dieses Projekts erläutern und es in wenigen Worten beschreiben?

Adrien Reboisson: Hubert und ich kennen uns nun seit 2015. Wir hatten zunächst anlässlich einer Produktion des Ensembles Doulce Mémoire zusammengearbeitet. Damals hatten wir bereits darüber nachgedacht, künstlerisch zu kooperieren, aber erst das Festival „Freunde Alter Musik Basel“ bot uns 2025 die Gelegenheit dazu, indem es uns vorschlug, ein gemeinsames Projekt zu realisieren. Wir haben uns dafür entschieden, vom Repertoire der frühen Renaissance zwischen 1450 und 1550 auszugehen. In dieser Zeit theoretisierten die Tanzmeister an den italienischen, französischen und burgundischen Höfen ihre Praxis und schufen so Musikstücke, die eng mit dem choreografischen Repertoire verbunden waren. Diese Zeit entspricht auch einem goldenen Zeitalter der „Alta Capella“, der zeremoniellen und festlichen Besetzung, die Oboen und historische Blechblasinstrumente vereint [Into the Winds ist auf Blasinstrumente spezialisiert], die häufig zur Begleitung des Tanzes eingesetzt und in der Ikonografie reichlich dargestellt wurde. Mit dieser Aufführung möchten wir dem Publikum einen Einblick in den Geist der Renaissance bieten. Es handelt sich fast um ein „Konzeptstück“, das seine Inspiration in Texten wie denen von Marsilio Ficino, einer großen Persönlichkeit der humanistischen Bewegung, findet.

Hubert Hazebroucq: Diese historische Epoche ist in der Tat wegweisend, da es sich um eine Zeit handelt, in der der Tanz den Status einer Kunstform erlangt. Zum ersten Mal wurden theoretische Untersuchungen dazu angestellt. Die Tanzmeister dieser Zeit haben uns daher nicht nur Choreografien überliefert, sondern auch Schriften, die eine Reflexion über den Tanz anregen und von denen einige dessen wesentliche Grundprinzipien präzisieren. Mit „Into the Winds“ war es nicht unser Ziel, eine Repertoirevorstellung zu schaffen, sondern vielmehr, ausgehend von Tänzen und Techniken jener Zeit eine Dramaturgie zu entwickeln, die ein zeitgenössisches Publikum anspricht.

Das Ensemble „Into the Winds“ mit den Tänzern Hubert Hazebroucq und Alix Coudray von der Compagnie „Les Corps Éloquents“ in „Crosswinds“. © Dirk Letsch

Was sind diese „großen Prinzipien“, auf die Sie sich bei dieser Aufführung gestützt haben?

H. H.: Diese sieben Prinzipien sind: das Maß, die Erinnerung, die Anordnung im Raum, die Luft, die Art und Weise, die Vielfalt der Dinge sowie die Bewegung, die als körperliche und musikalische Gesamtheit betrachtet wird. Um diese sieben Prinzipien zu verstehen, muss man in das analogische und neuplatonische Denken jener Zeit eintauchen. Wir haben jedes dieser Prinzipien mit einem der sieben klassischen Planeten in Verbindung gebracht, die jeweils auf Metalle, Körpersäfte und Farben verweisen … Diese Assoziationen finden sich in den fast magischen Spekulationen von Marsilio Ficino sowie in den Texten der Alchemisten wieder. Wir nutzen sie, um eine Vorstellungswelt und Assoziationen entstehen zu lassen: Für Saturn zum Beispiel, der mit der Melancholie und der schwarzen Galle im menschlichen Körper in Verbindung gebracht wird, wollte ich mich von Dürers gleichnamigem Stich inspirieren lassen.

A. R.: Man muss sich in der Tat vor Augen halten, dass man sich das Universum in der Renaissance als eine große Harmonie vorstellte. Die Planeten, die menschlichen Leidenschaften, die Körperbewegungen – auch durch die Humorallehre – alles war miteinander verbunden. Man glaubte, dass die sieben Planeten das Schicksal der Menschen bestimmten. Unser Projekt stützt sich auf diese Analogien, um eine Vorstellungswelt rund um jedes einzelne Stück zu entfalten.

Alix Coudray und Hubert Hazebroucq in „Aiere“, dem fünften Teil des Stücks, der dem Mars gewidmet ist. © Dirk Letsch
Angel

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