Das Vokalquartett PassiSparsi wurde kurz vor Ausbruch der Pandemie in Florenz gegründet und vereint die Stimmen von Martha Rook, Cora Mariani, Neri Landi und Lorenzo Tosi. Auf den ersten Blick mögen sie schüchtern und zurückhaltend wirken, doch auf der Bühne vollzieht sich eine Wandlung: Sie erwecken das Repertoire der Moresken zu neuem Leben und setzen es theatralisch in Szene. Diese polyphonen Renaissance-Gesänge, einst von den Mauren aus Spanien überliefert und auch als „Tänze der Narren“ bekannt, fesseln das Publikum durch ihre rätselhaften, bisweilen obszönen Texte. Ihr Repertoire entdeckten sie durch Orlando di Lasso, den wohl vielseitigsten und musikalisch kosmopolitischsten Komponisten des 16. Jahrhunderts. Er schuf eine Reihe von Moresken, inspiriert von seinen Streifzügen durch Neapel und, dem Ruf der Muse folgend, durch die Untiefen der Stadt. Ihr Debütalbum, „Apra Finestra! Canzone moresche“, ist jüngst bei NovAntiqua Records erschienen.
Wann habt ihr eure Gruppe gegründet und wie habt ihr ihren Namen gewählt?
Lorenzo Tosi: Wir stammen alle aus der Toskana und haben uns am Konservatorium Cherubini in Florenz kennengelernt, wo wir Renaissance- und Barockgesang studierten. Eine Ausnahme bildet unser Tenor Neri Landi, der eigentlich Violine studierte, dann aber zum Gesang wechselte, da er über eine außergewöhnlich seltene und kraftvolle Stimme verfügt. Wir sangen gemeinsam in verschiedenen Chorprojekten, wie es am Konservatorium üblich ist, und teilten sofort das Interesse an der Renaissance-Polyphonie, die an italienischen akademischen Einrichtungen nur sehr selten praktiziert wird. Wir bildeten vier klanglich gut aufeinander abgestimmte Stimmen, und so nahm unsere Zusammenarbeit ihren Anfang. Mit Cora Mariani hatte ich bereits zuvor gesungen, als wir 2018 gemeinsam einen Workshop für Alte Musik unter der Leitung von Walter Testolin besuchten.
Martha Rook: Cora und ich kannten uns ebenfalls bereits und hatten angefangen, gemeinsam in einem Ensemble zu singen, das hauptsächlich Polyphonie zeitgenössischer Komponisten aufführte. Da sich auch Neri intensiv mit polyphoner Musik, insbesondere geistlicher Musik, beschäftigt hatte, fanden unsere Wege am Konservatorium schließlich zusammen. Wir beschlossen: „Lass es uns versuchen.“ Unser gemeinsamer Weg begann 2019 mit einem ersten Konzert; es war ein Experiment, um herauszufinden, wohin uns diese geteilte Begeisterung führen würde.
L. T.: Eine weitere Meisterklasse, ebenfalls bei Walter Testolin, hat unseren Zusammenhalt als Gruppe weiter gefestigt; damals beschlossen wir, unseren endgültigen Namen anzunehmen: PassiSparsi. Dieser Titel entstammt einem Madrigal von Sebastiano Festa (1490–1524) nach einem Text von Petrarca. Das Bild der „passi sparsi“ (verstreuten Schritte) fand in unserer Gruppenidentität großen Anklang, denn wir sind vier Persönlichkeiten, die eigentlich nur eines gemeinsam haben: unsere toskanische Herkunft. Davon abgesehen unterscheiden wir uns grundlegend voneinander – in unseren Stimmfarben ebenso wie in unseren akademischen Werdegängen, unseren künstlerischen Sensibilitäten und Lebenswegen. Wir verstehen uns als eine Gruppe, welche die Individualität im Klang nicht ausblendet, sondern sich im Gegenteil gerade aus dieser Individualität nährt…
Was waren die wichtigsten Momente, die es euch ermöglicht haben, als Gruppe zu wachsen und den Entschluss zu fassen, eure ersten Schritte zu machen?
M. R.: Aus mehreren Gründen war gerade das erste Konzert am 13. August 2019 von zentraler Bedeutung. Es markierte nicht nur unser Debüt; wir begannen damals auch zu begreifen, dass wir eine theatralische Ausrichtung verfolgen wollten, wenngleich dies seinerzeit nur die Keimzelle dessen war, was unsere heutigen Aufführungen prägt. Auf Lorenzos Vorschlag hin wählten wir das Buch der Villanellen und Moresken von Orlando di Lasso und entschieden uns für den Titel „Cantar per scherzo“, der über Jahre hinweg unsere künstlerische Visitenkarte bleiben sollte.
Ich würde sagen, dass vor allem die Persönlichkeit Orlando di Lassos unser Ensemble geprägt hat. In der Folge beschlossen wir, uns diesem weitgehend unerforschten weltlich-humoristischen Repertoire des 16. Jahrhunderts zu widmen und dessen theatralisches Potenzial zu vertiefen. Ich erinnere mich noch gut, wie wir uns bei der Aufführung der Moreske „Lucia celu“ fragten: „Was bedeutet dieses Stück, das sich so sehr von den anderen unterscheidet?“ Wir verstanden damals zwar kaum etwas vom tieferen Sinn, doch dieser Moment war die entscheidende Initialzündung für unsere Geschichte und hat uns dorthin geführt, wo wir heute stehen. Rückblickend war dies einer der wichtigsten Momente.
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