Mit J. S. Bach: Köthener Trauermusik, erschienen bei Linn Records, rückt Solomon’s Knot eines der bedeutenden verlorenen Werke Bachs wieder ins Zentrum. Die Musik entstand für die am 23. und 24. März 1729 in Köthen abgehaltenen Trauerfeierlichkeiten für Fürst Leopold, Bachs früheren Arbeitgeber und engen Vertrauten. Keine Partitur ist überliefert. Erhalten sind jedoch Picanders Text, das Programmheft der Zeremonie, das Datum sowie mehrere Angaben zu den Mitwirkenden: genug, um die Architektur eines Werks zu rekonstruieren, dessen Arien und Chöre offenbar in großem Umfang auf andernorts überliefertes Material zurückgriffen.
Ausgangspunkt ist ein bei Bach vertrautes Verfahren: die Parodie, also die Wiederverwendung bereits existierender Musik für einen neuen Text. In der Forschung besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass sich hinter der Trauermusik Musik aus der Matthäus-Passion BWV 244.1 und der Trauerode BWV 198 verbirgt, die zwei Jahre zuvor anlässlich des Todes Christiane Eberhardines entstanden war. Doch das Bild bleibt unvollständig: Gerade für die Rezitative ist kein überliefertes Modell bekannt, das sich mit Sicherheit übertragen ließe.
Hier setzt Chad Kelly an, den Solomon’s Knot in Abstimmung mit seinem Künstlerischen Leiter Jonathan Sells mit dieser neuen Rekonstruktion beauftragt hat. Statt Rezitative aus der Matthäus-Passion oder der Trauerode auf Picanders Verse zu übertragen, komponiert Kelly neue, eigens auf den Text zugeschnittene Rezitative. Dasselbe gilt für das Dictum „Wir haben einen Gott“, für das sich kein geeignetes Bach-Modell fand, das die Prosodie natürlich hätte wiedergeben können. Das Projekt bekennt sich damit bewusst zu einem schöpferischen Anteil: Es geht nicht darum, eine verlorene Partitur Note für Note zurückzugewinnen, sondern dort, wo die Quellen verstummen, eine historisch begründete Lösung anzubieten.
Die Rekonstruktion versucht zugleich, die Dramaturgie der Feierlichkeiten von 1729 nachzuzeichnen. Sie stützt sich dabei auf eine Hypothese von Andrew Parrott und unterscheidet zwischen einer intimen nächtlichen Sequenz, die möglicherweise die private Beisetzung am 23. März begleitete, und einem öffentlicheren, feierlicheren Teil für die Gedenkfeiern am folgenden Tag. Der erste Abschnitt beginnt mit der Sinfonia aus der Kantate BWV 21; der zweite weitet sich mit „Klagt, Kinder, klagt es aller Welt“ zu einem kollektiven Trauergesang. Zwei Choräle, deren Verwendung bei der Beisetzung belegt ist, wurden ebenfalls an gezielten Stellen wieder eingefügt.
Ein weiteres aufschlussreiches Detail: Wo die Rekonstruktion Musik aus der Matthäus-Passion übernimmt, folgt sie der ältesten erhaltenen Quelle dieser Fassung, die später von Johann Christoph Farlau kopiert wurde. Einige Unterschiede in der Instrumentation verändern dabei die Klangfarben: In der Arie, die „Komm, süßes Kreuz“ entspricht, wird die obligate Gambenstimme hier der Laute übertragen, was den intimeren Charakter des Beginns der Zeremonie zusätzlich verstärkt.
Auch klanglich trägt die Aufnahme unverkennbar die Handschrift von Solomon’s Knot. Das Ensemble musiziert ohne Dirigenten vor dem Klangkörper, die Solistinnen und Solisten singen auswendig, und im Mittelpunkt steht die unmittelbare Beziehung zwischen Stimmen, Instrumenten und Text. Acht Sängerinnen und Sänger teilen sich die solistischen und chorischen Partien, darunter Jonathan Sells; hinzu kommt ein Orchester mit Streichern, zwei Gamben, Lauten, Flöten, Oboen, Fagott und Orgel. Die Rekonstruktion wurde am 6. und 7. Juni 2025 in der Dreieinigkeitskirche Regensburg im Rahmen der Tage Alter Musik live aufgenommen, in Koproduktion mit Deutschlandfunk Kultur.
Das Ergebnis trägt den hypothetischen Charakter des Projekts bewusst offen zur Schau. Es erhebt nicht den Anspruch, das Rätsel der Köthener Trauermusik endgültig zu lösen, sondern macht es zu einem Interpretationsraum an der Schnittstelle von Musikwissenschaft, Rekonstruktion und schöpferischer Arbeit. Eine Möglichkeit, ein Werk wieder hörbar zu machen, von dem fast alles erhalten ist – nur eben gerade nicht die Noten.


Sie müssen eingeloggt sein, um Kommentare abgeben zu können.
Anmelden