3/3 – Vom Archiv auf die Bühne: 1470 heute wiederbeleben

Anna Danilevskaia: Das Leuven-Chansonnier in ein modernes Konzertformat übersetzen 

→Durch das Hören der Musik des 15. Jahrhunderts hat das Ensemble Sollazzo allmählich ihren Rhythmus verinnerlicht – einen Rhythmus aus Wiederholung und Melancholie.

Anna Danilevskaia: Das Leuven-Chansonnier in ein modernes Konzertformat übersetzen 
© Johan Beckers
Serien
Vollständige Geschichte:
  1. Teil 1:

    Anna Danilevskaia: Meine 7 Jahre mit dem „Leuven Chansonnier“

  2. Teil 2:

    Anna Danilevskaia: das Abenteuer der 4 CDs des „Leuven Chansonnier“

  3. Teil 3:

    Anna Danilevskaia: Das Leuven-Chansonnier in ein modernes Konzertformat übersetzen 

Ein mittelalterliches Manuskript von 1470 kann auch heute noch unsere Art zu hören bereichern und unser Verständnis von Musik erweitern: Anna Danilevskaia zieht Bilanz nach sieben Jahren musikwissenschaftlicher und künstlerischer Arbeit mit dem Leuven-Chansonnier  – und macht dabei einige überraschende Beobachtungen. 

2018: Stil und Ausdruck gewinnen an Tiefe 

Eine auffällige Eigenschaft der Lieder aus dem Chansonnier de Louvain ist für uns heutige Hörerinnen und Hörer ihre besondere Melancholie. Und ja, diese ist zweifellos vorhanden – doch sie wirkt nicht düster oder schwer. Es ist eine Melancholie, die sich von Strophe zu Strophe entfaltet, reicher wird, an Nuancen gewinnt, während sich das Stück entwickelt. Gleichzeitig besteht die Gefahr, diese Melancholie mit Sinnlichkeit zu verwechseln: Manche Texte sind sehr intim, fast lasziv – und weil die Musik oft langsam ist und eine schwebende Qualität hat, neigen wir dazu, eine Traurigkeit hineinzuhören, die sie gar nicht unbedingt ausdrückt. 

Diese mittelalterliche Melancholie, die so präsent scheint, ist durchaus vielgestaltig: mal schmerzlicher, mal eher kontemplativ. Für uns war es eine spannende Herausforderung, genau diese feinen Unterschiede hörbar zu machen. Es brauchte eine differenzierte Herangehensweise in der Interpretation, damit jedes Stück seinen ganz eigenen Charakter entfalten kann. 

Ein mittelalterliches Repertoire im heutigen Konzertformat 

Unsere Hörgewohnheiten richten sich heute stark nach einem Prinzip: dem Kontrast. Ob kurze oder lange Stücke – wir erwarten musikalische Gesten, überraschende Wechsel, Kontraste, die unsere Aufmerksamkeit leiten. Dieses Bedürfnis ist uns inzwischen so selbstverständlich geworden, dass wir es kaum noch bemerken. Die Musik des Chansonnier de Louvain funktioniert jedoch ganz anders. Überraschung ist hier nicht ausgeschlossen, aber sie folgt anderen Regeln, die musikalischen Formen entfalten sich in einem anderen Zeitverständnis. Aussagen werden wiederholt, und gerade diese Wiederholungen geben den Stücken ihre Struktur und Identität. Das macht Raum für Feinheiten – für Details, die in dieser Ästhetik nicht nur Beiwerk, sondern tragend sind. 

Das Hören des Chansonnier kann für viele ein Rückzugsort sein – in einer Welt, die so laut und schnell geworden ist. 

© Johan Beckers

Sich auf einen anderen Rhythmus einlassen 

Bei der Konzeption unserer Konzertprogramme war es uns also wichtig, gleich zu Anfang Raum für einen Moment des Übergangs zu schaffen – damit das Publikum sich auf diese andere Art von musikalischem Fluss einlassen kann. Es geht darum, sich intuitiv auf das ungewohnte Format einzustellen, seine eigene Hörwahrnehmung umzustellen, sich dem anderen Rhythmus zu öffnen. Wenn dieser Punkt erreicht ist, entsteht oft eine besondere Art von Aufnahmebereitschaft. Und ich glaube, dass genau dieses Hören für viele heute ein wohltuender Gegenpol sein kann – in einem Alltag, der von Tempo und Lärm geprägt ist. 

Das ist besonders interessant im Vergleich zu unserem anderen Lieblingsrepertoire, der italienischen Trecento-Musik – da ist es genau umgekehrt! Aber ich finde, in der Fähigkeit, mit verschiedenen Arten des Zuhörens umzugehen, liegt ein Gewinn. Für Sollazzo ist es ein großes Glück, in so unterschiedliche musikalische Welten eintauchen zu dürfen. 

Die entscheidende Unterstützung durch die Alamire-Stiftung 

Ein so langfristiges und ambitioniertes Projekt erforderte erhebliche finanzielle Mittel. Die Alamire-Stiftung hat das gesamte Vorhaben vollständig finanziert und dabei sowohl die musikwissenschaftliche als auch die künstlerische Forschungsarbeit koordiniert. Die Stiftung hatte eine besonders schöne und kluge Idee: Für jedes Stück des Chansonnier sollten Patinnen und Paten gefunden werden. Und manche von ihnen waren auch wirklich tief bewegt von dieser Musik und wollten sich gezielt engagieren – sie übernahmen die Patenschaft für ein bestimmtes Werk und unterstützten die Forschung an gerade diesem Stück. Ohne diese Form der Unterstützung hätte das Projekt nicht realisiert werden können, denn sie war entscheidend dafür, dass diese fast vergessene Musik nicht nur in Archiven, sondern auch auf der Bühne, vor einem lebendigen Publikum, wieder zum Leben erweckt werden konnte. 

© Johan Beckers

Die Zusammenarbeit zwischen dem Label Passacaille, Ambronay Édition und der Alamire-Stiftung 

2017 waren wir Teil des Programms EEEMERGING, das junge Ensembles auf ihrem Weg begleitet. Aus diesem Kontext ergab sich eine Exklusivbindung an die  Ambronay Edition – was zur Frage führte, wie wir es mit den geplanten Aufnahmen des Chansonnier de Louvain machen würden, die ursprünglich beim belgischen Label Passacaille erscheinen sollten. Statt in Konkurrenz zu treten, entschieden sich dann alle Beteiligten dafür, ihre Ressourcen zu bündeln und gemeinsam an dieser Produktion zu arbeiten. Das Ergebnis war eine Veröffentlichung unter zwei verschiedenen Labels – ein sehr kluger Schritt, finde ich, denn so konnte dem Projekt deutlich mehr Sichtbarkeit verschafft werden. 

Sieben Jahre Entwicklung: Sollazzo im Wandel 

Das Leuven-Chansonnier hat auch für das Ensemble Sollazzo einen echten Wandel angestoßen – hin zu mehr Offenheit. Aus einem festen Kern von Musikerinnen mit ähnlichem Hintergrund wurde über die Jahre eine Gruppe mit sehr unterschiedlichen künstlerischen Biografien und Schwerpunkten. Dieses Projekt hat es uns ermöglicht, mit Musikerinnen aus ganz verschiedenen Richtungen zu arbeiten – und im Rückblick sehe ich, wie stark sich unser Ensemble dadurch geöffnet und weiterentwickelt hat.  

Die sieben Jahre mit dem Chansonnier waren also ein Meilenstein für mich – sie haben meine künstlerische Haltung und meine musikalischen Ziele geprägt. 

Vielfalt in der Interpretation 

Es ist faszinierend zu beobachten, wie unterschiedlich zentrale musikalische Konzepte verstanden und umgesetzt werden – je nachdem, wo und wie die Musiker studiert haben. Und das, obwohl sie sich oft auf dieselben Quellen stützen, mit ebenso sorgfältiger Auseinandersetzung damit. 

Ein Beispiel: Etwas so scheinbar Einfaches wie der Schluss einer musikalischen Phrase – die Kadenz – kann ganz verschieden gestaltet werden. Manche bauen vor dem Schlussakkord eine Spannung auf, indem sie die vorletzte Note betonen, andere tun genau das Gegenteil. Und doch beruhen beide Lesarten auf denselben historischen Quellen! Das zeigt, wie vielfältig die Deutungen sein können – und dass diese Vielfalt auch damals vermutlich nicht unüblich war. Ich mag es sehr, wenn sich diese unterschiedlichen Ansätze innerhalb des Ensembles begegnen. Genau darin liegt für mich der Reichtum! 

Ein Projekt, das mein Leben geprägt hat 

Die sieben Jahre, die ich dem Chansonnier gewidmet habe, waren prägend für meinen Weg als Musikerin. Sie haben mich in meiner künstlerischen Haltung und meinem musikalischen Ausdruck nachhaltig geformt. Was anfangs wie ein viel zu monumentales Projekt wirkte, hat sich Schritt für Schritt konkretisiert – Stück für Stück, Takt für Takt. Es war ein langes, intensives Zwiegespräch mit dem musikalischen Material selbst, ein Prozess des Aufnehmens, Verstehens und ständigen Hinterfragens. 

Dabei ging es nicht darum, irgendeine Form von vollständiger Beherrschung zu erreichen, sondern darum, wie sehr dieses Projekt mein Denken, mein Arbeiten, ja mein ganzes künstlerisches Selbst beeinflusst hat. Es war meine Ausbildung – meine ganz eigene künstlerische Schule in der echten Welt. Und ich gehe aus dieser Zeit mit einem großen Schatz an Erfahrungen hervor – aber vor allem mit neuen Fragen! 

  • 15. Mai — The Harvard Center for Italian Renaissance Studies, Villa I Tatti
  • 17. Mai — Prague Spring 
  • 4. Juni — Festival Concentus Moraviae, Brno (Tschechien) 
  • 5. Juni — Bratislava 
  • 8. Juni — Tage Alte Musik, Regensburg 
  • 29. Juni — Meerstimmig Ghent 
  • 10. Juli — York Early Music Festival 
  • 1. August — Bruges MA Festival 
  • 29. August — Laus Polyphoniae, Antwerpen 
  • 2. September — Festival Oude Muziek, Utrecht 
  • 10. September — Les Nuits de Septembre, Lüttich