2/3 – Vom Manuskript ins Studio: Die Gesamtausgabe auf vier CDs

Anna Danilevskaia: das Abenteuer der 4 CDs des „Leuven Chansonnier“

→Aufnahme nach der Wiederentdeckung des Manuskripts: Anna Danilevskaia und Sollazzo konnten es vollständig einspielen.

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Anna Danilevskaia: das Abenteuer der 4 CDs des „Leuven Chansonnier“
© Johan Beckers

Der Leuven Chansonnier – das ist die Geschichte eines bedeutenden musikalischen Manuskripts, das Anfang der 2000er Jahre wiederentdeckt wurde: Die französische Fiedel-Spielerin Anna Danilevskaia und ihr Ensemble Sollazzo begleiteten zunächst seine Wiedergeburt – und erhielten dann die Möglichkeit, alle 50 Stücke auf vier CDs einzuspielen. Eine unwiderstehliche Chance – und zugleich eine echte künstlerische Herausforderung! 

Die vollständige Aufnahme des Chansonnier: ein monumentales Unterfangen 

2018, nach dem „Marathon“ im AMUZ, wurde uns angeboten, das gesamte Manuskript aufzunehmen. Das war ein aufregender Vorschlag – aber auch ein gewaltiges Wagnis, denn wir sprechen da von 50 Stücken! Schon eine einzige Komposition in ihrer literarischen, musikalischen und emotionalen Tiefe zu ergründen, erfordert intensives Engagement. Aber 50? Es sollte ja am Ende nicht bloß ein musikwissenschaftliches Dokument entstehen – es musste lebendig, künstlerisch, ausdrucksstark bleiben. Anfangs war ich unentschlossen. Dann habe ich mich erneut in das Manuskript vertieft, in die Stücke, die wir noch nicht erarbeitet hatten … und ich beschloss, dass wir es wagen würden. Wir nahmen vier CDs auf, arbeiteten uns Kapitel für Kapitel voran und wählten jeweils die Werke aus, die uns am meisten inspirierten. Diese Erfahrung hat mir die Augen geöffnet: 2017 hatte ich zunächst jene Stücke ausgesucht, die auf dem Papier am vielversprechendsten wirkten. Doch im Verlauf der Arbeit entdeckte ich Werke, die ich unterschätzt hatte – und die mich zutiefst berührten. Das wiederholte sich bei jedem Abschnitt des Projekts. Zwischen den Noten und dem klingenden Ergebnis klaffte mitunter ein Abgrund – den allein die Interpretation zu überbrücken vermag. 

© Johan Beckers

Sich dem Zeitgefühl des Rondeau annähern 

Eine weitere Herausforderung war, dass 42 der 50 Stücke Rondeaux sind; eine für die damalige Zeit typische musikalische Form mit sehr eigenem Charakter. Das Rondeau folgt einem Wiederholungsmuster AB mit zahlreichen Rückgriffen (AB-AA-AB-AB) – also einer Struktur, die unseren modernen Hörgewohnheiten vollkommen fremd ist. Wir mussten uns auf eine andere Art des musikalischen Denkens einlassen, eine, in der Wiederholung als Konzept und strukturelles Element Sinn macht. Nach dreimaligem Erklingen des Teils A kann der Übergang zu B sich wie eine Befreiung anfühlen, oder aber wie ein Schritt ins Ungewisse. Man muss das körperlich spüren, in der Interpretation mittragen. Es ist ein ganz anderes Verständnis von Zeit und Spannung als das, was wir heute gewohnt sind. 

Angel

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