Caen, Rennes, das Théâtre de l’Athénée in Paris, Reims, La Rochelle, Amiens, die Opéra Royal in Versailles… Molière erfreut sich auch in diesem Jahr ungebrochener Beliebtheit. Den gesamten März hindurch erwecken Vincent Dumestre und Le Poème Harmonique „L’Avare“ zu neuem Leben: eine musikalische Rarität des Italieners Francesco Gasparini, komponiert im Jahr 1720, vierzig Jahre nach der Entstehung von Molières Originalstück. Eine köstliche und unerwartete italienische Neuinterpretation, bevor sich das Ensemble auf den Weg nach Polen macht, Richtung Krakau, zu einer neuen Ausgabe von Misteria Paschalia, einem der großen europäischen Festivals für geistliche Musik. Eine Begegnung mit einem Dirigenten, dessen Terminkalender in diesem Frühjahr 2026 kaum eine Atempause lässt.
Sie lieben es, wenig bekannte Komponisten und Werke ins Rampenlicht zu rücken. Warum haben Sie sich 2026 für Gasparinis „L’Avare“ entschieden?
Vincent Dumestre: Es gibt eine absolut faszinierende Verbindung zwischen dieser italienischen Musik und der französischen Kultur – eine Verbindung, deren Facetten ich wohl noch längst nicht alle ergründet habe. Im Venedig des 18. Jahrhunderts ist Molière allgegenwärtig: Man liebt ihn oder man hasst ihn, aber er prägt das gesamte Jahrhundert bis hin zu Galuppi. Molière ist Teil des kollektiven Unterbewusstseins der Italiener. Es ist spannend zu beobachten, dass ein Komponist wie Gasparini, der heute relativ im Schatten steht, zu seiner Zeit aber ebenso berühmt war wie Vivaldi, so unmittelbar aus diesem theatralischen Universum schöpfte. Gasparini komponierte eine Vielzahl von Intermezzi, die als Zwischenspiele in Opere serie eingefügt wurden und oft auf Situationen oder Figuren basierten, die Molière erdacht hatte. In dieser Hinsicht ist „L’Avare“ besonders interessant, da das Stück – ganz im Gegensatz zum „Bourgeois gentilhomme“ – nie dafür gedacht war, vertont zu werden. Vierzig Jahre nach dem Originalstück macht Gasparini daraus ein regelrechtes musikalisches Laboratorium: Er reduziert die Handlung auf drei Figuren, übernimmt jedoch die Situationen wortgetreu, manchmal sogar samt einiger französischer Vokabeln. Das berühmte „Ma cassette ! Où est ma cassette ?“ ist beispielsweise im Originalwortlaut erhalten geblieben.
Das Libretto nimmt eine starke dramatische Verdichtung vor…
V. D.: Ja, und genau das macht es so brillant. Bei einer Besetzung von nur zwei oder drei Gesangspartien muss alles auf den Punkt gebracht werden. Die Figur des Geizigen, hier auf den Namen Pancrazio getauft, entspricht exakt der Vorlage Molières. Vor allem aber sind sämtliche anderen Rollen in einer einzigen weiblichen Figur gebündelt: Fiammetta. Sie ist überaus reich, von einer außergewöhnlichen Intelligenz und Lebhaftigkeit, und bietet diesem starrsinnigen Greis unerschrocken Paroli. In Wahrheit vereint sie die gesamte Galerie der Nebenfiguren des Originalstücks in sich.

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