Während der Covid-Zeit hat Rinaldo Alessandrini, Cembalist und Gründer von Concerto Italiano, ein wenig bekanntes Korpus von Madrigalen freigelegt, komponiert von einem Kreis neapolitanischer Adliger im Umfeld Carlo Gesualdos um 1600. Durch die Transkription mehrerer hundert Werke sowie den Abgleich von Quellen, Anthologien und Netzen von Patronagen macht er eine eigentliche Schule sichtbar: kühn, dicht gearbeitet und von einer expressiven Originalität, die die Geographie des italienischen Madrigals in neuem Licht erscheinen lässt. Sein Album Stravagante pensiero bietet die erste klangliche Synthese dieser Entdeckung.
Wie ist dieses Projekt entstanden, das ein neues Licht auf das Madrigal zu werfen scheint?
Rinaldo Alessandrini: Während der Covid-Zeit hatte ich – wie alle – sehr viel Zeit. Bei der erneuten Lektüre einiger Texte stieß ich auf den Kommentar zur Einleitung des fünften Madrigalbuchs von Claudio Monteverdi, verfasst von seinem Bruder Giulio Cesare: die Dichiarazione della lettera stampata, veröffentlicht am Ende der Scherzi musicali von 1607. Darin kommentiert er Zeile für Zeile Claudios Text und nennt jene Musiker, die er als Vertreter der seconda pratica betrachtet.
Wer genau stand in dieser Liste?
R.A.: An einer Stelle stellt er zwei Listen auf. In der ersten: Cipriano de Rore, Gesualdo, De’ Cavalieri, Tomaso Pecci, Alfonso Fontanelli und ein Graf von Cammerata, vermutlich Sebastiano Branciforte. Mit Ausnahme von de Rore sind das alles Adelige. In der zweiten Liste fügt Monteverdi Marenzio, Wert, Luzzaschi und Ingegneri hinzu. Fontanelli kannte ich, aber wer waren Pecci und Branciforte? Ich fand zwei Madrigalbücher von Pecci, transkribierte sie – und entdeckte eine Musik von erheblicher Bedeutung. Monteverdi hatte recht!
Wie kamen Sie von dort nach Neapel und zu dieser unbekannten Konstellation?
R.A.: In der Fortsetzung meiner Recherchen stieß ich auf eine neapolitanische Anthologie um 1615, die Nuova scelta de’ madrigali. Dort erscheinen Gesualdo, Pecci und Fontanelli – oft anonymisiert, da adelig –, aber auch Dentice und Genuino. Es tat sich ein enormer Horizont auf: der einer Gruppe von Komponisten, die um Gesualdo herum, und über ihn hinaus, arbeiteten und teils in einem noch gesualdischeren Stil schrieben als Gesualdo selbst. Diese Welt der adligen Komponisten führte mich zum System der sedili, den repräsentativen Versammlungen Neapels: fünf Sitze der Adelsfamilien, ein sechster für das Volk, später abgeschafft. Diese Ordnung, gedacht zur Kontrolle der Stadt und zur Eindämmung der spanischen Vorherrschaft, fungierte zugleich als kultureller Rahmen. Viele dieser Familien komponierten. Auf der CD finden sich Della Marra, Genuino, Dentice und weitere.
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