Junge Talente

Olivier Bergeron: Ein Bariton aus Québec und Fan von Charpentier 

→Als Liebhaber der französischen Sprache und der Stimmen, die sich zwischen den klassischen Stimmfächern bewegen, findet Olivier Bergeron bei Charpentier ein ideales Betätigungsfeld. Mit 29 Jahren macht der Bariton aus Québec den Komponisten zu einem roten Faden seines Jahres 2026. Als in Montréal und Paris ausgebildeter Preisträger des „Jardin des Voix“ geht er in diesem Sommer erneut mit Les Arts Florissants und William Christie auf Nordamerika-Tournee, bevor er in Montréal als Papageno debütiert.

Olivier Bergeron: Ein Bariton aus Québec und Fan von Charpentier 
© Robin P. Gould

Olivier Bergeron hat in den Werken Marc-Antoine Charpentiers ein nahezu ideales Betätigungsfeld gefunden: das des, Basse taille der die klangliche Klarheit des Baritons mit der flexiblen Deklamation und den rhetorischen Anforderungen der französischen Sprache vereint. Nachdem er im Januar an dem Programm Les Victoires de Louis XIV mit Le Concert Spirituel unter der Leitung von Hervé Niquet teilgenommen hatte, eine Produktion, die für Château de Versailles Spectacles aufgezeichnet wurde, wird er in diesem Sommer gemeinsam mit Les Arts Florissants und William Christie erneut mit dem Repertoire des Komponisten arbeiten. Als Preisträger der 12. Ausgabe des „Jardin des Voix“ wird er zunächst die Rolle der Discorde in Les arts florissants interpretieren und im Anschluss die Partien des Apollon und des Titye in La Descente d’Orphée aux Enfers im Rahmen einer Nordamerika-Tournee, die ihn nach Toronto, Lanaudière, Tanglewood und Caramoor führt. Ausgebildet am Conservatoire de musique de Montréal, an der École normale de musique de Paris sowie am Atelier lyrique von Opera Fuoco und als Absolvent des Atelier lyrique des Verbier Festivals, etabliert sich der aus Québec stammende Bariton zunehmend als eine der vielversprechendsten Stimmen der neuen Generation. Ausgezeichnet mit dem Prix Choquette-Symcox 2018 und unterstützt durch die Fondation JM Canada, die Fondation Royaumont sowie die Art Song Foundation of Canada, verfolgt er erfolgreich eine Karriere zwischen Europa und Nordamerika. Obwohl er sich entschieden der Alten Musik und dem französischen Repertoire zugewandt hat, verzichtet er nicht auf Mozart, den Belcanto oder das französische Kunstlied. So wird er im kommenden Herbst in Montréal als Papageno in Die Zauberflöte auf der Bühne stehen.   

Zu Charpentier: „La Discorde“ in „Les arts florissants“, Apollon und Titye in „La Descente d’Orphée aux Enfers“… Diese Rollen wurden alle von ein und demselben Interpreten, Pierre Beaupuis, uraufgeführt. Haben Sie sich für seine Geschichte interessiert? 

Olivier Bergeron: Es ist amüsant, dass Sie mich genau darauf ansprechen. Als ich die Partituren erhielt, fiel mir sofort auf, dass der Name Beaupuis genau auf der Höhe der Basse taille notiert war. Meiner Ansicht nach findet sich die schönste Musik Charpentiers genau in diesen Notenzeilen. 

Basse taille, sagen Sie? 

 O. B.: Tatsächlich existierte die Bezeichnung „Bariton“ für diese spezifische Stimmlage damals noch nicht. Analysiert man die Musik genauer, welche Charpentier für Beaupuis und Germain Carlier, die beiden Basse tailles im Dienste der Herzogin von Guise, komponierte, fallen häufig optionale höhere Noten auf. Alles deutet folglich darauf hin, dass Beaupuis nach heutigem Verständnis eher ein Bariton als ein klassischer Bass war. Es ist für mich sehr faszinierend, einen Musiker zu entdecken, der vor vierhundert Jahren in einer völlig anderen Epoche lebte und dennoch ganz ähnliche stimmliche Eigenschaften aufwies wie ich selbst. 

Das heißt?  

O. B.: Bis Anfang zwanzig stellte sich mir noch die Frage, ob ich Bariton oder Tenor sei. Ich hatte eine recht helle Stimme, der die hohen Töne leichtfielen, die aber auch tiefe Töne besaß, die sich nach und nach entwickelten und nicht unbedingt auf eine Weiterentwicklung in den hohen Lagen hindeuteten. Ich befand mich also immer ein wenig in einer Zwischenposition. 

Wie kam es zu dieser Neigung zum Experimentieren?  

O. B.: Als ich mit 10 oder 11 Jahren die Oper für mich entdeckte, lag der Schwerpunkt meines Interesses zunächst vor allem auf dem Standardrepertoire, der italienischen oder französischen Oper, der großen romantischen Oper. Ich hatte nicht unbedingt eine Affinität oder ein Interesse für Barockmusik, aber im Rahmen meines Studiums am Konservatorium ergab sich die Gelegenheit, einen entsprechenden Kurs zu belegen. Dieser fand jeweils am Donnerstagabend bei Luc Beauséjour statt, einem renommierten Cembalisten, Organisten und Kammermusiker aus Québec. Es gab keinen festen Rahmen. Ich erschien völlig ohne Erwartungen und fand mich schließlich jede Woche dort wieder, um bis zur Erschöpfung die Kantaten von Campra und Rameau zu entdecken. Das Fundament meiner Begeisterung für das barocke Repertoire wurde genau in diesem Studio gelegt. 

Welche Komponisten haben Ihr Herz zuerst erobert? 

O. B.: Ich hatte schon immer eine große Leichtigkeit und eine Affinität zur Musik von Campra, die ich als Student gesungen habe und weiterhin singe, insbesondere die Rolle des Tancrède. Bereits in meinem zweiten Jahr am Konservatorium erhielt ich die Titelrolle in Monteverdis „Orfeo“. Ich hatte das Glück, das Werk in dieser Zeit mit Luc Beauséjour einstudieren zu dürfen. 

Und Charpentier? 

O. B.: Würde man mich nach meinem Lieblingskomponisten fragen, fiele meine Antwort zweifellos auf ihn. Seine Musik berührt mich zutiefst, sei es in der aktiven Rolle des Interpreten oder als reiner Zuhörer. Sie vermag zugleich gewaltig und ungemein kostbar zu sein, voller Details. Seine Opern zu entdecken und zu erkennen, und nun zu wissen, dass Charpentier danach strebte, die musikalischen Formen seiner Zeit zu erweitern, weckt in mir eine tiefe Verbundenheit mit ihm. 

In „Il mondo alla roversa“ an der Opéra Grand Avignon im Jahr 2019. © Cédric Delestrade/ACM-Studio/Avignon

Wer hat Sie überhaupt zur Oper gebracht?  

O. B.: Bereits recht früh, im Alter von zwölf Jahren, nahm ich Gesangsunterricht bei Virginia Zeani. Diese legendäre, international gefeierte rumänische Sängerin [die in den USA lebte und zu den gefragtesten Gesangslehrerinnen zählte] war eine herausragende Sopranistin aus der Ära der Callas und interpretierte vorwiegend das romantische italienische sowie das französische Repertoire. Schon als Teenager wurde mir die immense Bedeutung der Diktion vermittelt, zu einer Zeit, als meine Stimme noch nicht einmal gebrochen war. Das hat mich auf meinem gesamten Weg begleitet und tut es bis heute.  

Meine Stimme hat sich erst allmählich entwickelt und befindet sich noch immer in einem stetigen Reifeprozess. In meinen Anfängen verfügte ich noch nicht über ein besonders großes Stimmvolumen. Um mich zu schonen – obgleich ich eigentlich den Scarpia in Puccinis „Tosca“ oder den Germont in Verdis „La Traviata“ singen wollte –, wurde ich zur Kammermusik und zur Barockmusik gelenkt. Anfänglich ließ ich mich nur widerwillig darauf ein, fand mich jedoch rasch in einer Welt voller Wunder wieder. Das Ergebnis: Heute widme ich einen großen Teil meines musikalischen Schaffens genau diesem Repertoire. 

Sie widmen sich vor allem dem französischen Repertoire… 

O. B.: Ja, ich habe ein Interesse am französischen Kunstlied, das insbesondere während eines Meisterkurses an der Domaine Forget [einer internationalen Akademie für Musik und Tanz für Jugendliche und angehende Profis in Québec] durch den berühmten französischen Bariton François Le Roux – einem Spezialisten für die Interpretation des französischen Kunstlieds– in mir geweckt wurde, als ich achtzehn Jahre alt war. Am Ende dieses Kurses bot er mir ein Stipendium an, um bei ihm in Paris das französische Kunstlied zu studieren. Ein ganzes Jahr lang habe ich an der École normale de musique nichts anderes getan. Ich habe sehr viel Gérard Souzay gehört, doch Camille Maurane bleibt mein absoluter Lieblingsbariton aus dieser Epoche. Heute werde ich gebeten, in vielen Sprachen zu singen – das liegt in der Natur meines Berufs –, aber ein ganz bewusster Teil meines Schaffens besteht darin, das französische Repertoire zu fördern. Dies tue ich unter anderem, weil ich selbst französischsprachig bin, jedoch auch – aus Gründen, die mir bis heute nicht völlig klar sind –, weil es bei Weitem nicht so populär ist wie andere Repertoires in Fremdsprachen. 

Bei der Ausgabe von „Dans les Jardins de William Christie“ im Jahr 2025. © Les Arts Florissants / Julien Gazeau

Der Name François Le Roux ist untrennbar mit Debussys Oper „Pelléas et Mélisande“ verbunden, in der er zunächst die Rolle des Pelléas und später die des Golaud auf den größten Bühnen der Welt verkörperte. Träumen Sie davon, eines Tages wie er auch Pelléas zu singen? 

O. B.: Das ist natürlich genau jene Art von Rolle, die ideal zu meiner Stimme passt, ebenso wie der Golaud aus derselben Oper, sollte sich das eventuell einmal in diese Richtung entwickeln. Da ich schon immer eine Affinität zum Belcanto hatte, würde ich überaus gerne Rossini singen, beispielsweise die Rolle des Figaro im „Barbier von Sevilla“ oder jene des Dandini in „La Cenerentola“. Das komische Fach spricht eine Seite in mir an, die ich leider viel zu selten ausleben kann. Wenn ich mir jedoch etwas frei wünschen dürfte, einen tiefen Wunsch, dann wäre es, ausgiebig Mozart singen zu können. Im kommenden September habe ich das große Glück, meinen ersten Papageno in der „Zauberflöte“ im Rahmen einer Konzertfassung in der Maison symphonique de Montréal gemeinsam mit dem Ensemble Caprice zu interpretieren. Diese Rolle eröffnet zahllose Gestaltungsmöglichkeiten, die weit über das rein Gesangliche hinausgehen, da sie ursprünglich nicht für einen Sänger komponiert wurde. 

Wie sieht es mit Ihren Wünschen im Barockrepertoire aus? 

O. B.: Vor zwei Jahren habe ich unter der Leitung von Fabio Biondi in einer Inszenierung von Monteverdis „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“ mitgewirkt. Ich würde gerne wieder in die Welt von Monteverdi eintauchen, denn ähnlich wie derzeit bei Charpentier habe ich ihn erst kürzlich entdeckt und war sofort fasziniert. 

Ich würde gerne wieder „Orphée“ singen und vielleicht sogar in „Le retour d’Ulysse“ auftreten. Diesen Herbst habe ich die Gelegenheit, Charpentiers „La Descente d’Orphée aux Enfers“ erneut mit der Compagnie Opera Atelier aus Toronto aufzuführen. Im November werde ich in Montréal im Rahmen der Reihe „Clavecin en concert“ wieder mit Luc Beauséjour zusammenarbeiten. Er hat mir freie Hand gelassen. Ich habe ihm eine Auswahl an Stücken vorgeschlagen, darunter auch weitere Werke von Charpentier, die für Beaupuis komponiert wurden, und er war sofort begeistert. Das ist mein Charpentier-Jahr! 

  • 9. Juli – „La descente d’Orphée aux enfers“ und „Les arts florissants“ von Charpentier mit Les Arts Florissants und William Christie, Koerner Hall, Toronto, Toronto Summer Music Festival 
  • 11. Juli – La descente d’Orphée aux enfers “ und „Les arts florissants“ von Charpentier mit Les Arts Florissants und William Christie, Festival de Lanaudière 
  • 15. Juli – „La descente d’Orphée aux enfers“ und „Les arts florissants“ von Charpentier mit Les Arts Florissants und William Christie, Seiji Ozawa Hall, Lenox/Stockbridge, Tanglewood Festival (USA)  
  • 17. Juli – „La descente d’Orphée aux enfers“ und „Les arts florissants“ von Charpentier mit Les Arts Florissants und William Christie, Caramoor Center for Music and the Arts, Katonah (USA) 
  • 10. September – Mozarts „Die Zauberflöte“ (Konzertfassung) mit dem Ensemble Caprice, Maison symphonique de Montréal 
  • 22.–25. Oktober – „La descente d’Orphée aux enfers“, Opera Atelier, Koerner Hall, Toronto