Gli Angeli Genève & Stephan MacLeod

Manchicourt: Missa Veni Sancte Spiritus

→Heute weitgehend unbekannt, zählte Pierre de Manchicourt im 16. Jahrhundert zu den bedeutenden Meistern der Polyphonie. Dreißig Jahre nach einer Aufnahme mit Paul Van Nevel kehrt Stephan MacLeod nun mit Gli Angeli Genève zu seiner Musik zurück – in einem Album, das Wiederentdeckung und Hommage zugleich ist.

Manchicourt: Missa Veni Sancte Spiritus
© Aparté

Heute weitgehend in Vergessenheit geraten, galt Pierre de Manchicourt einst als einer der großen Meister der franko-flämischen Polyphonie des 16. Jahrhunderts. Mit der Missa Veni Sancte Spiritus, umrahmt von Motetten und Chansons, kehren Stephan MacLeod und Gli Angeli Genève zu einer Musik zurück, die den musikalischen Werdegang des Schweizer Dirigenten nachhaltig geprägt hat. Dreißig Jahre nach der Aufnahme von Paul Van Nevel und dem Huelgas Ensemble, an der MacLeod selbst mitwirkte, greift er das damalige Programm nahezu vollständig wieder auf – als Wiederentdeckung und Hommage zugleich.

Pierre de Manchicourt wurde um 1510 geboren und wirkte unter anderem in Tours und Tournai, bevor er an den Hof Philipps II. von Spanien berufen wurde. Zu Lebzeiten hoch geschätzt und unter anderem von Rabelais erwähnt, steht er heute im Schatten von Josquin, Gombert oder Lassus. Dabei besitzt seine Musik eine ausgeprägte eigene Handschrift: dichte Polyphonie, lange miteinander verflochtene Linien und eng geführter Kontrapunkt, zugleich aber eine Expressivität, die immer wieder durch die komplexe Faktur hindurchscheint.

Die Missa Veni Sancte Spiritus bildet das Zentrum des Albums. Ihre einzelnen Teile wechseln sich mit Motetten und französischen Chansons ab, darunter O Virgo Virginum, Maria Magdalene, Longtemps mon cueur languissoit und Faulte d’argent cest douleur non pareille. So werden verschiedene Facetten Manchicourts hörbar, vom Sakralen bis zum Weltlichen, ohne dass die Geschlossenheit einer Musiksprache verloren geht, die wesentlich vom Ineinandergreifen der Stimmen geprägt ist.

Doch dieses Album erzählt auch eine persönliche Geschichte. 1996 wirkte Stephan MacLeod, damals noch ein junger Sänger, an einer Manchicourt-Aufnahme des Huelgas Ensemble unter Paul Van Nevel mit. Es war seine erste Einspielung mit dem Ensemble und zugleich seine erste Aufnahme von Renaissance-Polyphonie. Nach eigener Aussage verdankt MacLeod dieser Messe und mehreren Stücken des Programms seine Liebe zur franko-flämischen Polyphonie.

Dreißig Jahre später wollte er mit Gli Angeli Genève zu demselben Programm zurückkehren. Nachdem er Paul Van Nevel um dessen Zustimmung gebeten hatte, erarbeitete das Ensemble die Werke zunächst in Konzerten im Herbst 2025 und nahm sie anschließend im Januar 2026 in Genf auf. Das Programm folgt der Aufnahme von 1996 nahezu vollständig; hinzugekommen ist lediglich die Motette O Thoma Didyme.

Dabei geht es keineswegs um eine bloße Rekonstruktion. Vielmehr steht die Weitergabe im Mittelpunkt: die Rückkehr zu einer Polyphonie, in der MacLeod nach dreißig weiteren Jahren Erfahrung zugleich die „Intelligenz der Konstruktion“ und die „körperliche Freude am Klang“ wiederfindet. Indem Gli Angeli Genève Manchicourt durch eine Musik neu belebt, die für MacLeods eigene Entwicklung prägend war, zeigt das Ensemble, wie unmittelbar diese Werke trotz ihrer Dichte und Raffinesse bis heute wirken können.