Das neue, bei Fuga Libera erschienene Album des ukrainischen Cembalisten Dmytro Kokoshynskyy, Music for These Troubled Times, nimmt eine alte Vorstellung zum Ausgangspunkt: die einer Musik, die auf die Seele einzuwirken vermag, Ängste besänftigt, aber auch deren Schattenzonen sichtbar macht. Der Verweis auf Robert Burton, den berühmten englischen Schriftsteller des 17. Jahrhunderts, und auf seine Anatomy of Melancholy durchzieht somit das gesamte Programm: Im England der Renaissance, geprägt von den Erschütterungen der Reformation und religiösen Unsicherheiten, war Melancholie nicht nur ein Gemütszustand, sondern eine Art, die Welt zu denken.
Das Album vereint mehrere zentrale Gestalten der englischen Tastenmusik, von Thomas Tallis über William Byrd und John Bull bis hin zu Orlando Gibbons, in einem Programm, in dem große polyphone Architekturen, kontemplative Pavanen, hypnotische Grounds und Variationen über volkstümliche Melodien einander abwechseln. Vier Werke bilden dabei den Kern: Tallis’ monumentales Felix Namque I, das anonyme A Ground, Bulls In Nomine mit seinem eigentümlichen Metrum und KHORA des ukrainisch-niederländischen Komponisten Maxim Shalygin, gedacht als Brücke zu einer zeitgenössischen Form der Melancholie. Durch diesen Dialog versucht Dmytro Kokoshynskyy nicht, die englische Renaissance zu einer abgeschlossenen Welt zu machen, sondern in ihr ein Unbehagen zu hören, das dem unseren nahe ist und wie ein Echo widerhallt.
Dieses Projekt trägt auch eine persönlichere Dimension in sich. Der Cembalist erklärt, dass sich ihm diese Musik während der russischen Invasion seines Landes im Jahr 2022 aufdrängte und ihm damals eine Art Zuflucht bot. Weit entfernt von einer bloßen Hommage an die englischen Virginalisten, schlägt Music for These Troubled Times daher ein Hören in Halbtönen vor: eine Durchquerung der Melancholie als poetische Kraft, aber auch als Raum intimen Widerstands, als könnten diese Seiten aus dem elisabethanischen England noch heute zu jenen sprechen, die in der Schönheit einen Schutz vor der Unordnung der Welt suchen.



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