Benjamin Alard

Bach: Chaconnen BWV 1178 & 1179

→Mit dieser neuen Veröffentlichung fügt Benjamin Alard seiner ambitionierten Gesamteinspielung der Musik für Tasteninstrumente von Johann Sebastian Bach zwei frisch authentifizierte Werke hinzu. Rund um zwei dem Kantor jüngst wieder zugeschriebene Chaconnen setzt der französische Tastenspieler seine Erkundung einer instrumentalen Welt fort, in der Tanz, Variation und kontrapunktische Architektur in derselben expressiven Konzentration zusammenfinden.

Bach: Chaconnen BWV 1178 & 1179
© Harmonia mundi

Diese neue Folge der von Benjamin Alard bei Harmonia mundi vorgelegten Bach-Gesamteinspielung rückt ein kurzes, aber singuläres Programm ins Licht: zwei Werke, die der Musikwissenschaftler Peter Wollny vor Kurzem authentifiziert hat – die Chaconne und Fuge d-Moll BWV 1178 und die Chaconne g-Moll BWV 1179. Ihr Erscheinen im Bach-Katalog hat beinahe den Charakter eines diskreten Ereignisses: keine spektakuläre Wiederentdeckung, die das Bild des Komponisten erschüttern soll, sondern die kostbare Ergänzung zweier Fragmente, die schlaglichtartig sein Verhältnis zum Tasteninstrument, zum Tanz und zur fortlaufenden Form erhellen.

Die Chaconne nimmt in der barocken Vorstellungswelt einen besonderen Platz ein. Auf der Wiederholung einer Basslinie oder eines harmonischen Schemas gegründet, bietet sie dem Komponisten einen Rahmen, der zugleich streng und unendlich offen ist, geeignet für Variation, Steigerung und Metamorphose. Bei Bach wird diese Logik zu einem Experimentierfeld, auf dem sich die aus dem Tanz ererbte Bewegung in gelehrte Konstruktion verwandelt. Die auf dem Cembalo eingespielte Chaconne und Fuge BWV 1178 scheint so den choreografischen Impuls mit der Dichte des Kontrapunkts in Dialog zu bringen; die Chaconne BWV 1179, einem zusammengestellten Clavichord-Ensemble mit Pedal anvertraut, offenbart eine andere Facette dieser Klangwelt, innerlicher, fragiler, beinahe meditativ.

Diese Veröffentlichung fügt sich ganz selbstverständlich in das große Projekt ein, das Benjamin Alard unternommen hat: das gesamte Klavierwerk Bachs zu durchmessen und dabei die Vielfalt der Instrumente, der Gebrauchsweisen und der Aufführungskontexte ernst zu nehmen. Auch hier ist die Wahl des Instruments nicht bloß ein farblicher Nebenaspekt. Das Cembalo nach Antoine Vater für BWV 1178 und die zusammengestellten Clavichorde mit Pedal für BWV 1179 eröffnen zwei unterschiedliche Hörräume: der eine stärker artikuliert, theatral und polyphon; der andere intimer, aufmerksam für die Körnung, die Schwingung und das Atmen des Klangs. Das Interesse dieser Ergänzung liegt daher nicht allein in der musikwissenschaftlichen Neuheit: Es liegt in der Art und Weise, wie diese beiden Stücke ihren Platz in einem immer nuancierteren Porträt Bachs am Tasteninstrument finden. Durch sie erinnert Benjamin Alard daran, dass eine Gesamteinspielung nicht nur eine Frage der Vollständigkeit ist: Sie ist auch eine Art, dem Unerwarteten Raum zu geben, die Ränder, die Ergänzungen, die erst spät ans Licht zurückgekehrten Werke hörbar zu machen. Zwei kaum wieder ausgegrabene Chaconnen genügen dann, um eine Welt neu zu öffnen: die eines Bach, bei dem die Strenge der Form niemals Bewegung, Tanz oder Geheimnis verhindert.