Von 2000 bis heute

Marcel Pérès und das Ensemble Organum: Kulturelles Engagement neu erfinden (2/2)

→Was wäre, wenn die wahre Revolution darin läge, wieder gemeinsam mit Menschen Musik zu machen? In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz gefälschte geistliche Gesänge hervorbringt und Kultur zum bloßen Konsumgut reduziert wird, schlägt Marcel Pérès einen anderen Weg ein: menschliche Stimmen, von Hand zu Hand weitergegebene Gesten, unvorhersehbare musikalische Abende und der altrömische Gesang, der zu seiner rituellen Kraft zurückfindet. In Moissac wird die Alte Musik wieder zum Erlebnis.

Marcel Pérès und das Ensemble Organum: Kulturelles Engagement neu erfinden (2/2)
Marcel Pérès bei einer Probe mit der Maîtrise Notre-Dame de Paris in der Abtei Le Thoronet, Oktober 2022. © Francis Vauban / Académie musicale de Villecroze
Serien
Vollständige Geschichte:
  1. Teil 1:

    Marcel Pérès und das Ensemble Organum: Dem Mittelalter seine Stimme zurückgeben (1/2)

  2. Teil 2:

    Marcel Pérès und das Ensemble Organum: Kulturelles Engagement neu erfinden (2/2)

Seit er sich im Jahr 2000 in der ehemaligen Abtei von Moissac niedergelassen hat, verfolgt Marcel Pérès gemeinsam mit dem Ensemble Organum ein künstlerisches und intellektuelles Abenteuer jenseits der gewohnten Rahmenbedingungen. Workshops, die allen offenstehen, musikalische Abende, mündliche Überlieferung, die Wiederbelebung des altrömischen Gesangs: Fernab institutioneller Modelle setzt sich der französische Musikwissenschaftler, Sänger und Dirigent für eine lebendige Praxis der Alten Musik ein – eine Praxis, die auf Erfahrung, Austausch und der Präsenz der Interpreten beruht. In diesem zweiten Teil spricht er über die Rolle Moissacs, über vergessene Repertoires und den Dialog zwischen spirituellen Traditionen, aber auch über seine Sorge angesichts der künstlichen Intelligenz, des schwindenden Zuhörens und der Verwandlung von Kultur in ein Konsumprodukt. Aus seinen Worten spricht eine tiefe Überzeugung: Musik ist kein Gegenstand der Vergangenheit, sondern eine Kraft, die entsteht, die verbindet und verwandelt. 

In Moissac wurden Sie in den letzten Jahren vom Zeitgeist und den Sparmaßnahmen in der Kulturwelt eingeholt. „Auch ohne Fördermittel ist es tragfähig“, sagen Sie. Wie gelingt Ihnen das? 

Marcel Pérès: Nun, zum Glück gibt es den Heiligen Geist! Wie ich den Ordensleuten gerne sage: „Man behauptet ja immer, Armut sei der größte Reichtum. Es wird Zeit, daran zu glauben!“ Als ich im Jahr 2000 nach Moissac kam – die Aktivitäten begannen im Juli 2001, es ist also ein Vierteljahrhundert her –, beschloss ich, sämtliche Parameter der Kulturarbeit von Grund auf neu zu denken. Zunächst mit einer schlanken Struktur: Ich beschäftigte nur eine einzige Verwaltungsmitarbeiterin. Wir erhielten Fördermittel von der DRAC [Behörde, die die Politik des französischen Kulturministeriums auf regionaler Ebene umsetzt], die jedoch vor drei oder vier Jahren eingestellt wurden. Dazu ein Verwaltungsrat, der sich aus Freunden zusammensetzte. Das verschafft große Flexibilität: Ich kann Veranstaltungen genau dann ansetzen, wenn sie stattfinden müssen, und ein Programm noch eine Woche vorher ändern, falls etwas dazwischenkommt oder neue Teilnehmer hinzustoßen. Außerdem bieten wir Workshops an, die allen offenstehen, ohne Auswahlverfahren bei der Anmeldung. In Royaumont ging es sehr selektiv zu, und vor allem mussten die Teilnehmer dank der Stipendien nichts bezahlen – doch dadurch war die Teilnehmerzahl auf zehn oder zwölf Studierende begrenzt. Hier steht es jedem offen. Die Unterkünfte reichen vom Campingplatz bis zum Drei-Sterne-Hotel, und es gibt ein ehemaliges Karmeliterkloster mit günstigen Zimmern. Was die Mahlzeiten angeht, essen wir oft gemeinsam, wobei jeder etwas mitbringt. Wir bewegen uns völlig außerhalb administrativer Rahmenbedingungen. Und ich nehme jeden auf – vom Anfänger, der noch nie gesungen hat, bis zum erfahrenen Profi. 

Eine Woche lang singen diese Menschen mit sehr unterschiedlichem Niveau gemeinsam und vereinen ihre Stimmen. Manche kommen seit zwanzig Jahren fast jeden Sommer wieder. Es ist ein Ort der zwischenmenschlichen Begegnung. In diesem Jahr gebe ich zum Beispiel einen Workshop zum arabischen Gesang des 15. Jahrhunderts. Am Nachmittag werden wir eine Messe singen, die ich noch gar nicht komponiert habe. Ich beginne damit nach der Sommersonnenwende – für mich ist die Zeit bis zum 16. Juli besonders günstig – und mitunter komponiere ich auch nachts weiter. Am Morgen darauf singen wir sie dann. Da entsteht eine echte künstlerische Erfahrung; das ist nichts Aufgewärmtes! Sieben Jahre lang habe ich jedes Jahr eine Messe für den Jakobstag komponiert und jedes Mal einen Teil hinzugefügt. Der Gedanke dahinter: Schon mit drei oder vier Noten kann jeder eine großartige musikalische Erfahrung machen. Die Repertoires der Spätantike beruhen auf Tetrachorden – vier Noten. Ich singe eine kleine Phrase vor, wir proben sie, bis sie sitzt, und gehen dann zur nächsten über. Alle lernen gleichzeitig. Es ist eine mündliche Weitergabe – und jedes Jahr ist es ein großer Moment zum Jakobstag. 

Musikalische Abendveranstaltungen, altrömischer Gesang und die Magie des Entstehens 

Sie haben die musikalischen Abende erwähnt. Können Sie das näher ausführen? 

M. P.: Wir veranstalten musikalische Abende, bei denen jeder das beiträgt, was er kann, kurze Einlagen von fünf oder sechs Minuten. Einer kommt, singt seinen Hit, dann macht ein anderer etwas ganz anderes, und manchmal wechselt man von einem Stil zum nächsten. Das geschieht ganz spontan. Am Morgen frage ich nach der Stückliste, und kurz vor dem Konzert entscheide ich: Du fängst an, du machst weiter und so fort. Manchmal ändere ich mitten im Konzert die Reihenfolge, je nach Stimmung. So lassen wir die Kunst des Entstehens wieder aufleben, diese ursprüngliche Eigenschaft der Musik, die durch Aufnahmen und Notenschrift verloren gegangen ist. Musik ist etwas, das aus dem Augenblick entsteht, ein Zusammenspiel. Und dafür braucht es die Präsenz des Musikers, man vergisst, dass es früher, um Musik zu hören, eines Musikers bedurfte! Wir versuchen, diese grundlegenden Dinge wiederzubeleben, die durch die Art und Weise, wie Musik heute vermittelt und verbreitet wird, in den Hintergrund geraten sind. 

Angel

Leidenschaftlich an alter Musik interessiert und möchten Sie diesen nur für Abonnenten zugänglichen Artikel lesen?

Wenn Sie noch kein Abonnent sind, treten Sie der internationalen Total Baroque-Community bei. Abonnieren Sie hier ab 5,00€.

Abonnieren

Wenn Sie bereits Abonnent sind, melden Sie sich an.

Ich melde mich an