Cappella Mediterranea & Leonardo García-Alarcón

La Passione di Gesù

→Mit „La Passione di Gesù“ legt Leonardo García-Alarcón sein erstes großes Oratorium vor, das unter seinem eigenen Namen veröffentlicht wird. Inspiriert von Borges, Bach, Pasolini und dem Judas-Evangelium, erschafft das Werk ein geistliches und musikalisches Labyrinth, in dem Judas, Maria Magdalena und der auferstandene Christus zu Figuren einer inneren Passion werden.

La Passione di Gesù
© Alpha Classics

Mit La Passione di Gesù overo il Vangelo di Giuda, erschienen bei Alpha Classics, überschreitet Leonardo García-Alarcón eine besondere Schwelle: die eines persönlichen Werks, das nicht als bloße Rückkehr zur geistlichen Gattung konzipiert ist, sondern als Durchquerung eines ganzen musikalischen Gedächtnisses. Der Untertitel benennt bereits den Anspruch: labirinto canonico in musica sotto forma di oratorio („kanonisches Labyrinth in Musik in Form eines Oratoriums“). Um ein Libretto von Marco Sabbatini herum liest das Oratorium die Passion im Licht des Judas-Evangeliums, eines apokryphen Textes, aber auch des Maria-Evangeliums, des Buches Hiob, des Hohelieds, weiterer außerkanonischer Texte und gnostischer Schriften. Judas erscheint darin nicht mehr nur als Verräter, sondern als derjenige, der aus Liebe zu Christus die undankbarste Rolle annimmt: die Erfüllung der Heiligen Schrift zu ermöglichen.

Das Werk entsteht aus einem Bündel von Bildern und Zeichen, die der Komponist mit einem Abend im Jahr 2016 in der Bibliotheca Bodmeriana in Genf verbindet, anlässlich einer Gedenkveranstaltung für Jorge Luis Borges. Das Manuskript des Judas-Evangeliums, die Erzählungen des argentinischen Schriftstellers, die Gestalt Bachs und die Idee einer umgekehrten Divina commedia finden in einer bewusst verschlungenen Form zusammen. García-Alarcón erweist darin dem die Ehre, was er als seine natürliche Sprache seit der Kindheit bezeichnet: der Fuge, weitergeführt durch Kanon, Kontrapunkt und ein musikalisches Denken, in dem die Codes zu Rätseln werden, die dem Hörer angeboten sind. Aus diesem Material entsteht eine Passion, die nicht versucht, eine bekannte Erzählung zu illustrieren, sondern sie zu verschieben, umzukehren und ihre Zonen der Unruhe sichtbar werden zu lassen.

Um Cappella Mediterranea, den Chœur de Chambre de Namur und Les Pastoureaux versammelt, geben die Solisten einem Fresko Gestalt, in dem sich Sprachen, Stile und Zeiten kreuzen. Andreas Wolf verkörpert Jesus, Mariana Flores Maria Magdalena, Ana Quintans Marie, Julie Roset den Engel, Mark Milhofer Judas und Victor Sicard Petrus. Das Bandoneon, das das Oratorium allein eröffnet, begegnet alten und modernen Instrumenten, während lutherische Choräle, das Dies irae, der Schatten Monteverdis, jener der Passionen Bachs, Pasolinis Dichtung und Formen aus Tango oder Gospel eine bewegliche Klangmaterie bilden.

Diese Aufnahme reiht keine Referenzen aneinander: Sie organisiert eine Dramaturgie der Offenbarung. Maria Magdalena nimmt darin eine zentrale, beinahe evangelische Stellung ein, indem sie das Wort trägt, das die Apostel bestreiten; Judas wird zu einer Figur des Dilemmas, nicht der bloßen Verdammung; der auferstandene Christus erscheint nicht mehr nur als Endpunkt der Erzählung, sondern als Aufruf zu einer inneren Verwandlung. García-Alarcóns Leitung verleiht dieser überbordenden Architektur eine sehr starke theatrale Lesbarkeit, zwischen kontrapunktischer Spannung, chorischen Ausbrüchen, der Sinnlichkeit der vokalen Linien und instrumentalen Einbrüchen. Ein Oratorium, in das man sich kopfüber stürzen sollte, ohne allzu schnell nach dem Ausgang zu suchen, sondern bereit, an jeder Wendung den Schatten des Unerwarteten anzunehmen.