Während die Schlagzeilen über die Ukraine meist von Krieg, Raketen und Politik handeln, gibt es in Kiew auch noch eine andere, erstaunlich lebendige Seite: Alte Musik-Begeisterte organisieren dort vom 10. bis 21. November bereits zum dritten Mal ein Barockfestival. Mit seiner anspruchsvollen Konzeption kann es sich problemlos neben anderen internationalen Veranstaltungen behaupten – und hat in Zeiten des Krieges vielleicht sogar eine tiefere Bedeutung. Programmdirektorin Anna Gadetska erzählt, wie es ist, wenn während eines Konzerts plötzlich der Alarm losgeht.
Anna, warum haben Sie dieses Festival gegründet, wie entstand die Idee?
Anna Gadetska: In der Ukraine ist die Situation der Alten Musik ziemlich speziell, es gibt nämlich an den Hochschulen kein eigenes Institut oder eine Abteilung, die alle alten Instrumente umfasst, sondern immer nur einzelne Kurse, zum Beispiel Cembalo, dazu manchmal noch Basso Continuo. Dennoch gibt es bei uns Alte Musik-Ensembles, die seit Jahren gemeinsam arbeiten. Und natürlich brauchten wir ein Festival – als Veranstaltung, bei der sich verschiedene Musiker aus aller Welt begegnen können, denn spätestens nach 2022, nach dem russischen Angriff auf unser Land, wurde uns klar, dass wir uns mehr mit der Welt verbinden müssen.
Dann besuchte eine Gruppe von Open Opera Ukraine und dem National House of Music eine REMA-Konferenz, wir konnten uns dort vorstellen und ein Konzert geben. Und dann beschlossen wir, die Kompetenzen und das Wissen von drei Organisationen zu bündeln: die der Nationalphilharmonie, dem National House of Music und der NGO Open Opera Ukraine. So haben wir das Festival gestartet, weil die Barockmusik ein wesentlicher und bedeutender Teil des ukrainischen Erbes ist. Allerdings ist über den ukrainischen Barock nicht viel bekannt, selbst unter professionellen Musikern.
Ja, ich muss zugeben, ich hatte, bis ich Ihr Festivalprogramm sah, noch nie etwas von zum Beispiel Berezovsky gehört …
A.G.: Ja, und für uns ist er eine sehr wichtige Persönlichkeit! Er war Mitglied der Bologneser Akademie und hat bei Padre Martini und anderen studiert. Und dann gibt es ja noch einige ukrainische Komponisten mehr! Deshalb haben wir dann 2023 den ersten kleinen Schritt gemacht: Diesen Auftakt nannten wir French Overture, weil das Hauptthema Rameau war – es war das Rameau-Jahr – mit drei Konzerten mit verschiedenen Rameau-Stücken. Die erste vollständige Ausgabe unseres Festivals gab es dann letztes Jahr, und da bekamen wir unter anderem von der REMA viel Unterstützung: Während des Festivals gab es ein Forum für Alte Musik, das den ganzen Tag lief.

Und ein Meilenstein war, dass unser internationaler Star zugesagt hatte; das ermöglichte erst ein wirklich internationales Festival und nicht nur eines von uns für uns: Jean Rondeau gab ein Solokonzert, absolut großartig! Und auch Andreas Scholl war da. Natürlich fragen uns die Musiker: „Ist es nicht gefährlich, nach Kiew zu reisen?“ Und wir sagen: „Nein, es ist nicht gefährlich.“ Wir haben gute Schutzräume, die direkt von den Konzert- und Probenräumen zugänglich sind. Und viele Menschen leben in Kiew und warten auf eure Konzerte! Natürlich ist Krieg, und wir wissen nicht, was passiert. Aber es war sehr wichtig, dass Jean Rondeau nachher seinen Freunden erzählt hat: „Ihr könnt in die Ukraine fahren, dort gibt es tolle Teams, gute Initiativen, und es ist sicher.“
Die Philharmonie haben wir jetzt mehr Publikum als vor dem Krieg. Musik ist für die Menschen etwas ganz Besonderes geworden, fast wie etwas Sakrales, als Entspannung oder etwas, das einen Moment bietet, um sich zu sammeln.
Wie gestaltet sich der Alltag in Kiew derzeit, mit Arbeit und Schule, öffentlichem Leben?
A.G.: Wir leben einen ganz normalen Alltag, trotz all unserer Albträume und Angriffe. Es ist kaum zu glauben, aber nach so einer Nacht mit Drohnenalarm – zum Beispiel vor zwei Tagen, da gab es massive Angriffe auf die Infrastruktur – funktionierten am nächsten Morgen alle Transportmittel, und alle gingen zur Arbeit, die Musiker des National Philharmonic Orchestra kamen pünktlich zu den Proben. Das ist unsere Antwort auf diesen Krieg: Wir leben, wir brauchen einen normalen Alltag. Wir haben keine Angst vor dem russischen Regime, vor Erpressung und all diesen schrecklichen Dingen. Natürlich verstehen wir Künstler, die unser Festival nicht besuchen möchten. Beispielsweise erzählte mir jemand, dass seine Familie dagegen sei – er habe ein Kind und damit Verantwortung. Aber wir sind umso dankbarer, wenn andere trotzdem kommen.
Was passiert, wenn während eines Konzertes ein Alarm ausgelöst wird?
A.G.: Alle unsere Konzerte finden in der Nationalphilharmonie im großen Saal statt, und dort gibt es einen Schutzraum. Wenn ein Alarm kommt, stoppen wir das Konzert sofort, gehen in den Schutzraum und warten. Manchmal dauert der Alarm 5, 10, 15 Minuten; wenn er über 40 Minuten dauert, wird das Konzert abgesagt oder verschoben, wenn möglich.

Und wenn der Alarm vorbei ist, gehen Sie wieder nach oben und machen weiter, wo Sie aufgehört haben?
A.G.: Ja, genau. Und wenn es ein Kammermusikkonzert ist — naja, im Schutzraum steht ein Klavier, manche Musiker spielen dann einfach dort weiter (lacht). Und in der Philharmonie haben wir jetzt mehr Publikum als vor dem Krieg, und das ist sehr interessiert. Musik ist für die Menschen etwas ganz Besonderes geworden, fast wie etwas Sakrales, als Entspannung oder etwas, das einen Moment bietet, um sich zu sammeln.
Das wurde ja auch während der Pandemie diskutiert – ob Kultur systemrelevant ist. Sie zeigen gerade, wie relevant sie ist.
A.G.: Ja, und wir wissen nicht genau warum, aber gerade Barockmusik berührt die Menschen auf besondere Weise. Sie ist sehr kraftvoll und rein in ihren Gefühlen und spiegelt das Leben wider. Sie stammt zwar aus einer anderen Zeit, aber die Menschen spüren: Auch in jener Zeit gab es Kriege und Schwierigkeiten, aber unsere Vorfahren konnten trotzdem Schönheit, Liebe und Freude schaffen. Das können auch wir heute – Barockmusik ist dafür ein Symbol.
Und es geht um persönliche Geschichten, um Motivation und Haltung zur Welt. Ich glaube auch, nur wirklich starke Künstler kommen derzeit in die Ukraine, um Konzerte zu geben. Unser Publikum sagt zum Beispiel: „Unglaublich, Hana Blazikova kommt! Das ist eigentlich unmöglich!“ Aber wir freuen uns sehr auf sie und alle anderen.
Wir wenden uns an alle Menschen: Diese Musik ist für dich, komm und erlebe es mit uns!
Wie viele Besucher erwarten Sie dieses Jahr ungefähr beim Festival?
A.G.: Naja, unser Großer Sall, der eine fantastische Akustik hat, fasst etwa 600 Personen. Wir haben 12 Konzerte, und ich denke, es kommen rund 5.000 Menschen. Die meisten Konzerte sind gut verkauft – nicht alle mit 600 Leuten, aber über die 12 Tage hinweg hoffe ich auf einige ausverkaufte Konzerte, besonders für Hana Blazikova, für Andreas Scholl und das Abschlusskonzert. Die anderen Konzerte sind immer etwa zu 70 Prozent ausgelastet.
Und wer ist Ihr Publikum? Sind das Spezialisten für Alte Musik, Nerds, oder ganz normale Klassik-Fans?
A.G.: Wir haben ein spezialisiertes Publikum für Alte Musik, weil es regelmäßige Konzerte in Kiew gibt, und da kennen wir viele Gesichter. Dazu kommt das Philharmonie-Publikum, das sich generell für Musik interessiert. Das Besondere: Unser Publikum ist jung – hauptsächlich so zwischen 30 und 55 Jahre. Außerdem gibt es viele Künstler aus anderen Sparten, Theater, Film etcetera, die ebenfalls kommen. Und es gibt Fans bestimmter Musiker – bei Scholl gab es zum Beispiel einen richtigen Fanclub im Publikum, die ihn von CDs kannten. In unserer Kommunikation wenden wir uns aber an alle Menschen: „Diese Musik ist für dich, sie schenkt dir Emotionen. Probier es aus – du bist willkommen, komm und erlebe es mit uns!“

Gibt es eigentlich noch andere Festivals für Alte Musik in der Ukraine?
A.G.: Es gibt ein Festival in Lviv und eins in Sumy, das sich auf Alte Musik spezialisiert hat. Leider ist das Festival in Sumy derzeit nicht aktiv. Orest Koval, Organist aus Sumy, hat dieses Festival vor etwa 30 Jahren ins Leben gerufen, hat internationale Künstler eingeladen, nicht nur für Konzerte, sondern auch für Meisterklassen, und da kamen Menschen aus der ganzen Ukraine.
Wie kamen Sie selbst zur Alten Musik, wie ist Ihr Bezug dazu?
A.G.: Ich bin Musikwissenschaftlerin, habe Musiktheorie und -geschichte studiert und arbeite in der Nationalen Musikakademie in der Abteilung für Musiktheorie. Aber mein Traum war es immer, eine Philharmonie für die Studierenden an unserer Akademie zu gründen. Und ich hatte eine wunderbare Lehrerin für Polyphonie – Nina Gerasimova, eine berühmte Wissenschaftlerin. Sie hat Nikolay Diletsky, einen ukrainischen Komponisten und Musiktheoretiker im 17. Jahrhundert, und die Partes-Polyphonie in der Ukraine wiederentdeckt und unterrichtet. Sie hat auch die Alte Musik-Abteilung an der Musikakademie gegründet. Sie sagte damals zu mir und meinen Freundinnen – heute sind das Organistinnen und Cembalistinnen in Frankreich: Ihr könnt doch zu unserer Cembaloprofessorin gehen, wie wäre es?
Sie war es, die mich und einige meiner Kommilitoninnen an Svetlana Shabaltina verwies, eine Pionierin des Cembalospiels in Kiew. Diese spielte uns den Soundtrack des Films „Die siebente Saite“ („Tous les matins du monde„) vor, interpretiert von Jordi Savall. Dadurch hat sich unsere Welt für immer verändert, und ich habe angefangen, Cembalo zu spielen, als Studentin. Dann haben wir eine Gruppe für Alte Musik an der Akademie gegründet, namens Seconda Pratica. 15 Jahre lang haben wir dort dann auch Konzerte veranstaltet. Einige Jahre hat mich dann der leider 2015 verstorbene Roman Stelmašuk vom Festival Alte Musik Lviv eingeladen, dort Programme zu gestalten — und seither bin ich immer in der Alten Musik unterwegs gewesen, in unterschiedlichsten Bereichen. Selbst in meinen Kursen an der Akademie, zum Beispiel mit Barock in moderner Kultur.
Die Musiker fragen uns: „Ist es nicht gefährlich, nach Kiew zu reisen?“ Und wir sagen: „Nein, viele Menschen leben in Kiew und warten auf eure Konzerte! „
Und was bedeutet das Motto der diesjährigen Ausgabe, „Take Five!“?
A.G.: Zum einen ist es der Name eines Jazz-Standards vom Dave Brubeck und steht dafür, dass Barock wie Jazz ist: immer im Wandel, lebendig, nicht festgelegt auf strenge Regeln und Konventionen. So konnten wir zum Beispiel für das Abschlusskonzert junge Komponisten gewinnen, die Stücke mit Bezug zur Alten Musik geschrieben haben. Das verbindet dann Rock’n’Roll und Barock, Barock-Cello, ukrainische Volkslieder und amerikanischen Jazz – ganz ohne Grenzen!
Und dann bezieht sich Take Five! auf unsere fünf Helden — Komponisten. Da haben wir Schütz gewählt, weil für die ukrainische Musik auch sein Bezug zu Venedig wichtig war, außerdem Händel, Bach und Scarlatti. Aber für uns war es auch vom ersten Festival an wichtig, ukrainische Musik in den Kontext der internationalen Alten Musik einzubringen, deshalb steht in diesem Jahr auch Maksym Berezovsky im Mittelpunkt; Open Opera Ukraine hat im August Musik aller Genres von Berezovsky als Aufnahme herausgebracht. Take Five! heißt also: keine Grenzen, wie im Jazz, viele Hits, wie im Jazz, verschiedene Komponisten und deren Einflüsse, die man teilweise noch heute sehen kann. Die Ukraine ist Teil der europäischen Landschaft der Alten Musik.
Es gibt ja auch viele Workshops, Masterclasses und Vorträge – ist das wichtig für die Ausbildung von Studierenden der Alten Musik in der Ukraine?
A.G.: Ja. Ich hatte ja erwähnt, dass wir keine umfassende Ausbildung in Alter Musik im Land haben. Für Sänger ist es besonders schwierig, noch schwieriger als für Instrumentalisten; unsere Barocksänger haben ihre Ausbildung meist im Ausland, bei Meisterklassen bekommen. Nun haben wir aber immerhin eine sehr gute Gesangspädagogin, Nataliia Khmilevska, die seit 20 Jahren sowohl als Sängerin als auch als Chorleiterin in Meisterklassen unterrichtet. Wer Barock singen möchte, kann also bei Nataliia anfangen.

Aber überhaupt ist die professionelle Musikausbildung in der Ukraine ein schwieriges Thema. Daher versuchen wir, Meisterklassen zu organisieren, die offen sind – jeder kann sich anmelden, aktiv oder passiv, ohne große Formalitäten. Das Interesse ist groß, weil wir auch Bildungsangebote für ein breiteres Publikum anbieten, nicht nur für Profis. Und unsere Vorträge verbinden Musik mit anderen Disziplinen: Literatur, Theater, Philosophie, Theologie – das gibt auch wertvolles Feedback für die Konzerte. Aber wir diskutieren zum Beispiel auch über die Zukunft der Alte Musik-Ausbildung in der Ukraine.
Davon, ein wirklich internationales Festival auf die Beine zu stellen, bei dem wir unser Wissen und unsere Musiktraditionen austauschen können.
Und Sie beleuchten viele Instrumente, von Zink bis Cembalo, Gambe bis Flöte …: eine große Vielfalt, und das Programm eines Festivals von durchaus internationalem Rang. Kommt da auch schon Publikum aus dem Ausland?
A.G.: Das ist unser Traum! Wir laden alle Gäste aus dem Ausland herzlich zum Festival ein, denn wir haben gute Hotels mit Schutzräumen, köstliche Küche – von ukrainisch über asiatisch bis mediterran – wirklich viele interessante Angebote und eine spannende, alte Stadt mit Museen und wunderbarer Architektur. Außerdem bieten wir demokratische Preise – das ist ein wichtiger Bonus! Aber das größte Problem ist momentan wohl die Anreise: Das ist wirklich schwierig, oft dauert es einen Tag oder länger mit dem Zug. Fliegen kann man nur bis Polen, danach geht es nur noch mit Zug, Bus oder Auto weiter. Und unsere Züge sind nicht wie die deutschen Züge – ich habe von deren Besonderheiten gehört …
Naja, im Moment sind die deutschen Züge weniger für ihren Komfort als für ihre Verspätungen bekannt … Ich glaube, in diesem Jahr waren nur ungefähr 60 Prozent pünktlich!
A.G.: Oh, das ist bei uns kein Problem, die ukrainischen Züge sind wie Uhrwerke – wirklich pünktlich und bequem! Alle Züge kommen pünktlich, es sei denn, es gibt höhere Gewalt wie Bombenangriffe.
Also sind die ukrainischen Züge wohl im Moment sogar besser als die deutschen, trotz des Krieges; das sollte der Deutschen Bahn zu denken geben … Aber wovon träumen Sie für die Zukunft des Festivals?
A.G.: Davon, ein wirklich internationales Festival auf die Beine zu stellen, bei dem wir unser Wissen und unsere Musiktraditionen austauschen können – in unterschiedlichen Formaten. Vielleicht öffnen sich auch Formate für uns, die wir bisher noch gar nicht kennen. Und mein großer Traum zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen von Open Opera Ukraine ist, dass wir 2027 Monteverdis Opern mit historischen Instrumenten aufführen können. Das Wissen dafür fehlt uns in der Ukraine bislang, aber wir möchten Monteverdi unbedingt zeigen!

Aktuelle Projekte
- 10. November – Eröffnung: Echoes of Cornetto Singing.
- 11. November – Berezovsky: Eine Klanganthologie der Kreativität.
- 12. November – Lieder der Ausdauer und des Trostes.
- 13. November – Der Kampf zwischen David und Goliath.
- 14. November – Reise durch das alte Europa; A. Scarlatti: Messe zum Heiligen Weihnachtsfest.
- 5. November – Baroque Anniversary Stars; Traversée XVIII (Feiertag der belgischen Monarchie).
- 16. November – J.S. Bach: Inventionen und Sinfonien; Purcell: Music for a While.
- 17. November – D. Scarlatti: Sonaten für Klavier.
- 18. November – For 3 and 4.
- 19. November – La part des anges / The Angel’s Share.
- 20. November – Baroque Core.
- 21. November – Abschluss des Festivals: Finale Werkstatt // Youth Music Center.


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