Der griechische Mythos der Iphigenie hat die Komponisten sehr inspiriert. Während das Innsbrucker Festival diesen Sommer zwei Versionen von Antonio Caldara (1713) und Tommaso Traetta (1763) anbietet, ist hier die Version von Christoph Willibald Gluck (1779) zu sehen, die im Grand Théâtre de Genève in einer Inszenierung von Lukas Helmleb und unter der musikalischen Leitung von Hartmut Haenchen aufgeführt wird.
Gluck erfindet die antike Tragödie neu
Gluck nahm sich des Themas des Fluches der Atriden an und erfand die antike Tragödie neu, indem er eine Musik komponierte, die den Text von Szene zu Szene vergrößerte und sich perfekt an die dramatischen Konturen anpasste. Die 1779 in Paris uraufgeführte Iphigenie auf Tauris ist der Höhepunkt einer großen Opernkarriere des deutschstämmigen Komponisten, in der er sich unermüdlich für die Modernisierung des Musiktheaters einsetzte. Iphigénie en Tauride ist ein Werk, das Poesie, Musik und Tanz vereint und ein Muss für die späte Aufklärung ist.
Eine Ästhetik zwischen Aktion und Unausgesprochenem
Lukas Hemleb überträgt dieses innere Theater in ein faszinierendes Bühnenbild. Jede Figur wird von einer Puppe verdoppelt, die von Puppenspielern auf Sicht bedient wird – eine Idee, die vom japanischen Nô-Theater inspiriert ist, wo der Körper zum symbolischen Träger des Ungesagten wird. Diese stummen Doppelgänger verkörpern die verborgenen Triebe, die verbotenen Gesten und die Konflikte, die die Protagonisten nicht selbst ausdrücken können.
Das drehbare Bühnenbild von Alexander Polzin verstärkt diesen Eindruck von Instabilität noch: antikes Theater im ersten Akt, kaltes Gefängnis im zweiten Akt, nackte Bühne im dritten Akt, bevor es im vierten Akt zu einer schwebenden, fast organischen Apotheose kommt. Diese szenische Anordnung begleitet auf subtile Weise das Abgleiten von einer Welt, die von der Pflicht regiert wird, in eine andere, unsicherere, von Zweifeln und Wahnsinn durchzogene Welt.
Der Mythos zwischen Gewalt und Verdrängtem
Die Inszenierung spielt mit den Kontrasten zwischen der Zurückhaltung der Sänger und der verstörenden Expressivität ihrer Doppelgänger. Die Gesten der Gewalt, die Begierden, die Morde, selbst die zweideutige Beziehung zwischen Orest und Pylades werden von diesen Parallelfiguren verkörpert, als wollten sie ihr symbolisches und tragisches Gewicht betonen, ohne sie in einen frontalen Realismus einzubetten. Innerhalb dieses starken visuellen Rahmens setzt Hartmut Haenchens Dirigat auf Klarheit und dramatische Spannung, die von einer engagierten Besetzung bedient wird.
Diese Produktion, die 2015 aufgezeichnet wurde, bleibt ein schöner Einstieg in Glucks Welt. Sie vereint musikalische Strenge, szenischen Reichtum und eine Reflexion darüber, was das Theater noch über Schicksal, Opfer und Erinnerung sagen kann. Zu entdecken wegen der Schönheit der Musik, aber auch wegen der Intelligenz und der Einzigartigkeit des Blicks auf den Mythos.
Das Programm
Christophe Willibald Gluck (1714-1787) :
- Iphigenie auf Tauris, Tragédie lyrique in vier Akten.
Libretto : Nicolas-François Guillard, nach der gleichnamigen Tragödie von Guymond de La Touche, die wiederum auf Euripides zurückgeht.
Musikalische Leitung : Hartmut Haenchen, Orchestre de la Suisse Romande
chorleitung : Alan Woodbridge, Chœur du Grand Théâtre de Genève
Regie : Lukas Hemleb
Choreografie : Joanna O’Keeffe
kostüme : Andrea Schmidt-Futterer
Dekorationen: Alexander Polzin
Verteilung:
Iphigénie: Anna Caterina Antonacci
Oreste: Bruno Taddia
Pylade: Steve Davislim
Thoas : Alexey Tikhomirov
Diane : Julienne Walker
Ein Skythe : Michel de Souza
1st Priesterin: Mi-Young Kim
2e Priesterin: Marianne Dellacasagrande
Eine griechische Frau: Cristiana Presutti
der Minister des Heiligtums: Wolfgang Barta
Uraufgeführt am 18. Mai 1779 in Paris an der Académie royale de musique.


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