Seit 30 Jahren bringt das Ensemble Les Boréades mit seiner Konzertreihe Barockmusik auf die Bühnen Montreals. Die neue Saison, die am 25. September im Auditorium der Nationalarchive beginnt, verspricht Begegnungen, wie sie typisch sind für dieses Ensemble: anspruchsvoll, voller Freude und Neugier.
Geburt eines Ensembles
Es war 1991, dass Francis Colpron Les Boréades gründete – benannt nach Rameaus letzter Oper, und mit dem Wunsch, „den barocken Geist lebendig zu halten“. Der Flötist kam damals gerade von seinem Studium in Europa zurück und wollte unbedingt loslegen: „Ich war sehr aktiv, habe Tourneen organisiert, Platten gemacht und so weiter“, erinnert er sich. In den ersten Jahren ging es den Musiker vor allem darum, Konzerte zu geben und ein paar Aufnahmen zu machen, zum Beispiel die Sonates Virtuoses du XVIIe siècle bei ATMA. „Ich musste wohl oder übel der Organisator sein – schließlich war ich Flötist, und Flötisten ruft man nicht so oft an.“ Aber erst mit seiner Konzertreihe hat das Ensemble den Glanz bekommen, den es heute besitzt.
Diese Idee einer festen Saison entstand nach der großen Kanada-Tournee der Jeunesses Musicales 1994/95. „Nach fast 50 Konzerten im Osten Kanadas, die wir damals spielten, haben wir beschlossen, eine Saison-Konzertreihe aufzubauen – mit Abonnenten, Regelmäßigkeit, allem Drum und Dran“, erzählt Colpron. „Denn wir hatten das starke Bedürfnis, unsere musikwissenschaftlichen Entdeckungen mit dem Publikum zu teilen.“ Diese Lust am Teilen war gepaart mit jugendlicher Unerschrockenheit – auch wenn das hieß, dass man mal im Auto übernachtete. „Ich konnte überall spielen, schlafen war egal“, lacht er. Aus dieser Zeit sind ihm Begegnungen mit Musikerinnen wie der Gambistin Susie Napper oder der Geigerin Hélène Plouffe besonders in Erinnerung geblieben.

Eine der engen Weggefährtinnen der Boréades, Karina Gauvin, schätzt genau diesen Pioniergeist von Francis Colpron und seinem Ensemble: „Da steckt immer eine offene, fröhliche, begeisterte Energie drin.“ Auf der Bühne erforscht Francis Colpron (versierter Musiker und exzellenter Schauspieler) mit Les Boréades die dramatischen Welten der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts mit Aufführungen wie Acis et Galatée (2015), La belle danse (2013), Tabarinades (2010) und Molière en Musique (2008).
Les Boréades heute
Zu den Markenzeichen des Ensembles gehören die Sorgfalt in der Konzertgestaltung und die Lust, Neuentdeckungen weiterzugeben. Das prägt beispielsweise das zweite Konzert der Saison, Meslanges harmoniques (6. März), mit Werken von Claude Lejeune, Antoine Guédron, Eustache Du Caurroy und Michael Praetorius. Ein weiteres typisches Merkmal ist die Lust auf interdisziplinäre Zusammenarbeit – mit Tänzern, Schauspielern oder Regisseuren.

So etwa beim Konzert-Dokumentarfilm-Projekt Transtaïga (2022) rund um den Abenteurer Samuel Lalande-Markon, das demnächst weiter auf Tournee gehen wird. Für Karina Gauvin gehören die Tourneen mit den Boréades zu den schönsten Erinnerungen, nachdem die Sopranistin mehrere Male mit dem Ensemble zusammengearbeitet hat: „Es sind wunderbare Momente, die uns bis ins Schloss von Compiègne in Frankreich geführt haben.“
Sie hebt auch Colprons „Sinn für echten Dialog“ hervor. Colpron selbst versteht Barock nicht nur als Musik, sondern als Denkweise: „Das war eine Zeit, in der man alle Mittel nutzte, um Gefühle zu wecken“, sagt er. „Nächstes Jahr machen wir eine große Opernproduktion – und barocker Geist heißt, wir werden uns nicht zurückhalten!“ Für ihn bedeutet das: alles Potenzial ausschöpfen, um dem Publikum und den treuen Anhängern gerecht zu werden, die dem Ensemble nun seit drei Jahrzehnten folgen.
Zurück zu den Wurzeln
Das Konzert zur Saisoneröffnung am 25. September heißt Tisseur de vent („Windweber“) und rückt Francis Colpron selbst ins Zentrum: ein Programm für Flöte, von Nicolò Paganini bis Frank Zappa. „Das ist so etwas wie eine Reise durch die wichtigsten Stationen für mich als Musiker – Punkte, die auch die Arbeit der Boréades geprägt haben“, erklärt er. „Ich schaue auch auf meine Kindheit zurück: wie ich gelernt habe, wie wichtig die italienische Musik für mich war, und dann die Entdeckung von Bach.“ Die Eröffnung wird also fast eine ganze Lebensgeschichte nachzeichnen.
Die Saison endet mit einem Konzert unter dem Titel Telemann, der unvergleichliche Meister. Colpron schwärmt von einem Komponisten, „der für jedes Instrument wunderbar schreibt, wie Porzellan.“ Und er vergleicht ihn mit dem großen Bach: „Bei Bach ist alles sehr reich, komplex, man braucht Struktur, um es zu erfassen. Telemann hingegen ist raffiniert, galant, bei ihm steckt in jeder Linie ein Sinn für Schönheit.“ Ihm endlich die Aufmerksamkeit zu geben, die er verdient, ist Colpron ein Herzensanliegen – als würdiger Abschluss der Saison, bevor im nächsten Jahr neue Überraschungen folgen.

Aktuelle Projekte
Komplettes Saisonprogramm:
- 25. September 2025 (19.30 Uhr) – Le Tisseur de vent (Nationalarchive, Montreal)
- 6. März 2026 (19.30 Uhr) – Meslanges Harmoniques (Nationalarchive, Montreal)
- 21. Mai 2026 (19.30 Uhr) – Telemann, der Meister ohne Gleichen (Nationalarchive, Montreal)



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