Seit fünfunddreißig Jahren steht Christophe Rousset an der Spitze von Les Talens Lyriques und prägt mit seinem Ensemble die Aufführung französischer und italienischer Barockmusik wie kaum ein anderer. Nun schließt er den Zyklus der Lully-Opern ab – ein Projekt, das Ende der 1990er begann. Rückblickend spricht der Dirigent und Cembalist über seinen Werdegang, seine künstlerischen Entscheidungen und seine Kämpfe für wenig bekannte Repertoires. Zwischen Treue zum Cembalo, Neugier auf neue Horizonte von Gounod bis Wagner, innovativen pädagogischen Initiativen und Reflexionen über die Zukunft eines unabhängigen Ensembles zeichnet er ein zugleich leidenschaftliches und nüchternes Bild vom Platz der Musik in einer sich wandelnden Welt.
Ihre Saison 2025/26 ist das 35. Jahr von Les Talens Lyriques. Ihr sprecht kaum darüber. Mögt Ihr keine Jubiläen?
Christophe Rousset: Nein, daran liegt es nicht. Aber wir haben die 30 Jahre schon groß gefeiert, und jetzt … heben wir uns das eben für die 40 auf!
Eines der Highlights dieser Saison ist das Ende des Lully-Zyklus.
C. R.: Ja, wir spielen Cadmus et Hermione in der Philharmonie de Paris, die erste tragédie lyrique überhaupt und zugleich das letzte Werk in unserem Zyklus. Es ist wunderbar, dieses Projekt bis zum Ende gebracht zu haben. Dabei war es anfangs gar nicht als Gesamtaufnahme gedacht: Wir haben 2001 mit Persée auf CD begonnen, dann 2004 Roland auf der Bühne gemacht – der Rest ergab sich nach und nach. Lully war immer eine Leidenschaft von mir, aber an eine Gesamteinspielung habe ich nie geglaubt. Ich hielt es sogar für unmöglich. Heute empfinde ich es als echte Erfüllung.
Über welchen Zeitraum hat sich das erstreckt?
C. R. : Angefangen hat es Ende der 1990er. Roland war um 2000 oder 2001. Insgesamt also über 25 Jahre. Damals war es schwer, Lully zu verteidigen. Selbst nach dem Erfolg von Atys blieb er für viele ein Sonderling. Viele hielten ihn für langweilig – übrigens auch William Christie war von Atys nicht besonders überzeugt. Ich wollte das Gegenteil beweisen. Der Rezitativstil ist extrem anspruchsvoll, ähnlich wie bei Monteverdi, aber wenn man die Dramaturgie ernst nimmt, entsteht etwas Großes. Das ist das Faszinierende: der Freiraum für den Interpreten, die Vielfalt der möglichen Lesarten. Auch für Sänger ist das ein Geschenk.
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