Farinelli-Wettbewerb

Christoph von Bernuth : „Wunderbar, wenn man junge Talente entdeckt!“

→Im Rahmen der Händel-Festspiele Karlsruhe, deren künstlerischer Leiter er ist, setzt Christoph von Bernuth neue Akzente und initiiert die erste Ausgabe des Farinelli-Wettbewerbs für Countertenöre, die vom 27. Februar bis zum 2. März stattfindet. Ein Blick hinter die Kulissen dieses spannenden Projekts!

Christoph von Bernuth : „Wunderbar, wenn man junge Talente entdeckt!“

Christoph von Bernuth ist Operndirektor und Regisseur am Badischen Staatstheater Karlsruhe, außerdem künstlerischer Leiter der dort beheimateten Händel-Festspiele. Im Rahmen dieses Festivals findet dieses Jahr auf seine Initiative hin vom 27.2.-2.3. der erste Farinelli-Wettbewerb für Countertenöre statt. Wir haben mit Christoph von Bernuth darüber gesprochen.

Herr von Bernuth, warum so ein Wettbewerb nur für ein Stimmfach — und nur für Männer?

Christoph von Bernuth: Weil es bei den Kastraten eben um Männer geht, die singen, und nicht um Damen. Das ist einfach eine Technikfrage.

Aber die Kastraten sangen ja nicht wegen ihrer Technik so hoch, seinerzeit … — eigentlich sind Frauen also stimmlich näher am Kastraten als ein Countertenor. Und ein Countertenor hat dazu einen weit geringeren Ambitus als die allermeisten Frauenstimmen — und eben die Kastraten damals.

C. v. B.: Das ist richtig, aber es gibt ja etliche Countertenöre, die auch Rollen der Kastraten von damals singen. Und das ist natürlich spektakulär, weil es eben Männerpartien sind. Allerdings bin ich bin nun auch nicht der Meinung, dass alle Kastratenpartien immer nur von Männern gesungen werden sollten. Aber wir decken im Wettbewerb ja nicht nur das Kastratenrepertoire ab, sondern wir haben auch Countertenöre, die Sopranpartien und zeitgenössisches Repertoire anbieten.

Woher die Idee zu diesem Wettbewerb?

C. v. B.: Ich habe lange bei den Innsbrucker Festwochen gearbeitet und dort mit Alessandro De Marchi den Cesti-Wettbewerb gegründet. Und der ist wirklich ein großer Erfolg, seither. Da habe ich erlebt, wie wunderbar es ist, wenn man junge Talente entdeckt und ihnen eine Plattform bietet — vor allem, wenn die Finalisten dann tatsächlich Karriere machen. Den selben Effekt erhoffe ich mir jetzt hier. Und Wettbewerbe gibt es schon wie Sand am Meer, und so habe ich überlegt, was die Barockmusik besonders auszeichnet? Heraus kam der Countertenor-Wettbewerb, den es eben wirklich noch nicht gibt.

Wie viele Sänger haben sich beworben?

C. v. B.: Knapp 50 — was ich für eine stolze Zahl halte, für das erste Mal. Die hatten Videos eingeschickt, aus denen wir eine Vorauswahl getroffen haben — und 24 haben wir letztendlich nach Karlsruhe eingeladen.

War die Auswahl schwierig?

C. v. B.: Naja, man hört natürlich ganz schnell, wer mögliche Finalisten sind, wo schon hohe Qualität vorhanden ist; die kristallisieren sich raus. Dann gibt es welche, da weiß man anhand des Videos noch nicht so genau, wo die Reise hingeht, aber vielleicht stellt sich das in Wirklichkeit ein bisschen anders dar. Aber deshalb ist dieser Wettbewerb auch so eine wichtige Plattform, denn es gibt eben kaum Möglichkeiten für junge Counter, sich zu präsentieren. Und das finde ich so wahnsinnig wichtig: Wo sollen die sich denn zeigen, wenn sie noch nicht bekannt sind?

© Arno Kohlem

Aber die Counter sind doch sehr gesucht: In der Alten Musik, in der freien Szene, küsst ihnen jeder Kirchenmusikdirektor die Füße, wenn sie bei ihm Johannespassion singen, oder Messias!

C. v. B.: Davon kann man aber nicht leben, würde ich mal behaupten. Das sind ja Konzerte, von denen Sie sprechen.

Ja. Aber davon leben viele Sänger in der Alten Musik. Das ist vielleicht je nach Jahreszeit und Renommee des Sängers nicht so üppig wie ein fester Vertrag an einem gut subventionierten Opernhaus — aber die Leute existieren durchaus davon; vielleicht gemischt mit etwas Ensemblearbeit.

C. v. B.: Ja, da haben Sie vielleicht eine andere Sicht auf die Dinge. Aber ich denke nicht, dass Countertenöre über ein Kirchenkonzert eine große Opernkarriere starten können.

Wir decken im Wettbewerb  nicht nur das Kastratenrepertoire ab, sondern wir haben auch Countertenöre, die Sopranpartien und zeitgenössisches Repertoire anbieten.

Nein, das ist richtig. Im Konzertfach ist der klassische Weg ja, dass die Sänger zum Studium an eine auf historische Aufführungspraxis spezialisierte Hochschule oder Abteilung gehen. Und dann sind die bei Studienende in den Ensembles der Alte Musik-Szene oft schon so beheimatet, dass sie mehr oder weniger von der Musik leben können.

C. v. B.: Ja, ich glaube, das sind zwei verschiedene Szenen, von denen wir sprechen. Das ist im Opernbereich anders. Allerdings ist es eher selten, dass ein Countertenor eine feste Stelle am Opernhaus hat.

Gibt es das überhaupt?  

C. v. B.: Ja, wir haben das mal gemacht!

Ach, toll! 

C. v. B.: Das lohnt sich natürlich dann, wenn man zum Beispiel eine zeitgenössische Produktion in einer Spielzeit hat, in der ein Countertenor gebraucht wird, und zusätzlich eine Barock-Produktion. Aber es ist die Ausnahme. Deshalb glaube ich, das ist eben die Aufgabe der Wettbewerbe, dass man sich einer Jury aus möglichst prominenten Mitgliedern präsentieren kann, die einen dann engagieren. Das ist ein Sprungbrett. Und wir haben Bewerbungen aus der ganzen Welt bekommen: aus Europa, aber auch Brasilien, Chile, Haiti, Honduras, Kanada, USA, Israel, Russland, China, Japan, Südkorea — also es ist wirklich irre! Aber vermutlich ist es als chilenischer Countertenor schon schwierig, sich hierzulande irgendwie zu zeigen. Das ist vielleicht nochmal anders, wenn man in Deutschland, in Europa schon Fuß gefasst oder hier studiert hat.

Sicher, ja. Was haben Sie für ein Repertoire ausgewählt, für den Wettbewerb? 

C. v. B.: Wir haben versucht, mit den Arien die verschiedenen Stimmfächer im Rahmen des Countertenor-Bereichs abzudecken, von den Tieferen bis hin zu den Sopranisten. Und klar: Es sind Händel-Festspiele, natürlich sind da einige Arien aus Opern von Händel. Aber wir haben auch welche von Broschi ausgesucht, von Monteverdi, von Vivaldi, von Mozart, und die Sänger können selbst zeitgenössische Arien vorschlagen.

Was gibt es für Preise? 

C. v. B.: Neben dem großen Preis von 5.000 € gibt es auch einen zweiten mit 2.500 €, sowie einen Nachwuchspreis U25 von 1.000 € — alles von der Händel-Gesellschaft Karlsruhe gestiftet, die uns überhaupt sehr unterstützt. Ein weiterer Preis ist ein Engagement für ein Konzert mit zeitgenössichem Repertoire am Badischen Staatstheater, das auch den mit 1.000 € dotierten Publikumspreis stellt. Und zum Beispiel Max Cencic sitzt ja in der Jury und wird auch jemanden für ein Konzert beim Festival Bayreuth Barock küren. Was ich für die Sänger aber auch wichtig finde, ist, dass wir das Finale streamen. Da arbeiten wir mit Total Baroque zusammen, und es ist natürlich wunderbar, dass wir da ein Forum haben. Das bringt den jungen Leuten auch ein internationales Publikum.

Im Finale spielt das Karlsruher Barockorchester? 

C. v. B.: Ja.

Und in den Vorrunden?

C. v. B.: Da begleiten Cembalo und Flügel. Vor allem, weil zeitgenössische Musik und Barockmusik natürlich unterschiedliche Stimmungen haben. Das heißt, man kann das nicht mit Orchester begleiten.

Dieser Wettbewerb ist auch eine wichtige Plattform, denn es gibt eben kaum Möglichkeiten für junge Counter, sich zu präsentieren.

Stehen die Kriterien, nach denen die Jury urteilt, irgendwie in Zusammenhang mit dem Barock — oder Farinelli? Man weiß ja zum Beispiel, dass er diesen langen Atem hatte, eine sehr egale Stimme und einen riesigen Ambitus…

C. v. B.: Ja, natürlich legt man Kriterien an im Hinblick auf Barock. Da muss man beispielsweise Koloraturen singen können, sonst hat man im Barock-Opernbereich nicht wirklich was verloren, dann sind die Technik und Sicherheit, Virtuosität und Gestaltung unheimlich wichtig. Es gibt ja Sänger, die zwar schöne Stimmen haben, aber man weiß gar nicht, warum die das singen, was sie singen.

Oder barocke Rhetorik, das fehlt mir bei manchen Opernsängern auch.  

C. v. B.: Ja, genau, das ist ganz wichtig! Ich bin ja auch Regisseur, deswegen achte ich auf sowas sehr stark. Auch Diktion ist wesentlich.

Händel-Festspielleitung: Stephanie Twiehaus, Christoph von Bernuth, Oliver Kersken © Arno Kohlem

Wie ist die Jury besetzt?

C. v. B.: Sehr vielfältig, und das finde ich auch sehr schön: Da ist unser Intendant Christian Firmbach, ein großer Stimmexperte, der eher aus dem klassischen Opernbereich kommt. Dann Max Emanuel Cencic, Countertenor, aber auch Vivica Genaux, Mezzosopranistin. Dazu die neue Leiterin des Internationalen Opernstudios an der Hamburgischen Staatsoper, Véronique Walter, und Natascha Ursuliak von der Oper Zürich, wo  auch viel Barockoper gespielt wird.

Was versprechen Sie sich als Haus von diesem Wettbewerb?

C. v. B.: Erstmal mehr Internationalität. Durch die Juroren, aber auch durch eine größere Verbreitung der Händel-Festspiele dank des Streams. Außerdem hoffe ich, dass vielleicht ein paar mehr Leute auf diese — mit einem gewissen Glamour verbundenen — Counter-Stimmen aufmerksam werden, damit mehr Leute ins Theater kommen, die da sonst nicht hingehen würden. Und mir war es auch wichtig, den Wettbewerb für Sopranisten im Hinblick auf Sopran- oder Mezzopartien von Frauen auszuweiten. Ich glaube, das ist eine Bewegung, die in den nächsten Jahren immer größer werden wird, und das finde ich sehr spannend. Denn obwohl wir uns ja an Hosenrollen längst gewöhnt haben, ist das noch lange nicht so, wenn ein Mann — nicht parodistisch — eine Frauenpartie singt. Wenn wir dazu ein Stück beitragen können, dann würde mich das freuen.

Herr von Bernuth, herzlichen Dank für dieses schöne Gespräch!