Im Herbst 1705 verließ der zwanzigjährige Johann Sebastian Bach Arnstadt und reiste nach Lübeck, um Dietrich Buxtehude kennenzulernen, einen der angesehensten Musiker seiner Zeit. Diese musikalische Verbindung stellen der Chœur & Ensemble Poséidon und sein Leiter Arnaud Condé ins Zentrum ihrer zweiten CD: Neben zwei Werken Buxtehudes lässt die frühe Kantate Nach dir, Herr, verlanget mich BWV 150 einen Bach hören, der der musikalischen Welt seiner Vorgänger noch nahesteht und zugleich bereits erstaunlich eigenständig und erfinderisch erscheint.
Bach auf Buxtehudes Spuren
Nach dir, Herr, verlanget mich, vermutlich zwischen 1704 und 1708 entstanden, gehört zu den frühesten erhaltenen Kantaten Bachs – möglicherweise ist sie sogar die erste. Das Werk besticht durch seine Knappheit: Sieben kurze Sätze – Sonate, Chöre, Arie und Terzett – folgen aufeinander, wobei Kontraste und die Ausdeutung des Textes stärker im Vordergrund stehen als jene groß angelegten Formen, die Bach später entwickeln sollte. Auch die instrumentale Besetzung ist klein gehalten: zwei Violinen, Bassvioline, Fagott und Orgel.
Als Gegenstück wählt Poséidon zunächst Buxtehudes Gott, hilf mir BuxWV 34. Auf den einleitenden Hilferuf des Psalmisten – „Gott, hilf mir, denn das Wasser gehet mir bis an die Seele“ – folgen verschiedene Abschnitte für Solisten und Chor, bis die Aufforderung „Israel, hoffe auf den Herrn“ wiederkehrt. Hinzu kommt Ad genua, die zweite Kantate aus dem Zyklus Membra Jesu nostri, eine Meditation über die Knie des gekreuzigten Christus, in der solistische Abschnitte von zwei chorischen Wiederholungen des Ad ubera portabimini eingerahmt werden.
Um 1700: Deutschlands Klangwelt im Wandel
Das Programm beginnt jedoch mit einem dritten Komponisten: Johann Kuhnau, Bachs unmittelbarem Vorgänger als Thomaskantor in Leipzig, und dessen Motette Tristis est anima mea. So zeichnet die Gegenüberstellung ein breiteres Bild der deutschen Kirchenmusik um 1700 – von der Generation Buxtehudes und Kuhnaus bis zu den ersten Experimenten des jungen Bach.
Einer der interessantesten interpretatorischen Ansätze des Albums betrifft gerade die Klangfarben dieser Übergangszeit. Arnaud Condé spielt ein dreiklappiges Barockfagott, das eigens bei dem Instrumentenbauer Olivier Cottet nach einem Instrument von C. Lauenstein aus der Zeit um 1700–1710 in Auftrag gegeben wurde. Wie das Booklet erläutert, entsprachen die um die Jahrhundertwende neu in Deutschland eingeführten französischen Blasinstrumente nicht unbedingt dem Stimmton der einheimischen Instrumente. In BWV 150 ist die Fagottstimme daher in d-Moll notiert, während Orgel, Violinen und Stimmen eine Terz tiefer, in h-Moll, spielen.
Das 2018 von Arnaud Condé gegründete Ensemble Poséidon spielt auf historischen Instrumenten; sein vokales Pendant, der Chœur Poséidon, vereint nach Vorsingen ausgewählte Amateursängerinnen und -sänger und widmet sich der historisch informierten Aufführungspraxis. Bach / Buxtehude wurde vom 6. bis 8. August 2025 in der Kirche Saint-Sulpice in Saint-Cyr-en-Val im Département Loiret aufgenommen und erschien am 15. Dezember 2025.


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