Ottavio Dantone & Accademia Bizantina

Über die Kunst, Barockmusik durch Wissen zu befreien

→In der europäischen Landschaft der Barockensembles ragen die Accademia Bizantina und ihr Leiter Ottavio Dantone durch ihre Originalität und ihr besonderes Gespür für Kommunikation heraus. „The Exciting Sound of Baroque Music“ ist ihre Devise, und ihre Konzerte stehen unter dem kraftvollen Motto „Libérez la musique“ – Befreit die Musik! Die Brandenburgischen Konzerte nehmen sie unter ihrem eigenen Label HDB Sonus in einer Serie mit dem Titel „Baroque Anatomy“ auf.

Über die Kunst, Barockmusik durch Wissen zu befreien
“Das Schöne am Barock ist, dass musikalische, ausdrucksvolle und emotionale Situationen auf vielfältige Weise gedeutet werden können, ohne dass eine Deutung weniger legitim wäre als die andere.” © Giulia Papetti

Die in den frühen 1980er-Jahren in Ravenna gegründete Accademia Bizantina zählt heute zu den führenden Barockorchestern Europas. Unter der Leitung von Ottavio Dantone, ihrem Chef seit 1996, hat das Ensemble nach und nach eine ganz eigene Poetik entwickelt: die Zeichen der Vergangenheit zu lesen, um die Musik in der Gegenwart vollkommen lebendig werden zu lassen. In diesem Gespräch blickt der italienische Cembalist und Dirigent auf die Anfänge des Ensembles zurück, auf sein schrittweises Eintauchen in die Barocksprache, die Bedeutung von Rhetorik und Forschung, aber auch auf die Notwendigkeit, die Musik durch Wissen zu „befreien“. Von den Gründungsdevisen bis hin zu ehrgeizigen Aufnahmeprojekten skizziert Dantone eine wahre Anatomie des Barock und unterstreicht dabei die Bedeutung des Mäzenatentums für diesen musikwissenschaftlichen Ansatz. Nicht zu vergessen: die zentrale Rolle der Kommunikation, um ein neues Publikum zu erreichen!

Die Accademia Bizantina blickt auf über vierzig Jahre Tätigkeit zurück und hat sich im Laufe der Zeit stetig gewandelt. Wie fing alles an?

Ottavio Dantone: Die Accademia entstand 1983 als Kammerorchester aus jungen Musikern, hieß aber damals noch nicht Bizantina. Der Name wurde von dem Pianisten Jörg Demus angeregt, der zu ihnen sagte: „Ihr lebt in Ravenna, ihr habt die byzantinischen Mosaike – warum nennt ihr euch nicht Accademia Bizantina?“ So wurde die Gruppe getauft. Ich selbst stieß 1989 zu ihnen: Ich gab in Mailand einen Kurs für Generalbass-Improvisation, und der damalige Leiter der Accademia, Carlo Chiarappa, der sich für Alte Musik interessierte, bat ihren Cembalisten, zu mir zu kommen, um sich zu perfektionieren. Der Unterricht gefiel ihm so gut, dass das Ensemble mich bat, an einem ihrer Projekte mitzuwirken. Schließlich schlug mir das Orchester 1996 vor, die Leitung zu übernehmen: Man wollte sich konsequent in Richtung Philologie auf historischen Instrumenten bewegen und sich stärker auf Alte Musik spezialisieren. Das war die Zeit, in der sich bereits bedeutende Gruppen wie Il Giardino ArmonicoL’Europa Galante und Concerto Italiano etabliert hatten. Damals wirkte das Orchester wie ein Kompromiss ohne klare Identität, da es mit modernen Instrumenten und Barockbögen spielte, teils mit Darmsaiten, und das Repertoire von Barock bis Berio reichte. Zu Beginn gab es eine Doppelspitze, doch dann zog sich Carlo Chiarappa zurück und ich blieb alleiniger Leiter.

Wie hat sich die Accademia Bizantina entwickelt, seit Sie offiziell die künstlerische Leitung übernommen haben?

O. D.: Das Orchester musste zunächst ein tiefes Verständnis für die Sprache der Alten Musik entwickeln. Diese Sprache umfasst Gesten und Artikulationen – es geht nicht nur um Triller, den reinen Klang oder das Non-Vibrato, sondern um die Verbindungen und Entsprechungen zur Sprache, zum Sinn und somit zur Rhetorik. Ich habe meine Arbeit am Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts angesetzt, da dies der historische Moment war, in dem die Suche nach einer direkten Entsprechung zum Wort ihren Anfang nahm.

Begeisterung und Emotion sind zwei Schlüsselbegriffe für die Poetik der Accademia Bizantina, auch im Hinblick auf die Kommunikation mit dem Publikum.

O. D.: Absolut! Zu Beginn lag unsere Priorität nicht auf der Kommunikation oder der Erweiterung des Publikums; wir mussten uns erst selbst bereit fühlen. Natürlich haben wir im Laufe der Zeit – und besonders in den letzten Jahren, auch dank der Unterstützung eines Sponsors – versucht, unsere Poetik über Videos und Filme zu vermitteln, um das Publikum einzubeziehen und unsere Arbeitsweise verständlich zu machen. Es geht aber auch darum zu zeigen, wie anregend gerade die Barockmusik heute noch sein kann, sofern man die intellektuelle Redlichkeit und das Fachwissen besitzt, diese Sprache zu studieren. Es gibt nicht nur die eine richtige Interpretation. Das Schöne am Barock ist, dass musikalische, ausdrucksvolle und emotionale Situationen auf vielfältige Weise gedeutet werden können, ohne dass eine Deutung weniger legitim wäre als die andere. Was man vermeiden muss, ist, vom eigenen Geschmack oder rein persönlichen Eindrücken auszugehen, da dies den Sinn der Musik verfälschen könnte. Uns stehen Traktate zur Interpretation und Rhetorik zur Verfügung, die uns lehren, wie wir an die Lektüre und Deutung herangehen, um uns von persönlicher Willkür zu befreien. Der Barock ist ein wahres Universum – eine Sprache, deren Beherrschung der Grammatik es erlaubt, sich vollkommen in die Lage eines Musikers oder Komponisten der damaligen Zeit zu versetzen.

Angel

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