The BanXhies

48° North

→Warum sind auf einem Album über Antonio Caldara auch Legrenzi, Vivaldi, Biber, Muffat, Fux und sogar Bach zu hören? Auf ihrem Debütalbum folgen The BanXhies weniger einem Werkkatalog als vielmehr einer Reiseroute: der eines Venezianers, der Vizekapellmeister am Kaiserhof wurde – und mit ihm der Zirkulation von Musikern und Stilen zwischen Italien und dem deutschsprachigen Raum an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert.

48° North
© Alpha Classics / Outhere

Mit 48° North. Caldara, from Venice to Vienna, erschienen am 4. September 2026 bei Alpha Classics, legen The BanXhies ihr erstes Album vor. Roxana Rastegar und Yaoré Talibart an den Violinen, Suzanne Wolff am Violoncello sowie Louise Acabo an Cembalo und Orgel nehmen Antonio Caldara als roten Faden für eine Reise von Venedig nach Wien. Der Titel verweist genau auf den Breitengrad der österreichischen Hauptstadt, in der sich der Komponist 1715 nach einer Laufbahn über Barcelona, Rom und Mailand endgültig niederließ.

Das Album will Caldara daher nicht allein anhand seiner eigenen Werke porträtieren. Mehrere Sätze aus seinen Triosonaten op. 1 bilden das Rückgrat des Programms, umgeben von Musik, die die verschiedenen Welten hörbar macht, zu denen er gehörte. Giovanni Legrenzi, Kapellmeister an San Marco, als Caldara dort als junger Cellist tätig war, verweist auf dessen venezianische Ausbildung; Antonio Vivaldi steht für eine weitere Verbindung zwischen Venedig und Wien. Weiter nördlich lassen Georg Muffat, Heinrich Ignaz Franz Biber und Johann Joseph Fux einen deutschsprachigen Musikraum hörbar werden, der seinerseits stark von italienischen Einflüssen geprägt war.

Dieses Geflecht von Verbindungen reicht über die Biografie hinaus. Caldara kam in ein kosmopolitisches Wien, in dem sich unterschiedliche Stile bereits seit Jahrzehnten begegneten. 1715 zum Vizekapellmeister unter Fux ernannt, entwickelte er dort eine Tonsprache, die italienische Virtuosität mit einer dichteren deutschen Kontrapunkttradition verband. Das Programm macht diese Durchdringung hörbar, statt sie chronologisch nachzuerzählen: Eine Canzona von Legrenzi steht neben dem Adagio aus Bachs Konzert BWV 974 nach Alessandro Marcello; Porpora, Marini und Froberger gehen Biber und Muffat voraus, bevor Fux und Caldara den Bogen schließen.

Diese Auswahl sagt zugleich viel über die Identität der BanXhies aus. Das Ensemble, dessen Kern die Triosonate bildet, versteht seine Programme als Erzählungen und verbindet Werke des Repertoires mit Transkriptionen und wechselnden Rollen der Instrumente. 48° North entstand aus der ersten Begegnung der Musikerinnen mit Caldaras Musik im Jahr 2022 bei der Lektüre einer seiner Sonaten. Kein Instrument steht hier dauerhaft im Vordergrund: Die beiden Violinen, das Violoncello und die Tasteninstrumente ordnen das klangliche Gleichgewicht von Stück zu Stück neu; an der Orgel wirkt zudem Emmanuel Arakélian mit.

So erzählt diese musikalische Geografie letztlich mehr als nur eine Reise von Venedig nach Wien. Sie macht eine Epoche hörbar, in der Komponisten, Werke und Spielweisen von Hof zu Hof wanderten und die Grenze zwischen einer „italienischen“ und einer „deutschen“ Schule zunehmend verschwamm. Caldara steht dafür im Zentrum wie kaum ein anderer: Venezianer von Geburt, im Umfeld Legrenzis geprägt, mit Rom und Spanien vertraut, verbrachte er die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens im Dienst Karls VI. in Wien. Diese bewegliche Identität stellen The BanXhies ins Zentrum ihres Debütalbums.