Händels Solosonaten nehmen in seinem Werkverzeichnis einen besonderen Platz ein. Sie wirken weniger unmittelbar spektakulär als die Opern, Oratorien oder großen Concerti, offenbaren aber dennoch eine Kunst von großer Fülle: den Dialog zwischen einer instrumentalen Stimme und dem Basso continuo, zwischen Gesang und Tanz, zwischen theatralischer Rhetorik und der Freiheit der Kammermusik. Umso faszinierender ist dieses Repertoire, als seine Editionsgeschichte komplex bleibt: Manche Sonaten wurden durch unzuverlässige Ausgaben überliefert, andere wechselten je nach Publikation das Instrument, während mehrere Zuschreibungen lange umstritten waren. Hinter der scheinbaren Einfachheit der Gattung öffnet sich also ein bewegliches Terrain, auf dem die Interpretinnen und Interpreten immer wieder Quellen, Praktiken und instrumentale Farben befragen müssen.
Genau darin liegt einer der Reize dieser Veröffentlichung bei MDG / Dabringhaus und Grimm: Diese Stücke werden nicht als liebenswürdige Sammlung von Salonsonten behandelt, sondern als ein echtes händelsches Labor. Blockflöte, Traversflöte, Oboe, Violine, Viola da gamba und Cembalo zeichnen jeweils eigene Ausdrucksprofile, mit eigener Diktion, eigenem Klangkorn und eigener Atmung. An der Seite von Anne Röhrig hebt das Ganassi Consort die Vielfalt einer Sprache hervor, die sich ganz natürlich von galanter Eleganz zu dramatischem Impuls bewegt, von der vokalen Linie zur improvisierten Verzierung, von tänzerischer Anmut zu einer dunkler gefärbten Expressivität. Der Continuo beschränkt sich dabei keineswegs auf eine bloße harmonische Stütze, sondern wird zum aktiven Partner: Er kommentiert, gibt neue Impulse, färbt und schafft für jeden Satz einen eigenen rhetorischen Raum.
Diese Aufmerksamkeit für die Klangfarben führt zu einer größeren Frage: jener nach der instrumentalen Absicht. Händels Sonaten zirkulierten häufig in Fassungen, die von Verlegern des 18. Jahrhunderts angepasst, umgearbeitet oder neu zugeordnet wurden, um den Vorlieben und Praktiken ihrer Zeit zu entsprechen. Indem das Ganassi Consort zu den Quellen, zu den Möglichkeiten historischer Instrumente und zu den überlieferten Aufführungspraktiken zurückkehrt, versucht es weniger, eine endgültige Wahrheit festzuschreiben, als vielmehr eine musikalische Logik wiederzugewinnen: warum ein bestimmtes Instrument hier überzeugender spricht, wie eine bestimmte Lage eine Phrase erhellt, was die Farbe einer Oboe, einer Flöte oder einer Violine an der Wahrnehmung derselben Schreibweise verändert.
Das Ergebnis lässt einen dynamischeren kammermusikalischen Händel hören. Man begegnet dem Theatermenschen, verdichtet im kleineren Raum der Sonate; dem Meister der vokalen Linie, übertragen in die Atmung der Instrumente; schließlich dem europäischen Komponisten, der Stile, Formen und Idiome in sich aufnimmt und daraus eine sofort erkennbare Sprache formt. Indem Anne Röhrig und das Ganassi Consort musikwissenschaftliche Genauigkeit, ornamentale Freiheit und klangliche Vorstellungskraft miteinander verbinden, erinnern sie daran, dass Händels Kammermusik kein Nebenschauplatz ist: Sie gehört zu jenen Bereichen, in denen sich sein Genie mit besonderer Natürlichkeit, Geist und Lebendigkeit offenbart.



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