Die Konzertreihe des Venice Music Project im Frühjahr 2026 dreht sich um drei zentrale Themen: Affetti, Teatro, Meraviglia – eine Reise durch die Vokalmusik vom 17. bis zum frühen 18. Jahrhundert
Diese Begriffe sind mehr als nur ein Titel; sie bieten eine Hörperspektive, die einen Großteil der europäischen Musikkultur vom 17. bis zum 18. Jahrhundert umfasst.
Im musikalischen Denken des Barock identifizierte die Theorie der Affetti die Musik als privilegiertes Mittel zur Darstellung und Hervorrufung von Leidenschaften: Traurigkeit, Freude, Hingabe, Sehnsucht. Teatro hingegen beschränkt sich nicht auf die Oper. Ein Großteil der Vokalmusik dieser Epoche – von Kammerkantaten bis hin zum geistlichen Repertoire – basiert auf einer zutiefst dramatischen Konzeption des musikalischen Diskurses, in der Worte und Klänge zusammenwirken, um eine emotionale Erzählung zu formen. Meraviglia schließlich sticht als eine der zentralen ästhetischen Kategorien des Barock hervor: das Gefühl des Staunens, das durch kompositorische Genialität, expressive Intensität und die Virtuosität der Interpreten hervorgerufen wird.
Die Saison entfaltet sich um diese drei Themen. Das Eröffnungskonzert am 28. März ist einer bedeutenden Wiederentdeckung gewidmet. Das Programm Hidden Treasures: Rivals in Venetian Churches präsentiert die Motette Modo placida et amena von Giovanni Porta, die im Boughton House (Vereinigtes Königreich) entdeckt wurde und heute nur noch selten aufgeführt wird. Dieses Konzert ist Teil des Forschungsprojekts Hidden Treasures, das sich der Wiederentdeckung wenig bekannter Repertoires widmet, die mit dem venezianischen Musikleben zwischen dem 17. und frühen 18. Jahrhundert verbunden sind.
Das Thema von Affetti zieht sich durch mehrere Programme dieser Saison. Am 1. April bieten François Couperins Leçons de Ténèbres – die zu den schönsten Errungenschaften der französischen Kirchenmusik um die Wende zum 18. Jahrhundert zählen – eine äußerst ausdrucksstarke Meditation über den Text der Klagelieder Jeremias. Am 11. April widmet sich das Programm „Springtime in Nature: the Cantatas by Handel, Bononcini and Others“ der italienischen Kammerkantate, einem zentralen Genre des Musiklebens im Rom des frühen 18. Jahrhunderts. Am 25. April beleuchtet Baroque and Beyond: Mozart and His Teachers den jungen Wolfgang Amadeus Mozart und seine Auseinandersetzung mit früheren musikalischen Traditionen, während am 9. Mai With Art and Valour: Ferrari and Monteverdi zu den Ursprüngen der begleiteten Monodie und den rhetorischen Prinzipien der Vokalmusik des frühen 17. Jahrhunderts zurückkehrt. Schließlich hebt Two Sopranos in Springtime am 23. Mai den brillanten und virtuosen Dialog hervor, der für einen Großteil des barocken Vokalrepertoires charakteristisch ist.
Die Teatro-Dimension kommt in zwei Programmen besonders deutlich zum Ausdruck. Am 18. April würdigt A Letter from Dowland John Dowland anlässlich seines 400. Todestages und beschwört die poetische und ausdrucksstarke Welt des elisabethanischen Liedes herauf. Am 2. Mai lässt „An Espresso with Bach: The Coffee Cantata“ die Atmosphäre der Leipziger Cafés des 18. Jahrhunderts wiederaufleben, wo „Schweigt stille, plaudert nicht“ von Johann Sebastian Bach eine geistreiche Miniatur des Musiktheaters bietet.
Unterdessen wird die Reihe Hidden Treasures fortgesetzt. Am 4. April, dem Karsamstag, werden Auszüge aus Johann Adolf Hasses Oratorium Sant’Elena al Calvario präsentiert, während am 16. Mai das Programm Handel in Rome: the Cantatas for Cardinal Ottoboni an die privaten Konzerte erinnert, die das Musikleben im Palazzo della Cancelleria in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts belebten.
Die Abschlussveranstaltung der Saison ist Meraviglia gewidmet, im vollsten barocken Sinne des Wortes. Am 30. Mai wird Domenico Scarlattis Opera seria Tetide in Sciro in konzertanter Form in voller Länge aufgeführt – die erste vollständige moderne Aufführung in Venedig. Dieses Projekt ist das Ergebnis zweijähriger Forschung und Untersuchung des einzigen in der Stadt erhaltenen vollständigen Manuskripts der Oper und zielt darauf ab, ein bedeutendes Beispiel der italienischen Oper des frühen 18. Jahrhunderts, das weit weniger bekannt ist als die berühmten Klavierwerke des Komponisten, wieder auf die Bühne zu bringen. Durch diese Programme bietet die Saison nicht nur eine Reihe von Konzerten, sondern eine Reise durch verschiedene Formen der Vokalmusik des 17. und 18. Jahrhunderts – von liturgischer Andacht bis zu Kammerkantaten, von elisabethanischen Liedern bis zur italienischen Opera seria. In diesem Sinne werden „Affetti“, „Teatro“ und „Meraviglia“ nicht nur zu historischen Kategorien der Barockkultur, sondern auch zu drei Schlüsseln, die es dem modernen Publikum ermöglichen, sich mit diesem Repertoire auseinanderzusetzen.
Weitere Informationen und Tickets: www.venicemusicproject.it


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