Zwanzig Jahre – und schon die erste Frage: Wurde die Cappella Mediterranea 2000 in Lissabon geboren, 2005 in Ambronay oder an jenem Septemberabend 2010, als Falvettis Oratorium Il Diluvio universale in letzter Minute gefilmt wurde und dem Ensemble anschließend internationale Sichtbarkeit verschaffte? In zwanzig Jahren hat sich eine Gemeinschaft gebildet, eine Haltung herauskristallisiert: Manuskripte zu bewohnen, ohne sie zu mumifizieren; eine lateinische Lebendigkeit zu bejahen; die Generalbassgruppe in den Dienst eines Theaters aus Fleisch und Blut zu stellen; und an der Überzeugung festzuhalten, dass Alte Musik nicht existiert – sobald sie erklingt, ist sie Gegenwart und nicht mehr alt. Leonardo García-Alarcón, Gründer der Cappella Mediterranea, und seine langjährigen Weggefährten, die Sopranistin Mariana Flores und der Tenor Valerio Contaldo, erzählen hier eine Geschichte, die Bibliotheken und Bühnen, Südamerika und das barocke Europa, Tonträger und Video, Treue und Erfindung miteinander verknüpft.
Die Anfänge: Lissabon, Ambronay und eine glückliche Sintflut
Chronologien haben ihren Reiz, doch bei der Cappella Mediterranea gleichen sie eher einem Kreuzungspunkt. „Eigentlich ist die Cappella Mediterranea aus einem Konzert in Lissabon im Jahr 2000 hervorgegangen“, erzählt Leonardo. „Ich musste ein Programm von Gabriel Garrido an der Gulbenkian-Stiftung ersetzen, weil sein Ensemble Elyma nicht reisen konnte. Da wurde die Cappella geboren.“
Der eigentliche Gründungsmoment kam jedoch erst 2005, als Alain Brunet, der Leiter des Festivals Ambronay, ihnen eine Residenz mit zwei bis drei CD-Aufnahmen pro Jahr anbot: „Das betrachten wir als unser eigentliches Geburtsjahr, weil sich das Ensemble damals strukturierte, weil plötzlich ein Rückgrat da war – Kalender, Verwaltung, künstlerische Strategie.“
Und dann 2010: das Oratorium Il Diluvio universale, in letzter Minute während eines Konzerts in der Abteikirche von Ambronay gefilmt, wurde zur internationalen Visitenkarte. „Manchmal löst das Künstlerische etwas in der Seele aus – und das Umfeld folgt!“
Das Festival und kulturelle Begegnungszentrum Ambronay bot nicht nur Bühne und Mikrofone, sondern diente auch als Werkstatt. Leonardo arbeitete dort zunächst als Assistent der Akademien, tauchte parallel in Monteverdi ein und lernte, wie er sagt, „ein Unternehmen zu gründen“. Schritt für Schritt entdeckte er, wie aus einem Ensemble eine professionelle Struktur wird: „Isabelle Battioni, damals Leiterin des Labels Ambronay, war entscheidend für Strategie und Musikwissenschaft. Ambronay hat uns gelehrt, zu wählen, zu schreiben, zu sprechen.“
Diese Partnerschaft dauerte fast zehn Jahre, bis sich der Horizont erweiterte: Opéra de Paris, Festival d’Aix, Grand Théâtre de Genève – ohne dass der ursprüngliche Werkstattgeist verloren ging.
Die Begegnung: ein Dirigent, zwei Stimmen, eine Truppe
Die Cappella wird zwanzig. An einem Septembernachmittag trifft Leonardo gemeinsam mit seinen beiden langjährigen Solisten im Markgräflichen Opernhaus ein, wo das Ensemble beim Festival Bayreuth Baroque als Orchester in Residenz auftritt. Originalität? Eher Selbstverständlichkeit. „Valerio Contaldo, das ist unser Orfeo – eine Stimme, die mich von der ersten Sekunde an inspiriert hat“, sagt Leonardo. „Mariana Flores, auf der weiblichen Seite, ist die Muse Monteverdis und Cavallis. Sie sang Francesco Cavalli, als unser Sohn Francisco in ihrem Bauch war.“

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