Bereits als Initiator der Barocktage an der Berliner Staatsoper Unter den Linden setzte Matthias Schulz Maßstäbe – nun führt er in Zürich seine Vision über den Stellenwert dieser Musik in der heutigen Zeit fort. Zwischen der Wiederentdeckung kostbarer Schätze wie Jean-Marie Leclairs Scylla et Glaucus, der Treue zu den großen Meisterwerken Händels und dem Wunsch, das Festival sowohl für die gesamte Stadt als auch für ein junges Publikum zu öffnen, entwirft er ein Programm, das ganz auf das komplette Eintauchen in barocke Klangwelten setzt. Zehn Tage lang, unmittelbar vor Ostern, verschmelzen Opern, Konzerte und Familienformate zu einem Gesamterlebnis. Ein Projekt, das den Barock als unmittelbare, dringliche und lebendige Erfahrung begreift – fernab von jeder musealen Starre.
Herr Schulz, woher rührt Ihr Engagement als Intendant des Opernhauses Zürich für die Alte Musik und die Barockoper?
Matthias Schulz: Das hängt mit den innovativen Entwicklungen der letzten 30 Jahre in der Barockmusik zusammen. Dieses neue Klangbild – mit Darmsaiten, speziellen Bögen, extrem energetisch und ohne Vibrato – hat die Musik rockig und unglaublich interessant gemacht. Hinzu kommt die schiere Menge – mindestens 25.000 – an unbekannten Opern aus dem 18. Jahrhundert. Jede Aufführung ist eine Entdeckungsreise, sowohl klanglich als auch in den Stücken selbst. Das fasziniert mich.
Gab es prägende Erlebnisse in Ihrer frühen Zeit?
M.S.: Richtig in Kontakt kam ich erst durch die Salzburger Festspiele, besonders beim Mozart22-Projekt. Pioniere wie Marc Minkowski oder Nikolaus Harnoncourt haben diese Musik nicht akademisch, sondern mit einer physischen, emotionalen Wucht aufbereitet. Diese Persönlichkeiten haben mich tief beeindruckt. Auch die Salzburger Festspiele Pfingsten haben meine Lust bestärkt, selbst so einen Schmelztiegel zu schaffen, in dem die unterschiedlichen Herangehensweisen an diese Musik sichtbar werden.
Sie waren in Salzburg, haben in Berlin die Barocktage gegründet und starten nun in Zürich mit Zürich Barock. Was haben Sie aus Berlin mitgenommen und was ist der Kern des Neuen in Zürich?
M.S.: Beide Häuser haben diese besondere Intimität mit ihren 1100 bis 1300 Plätzen. In Zürich ist es sogar noch extremer: Man sitzt mitten im Klang, was dem Obertonreichtum der Barockmusik sehr entgegenkommt. Das ist für mich als Programmmacher ein Geschenk. Dass mit dem Orchestra La Scintilla ein Haus-Ensemble diesen Klang entwickeln kann, geht auf einen Brief von Harnoncourt zurück – dieser Wille ist dem Haus eingeschrieben und europaweit einzigartig.
Ich möchte aber betonen, dass La Scintilla nicht nur ein Orchester ist, das historische Instrumente spielt. Es ist ein Ensemble mit einer eigenen Haltung. Diese Musikerinnen und Musiker haben über Jahre einen Stil entwickelt, der diese Musik lebendig macht, nicht museal. Wenn man sie proben hört, spürt man diese Neugier, dieses Forscherinteresse. Das ist etwas sehr Kostbares. Trotzdem finde ich es wichtig, durch ein Festival andere Orchester einzuladen. Diese Herausforderung macht die Unterschiedlichkeit der Zugänge sichtbar, was für mich mit dem Entdeckungsgedanken einhergeht. Nehmen Sie Jean-Marie Leclair ( 1697-1764) : Kaum jemand kennt hier seinen Namen, aber seine einzige Oper Scylla et Glaucus ist ein Meisterwerk. Die Chance, so ein Werk zu zeigen und es neben Bekanntes wie Giulio Cesare zu stellen, ist enorm spannend. Und wir zeigen Leclair nicht nur in der Oper, sondern auch in Konzerten – als Kammermusiker, als Violinvirtuosen. So entsteht ein komplettes Bild.

Ein Festival ermöglicht es zudem, sich intensiver mit der Stadt und internationalen Gästen zu verknüpfen – drei Opern, zwei szenisch, plus Konzerte und Jugendprogramm ist im Barockbereich ziemlich einzigartig. Die Idee ist, dass man hier 10 Tage lang komplett in diese Klangwelt eintauchen kann, von morgens bis abends.
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