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Total Baroque Magazine lädt Sie ein, das Konzert des Tölzer Knabenchors vom 18. Oktober zu verfolgen, das am 22. November um 20:30 Uhr (Mitteleuropäische Zeit) bzw. 14:30 Uhr (Ostküstenzeit) ausgestrahlt wird. Auf dem Programm stehen die Kantaten BWV 21 „Ich hatte viel Bekümmernis” und BWV 147 „Herz und Mund und Tat und Leben”!
- Künstlerischer Leiter: Christian Fliegner
- Dirigent: Michael Hofstetter
- Leiterin der Solistenabteilung: Ursula Richter
Es war im August 1730 — also im siebten Jahr seiner Tätigkeit als Leipziger Thomaskantor —, als Johann Sebastian Bach seinem Unwillen über die ständigen Besetzungsprobleme bei seinem Thomanerchor in einem Brief an den Rat der Stadt Leipzig Luft machte. In seinem berühmten „Entwurff einer wohlbestallten Kirchen Music“ verlangte er mit großer Vehemenz eine Besetzung von mindestens drei oder vier Sängern pro Stimme für sein Ensemble, um weiterhin seinen Pflichten als Kantor nachkommen zu können. Doch diese Besetzung bekam er nie. Und tatsächlich gibt es bis heute keine Aufnahmen oder selbst Konzerte in einer solch schlanken Besetzung, und nur mit Knabenstimmen, auch in den Solopartien. Auch, weil es nur wenige Knabenchöre gibt, die einer solchen Besetzung heute qualitativ gewachsen wären. Das nahm der BACH-ENTWURFF-PROJEKT von Ultra HIP music zum Anlass, mit dem weltberühmten Tölzer Knabenchor und dem Barockorchester Concerto München ein Projekt zu starten, in dem Bach gewissermaßen posthum sein Wunsch erfüllt werden soll: Aufführungen und Aufnahmen diverser Bach-Kantaten in der Entwurff-Besetzung! Wir haben Christian Fliegner, den künstlerischen Leiter der Tölzer, und Michael Hofstetter, den Dirigenten des kommenden Konzertes, gefragt, warum mit den Tölzern funktioniert, was sonst nie gemacht wird — und wie sie dabei vorgehen.
Gespräch mit Christian Fliegner
Herr Fliegner, Sie sind nicht nur selbst ein Emeritus des Tölzer Knabenchors — und waren einstmals ein brillanter Sopransolist —, sondern inzwischen auch sein künstlerischer Leiter. Und als solcher nicht nur für sehr viele Konzerte, sondern auch für die Ausbildung der Sänger hauptverantwortlich. Wie funktioniert das, dass die Tölzer Solisten, die ja bei unzähligen Opernhäusern, Festivals und Konzerten weltweit für Knabenpartien engagiert werden, so mühelos und vor allem auch schlicht so kräftig solistisch singen? Was machen Sie anders als andere Knabenchöre?
Christian Fliegner: Unsere Kinder bekommen ab dem sechsten Lebensjahr Gesangsunterricht bei unseren Gesangslehrern, und dadurch kann man sie so gut ausbilden, dass sie in vier, fünf Jahren auf diese Qualität kommen — und zwar ohne, dass sie forcieren, sondern wirklich mit einer tollen Technik, mit der sie Werke wie diese Kantaten singen können.
Nun haben andere Chöre ja auch Stimmbildung — und trotzdem meist keine so souverän wirkenden Solisten. Liegt es also an der Methode Schmidt-Gaden?
C. F.: Ja, die haben auch Stimmbildung, aber nicht in der Intensität, wie wir. Und naja, erstens mal haben wir nur Lehrer, die von mir beziehungsweise von Herrn Schmidt-Gaden selbst ausgebildet wurden, nach ihrem Studium. Denn die Kinderstimmbildung ist schon eine spezielle Sache, die man nicht mit Erwachsenenstimmbildung vergleichen kann. So arbeiten alle nach dem gleichen System und dadurch kommt man viel schneller zum Ziel. Außerdem müssen wir einfach so schnell arbeiten, weil die Kinder so bald in den Stimmbuch kommen. Unsere Stimmbildungszeit ist also wöchentlich mindestens eine Stunde, während es bei anderen Chören oft nur 15 oder 30 Minuten sind. Dazu kommen Ensemblestunden, wo die Kinder zu zweit und zu dritt Mehrstimmigkeit und Intonation üben, und sie haben ein bis zwei Mal pro Woche eine Chorstunde. Und dann lernen sie natürlich auch das Blatt-Singen, nach der Kodály-Schule, oder wir haben auch eine eigene Schule entwickelt, damit die Kinder die Intervalle singen können. Denn das war unsere Hauptaufgabe damals, als der Tölzer Knabenchor von Gerhard Schmidt-Gaden gegründet wurde: Die Kinder so gut auszubilden, dass sie diese Qualität erreichen. Das musste ja irgendwie möglich sein, schließlich war es zu Bachs Zeiten auch so. Und ich denke, wir haben das sehr, sehr gut hinbekommen und es ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal, sogar weltweit, würde ich mal behaupten.

Ja, ich denke, da haben Sie Recht. Und Sie arbeiten immer noch genauso, wie Herr Schmidt-Gaden das in den 1950er Jahren begonnen hat?
C.F.: Im Wesentlichen ja. Natürlich entwickelt sich die Methode weiter, man feilt immer wieder daran, aber der Grundstock ist gleich geblieben.
Das ist auch ein ganz schöner finanzieller Aufwand …
C. F.: Oh ja (lacht)! Aber nur so ist es möglich, diese Qualität zu erreichen, um eben die Bach-Kantaten mit nur drei oder vier Kindern pro Stimme aufnehmen zu können.
Wie lange haben die Solisten für dieses Projekt geprobt, wie lange der Chor — beziehungsweise das Vokalensemble, sollte man vielleicht eher sagen?
C. F.: Wir machen das so in ein bis zwei Monaten, mit intensiven Proben. Die Kinder bekommen zum Einstudieren der Töne Aufnahmen, die wir selber einsingen, dann feilen wir speziell an Phrasierungen und technischen Sachen, und dann kommen natürlich noch die Proben mit dem Dirigenten. Aber vor allem ist es wichtig, dass die Kinder Freude an der Musik haben. Nur so erreicht man dieses Niveau. Denn wenn man anfängt: so, du musst dies und jenes — das funktioniert nicht. Ich habe es selbst in meiner Kindheit im Tölzer Knabenchor auch nicht so erlebt und es war mein Wunsch, dass die Kinder auch unter meiner Leitung einfach mit Freude singen. Dann entwickelt sich auch so ein Feuer, dass die Kinder das schaffen wollen, und dann üben die das auch.

Also, die hören dann auf der Busfahrt in die Schule nicht — keine Ahnung: Taylor Swift …? — sondern eben Bach.
Ja, zum Beispiel. Sie sollen eigentlich jeden Tag so eine Stunde üben, sage ich mal. Und nicht nur Töne, sondern auch Stimmbildung, die ist entscheidend: Das sind ja keine Aufwärmübungen bei uns, sondern spezielle Übungen, die die Kinder machen, um ihre individuellen Problemzonen — wie Übergänge, Luft, Vokalstruktur — weiter zu entwickeln. Deswegen gibt es auch nicht eine Allround-CD, die man einschmeißt und dann singt man nach zwei Jahren wie Pavarotti. Vielmehr ist jede Übung wirklich zugeschnitten auf das Kind, damit es gar nicht erst anfängt, sich Fehler anzueignen. Das ist bei Kindern ganz praktisch, weil die spielerisch lernen und nicht von Haus aus schon Probleme haben wie Erwachsene: Hals zu, Hindrücken, mit Kraft singen und so weiter. Das machen die Kinder am Anfang gar nicht. Die gehen ganz locker ran und dadurch kann man viele Fehler vermeiden.
Wie eignen sich die beiden ausgewählten Kantaten für die Knabenstimmen — nun mal ungeachtet der Tatsache, dass sie dafür komponiert wurden? Bereite dir, Jesu, noch itzo die Bahn aus BWV 147 ist immerhin die höchste oder eine der höchsten Arien für Sopran, die Bach geschrieben hat …
C. F.: Die Kantaten sind wunderbar, etwas höher als die, die wir letztes Mal aufgenommen hatten, und ja, Bereite dir geht bis zum b2; aber unsere Sopransänger können alle bis zum c3 singen. Danach teilen wir sie ja auch in Alt, Mezzo oder Sopran ein, und für unsere Solisten ist ein c3 Standard, durch unsere Stimmbildung haben die Kinder bis zu dreieinhalb Oktaven Stimmumfang. Die kämpfen vielmehr darum und streiten sich, wer die höchsten Töne singt, wenn sie sagen, sie wollen gerne die Königin der Nacht singen — bis zum f3 — dann ist das eher lustig für sie (lacht)! Also, die freuen sich umso mehr, je höher es rauf geht, sagen wir mal so. Und deshalb gefallen ihnen diese Kantaten auch sehr, sehr gut.
Gespräch mit Michael Hofstetter
Herr Hofstetter, Sie werden diese Kantaten nun dirigieren — als etablierter Gastdirigent und alter Bekannter der Tölzer, deren künstlerischer Leiter Sie ja auch mal für ein Jahr waren. Nun sind Sie aber nicht unbedingt als Bach-Dirigent bekannt, sondern eher als Operndirigent und Intendant der Gluck-Festspiele. Also, Sie arbeiten durchaus auch mit historischen Instrumenten, aber das ist doch eine ganz andere stilistische Richtung. Gehen Sie Bach damit anders an als Kollegen, die eher aus der Alten Musik- oder Sakralmusikrichtung kommen?
Michael Hofmeister: Ein paar Gedanken dazu. Das eine ist: Ich gehe mit diesem Projekt gewissermaßen back to the roots: Ich habe ja Orgel und Kirchmusik studiert. Ich habe das nicht mehr praktiziert danach, sondern bin ans Theater gegangen, aber diese Basis ist da. Und zweitens: Ich habe ein ganz wunderbares Bach-Projekt dirigiert, so um die Jahrtausendwende, glaube ich, zum Thema Vanitas. Das waren fünf Bach-Kantaten, szenisch aufgeführt unter der Regie von Herbert Wernicke, den ich nach wie vor für einen der besten Opernregisseure halte, und jedenfalls den größten Philosophen unter den Opernregisseuren. Und dieses Projekt gehörte zu den ganz großen Glücksfällen meines Lebens. Und insofern gehe ich das, glaube ich, so an, wie auch Peter Catalano von der Concerto Vocale Foundation sich das vorstellt, nämlich mit der Idee, dass die Bach’sche Musik von großer Dramatik getragen ist. Man spürt immer noch, finde ich, den Nachklang der Tragödien, die Bachs Familie im 30-jährigen Krieg erleben musste. Wir haben ja auch mit den Tölzern diese CD aufgenommen mit Musik der Bach-Familie: Da merkt man ganz genau, dass diese Musik noch geprägt ist vom 30-jährigen Krieg und ich glaube, dass darin diese ganz existenzielle Glaubensfragen, diese Lebensfragen eigentlich, gestellt werden, und das möchte ich entsprechend plastisch verdeutlichen. Das heißt, ich kann jetzt gar nicht sagen, wo ich mich genau gegen wen abgrenze, so will ich auch nicht denken. Aber ich selber folge eben diesem Konzept beim Lesen der Partitur und der musikalischen Gesten. Bach schreibt ja auch in einer sehr gestischen, plastischen Sprache, und von diesem urmenschlichen Gehalt gehe ich aus, der so tief in dieser Musik genauso wie in den ergreifenden Texten steckt.

Woran merkt man, dass diese Kantaten ursprünglich tatsächlich für Knabenstimmen und so eine kleine Besetzung geschrieben wurden — die ja bei Bach tatsächlich sogar noch kleiner war?
M. H.: Naja, auffällig ist ja: Wenn man diese Partituren liest, hat man sofort das Bedürfnis, alle Stimmen möglichst klar und deutlich hörbar, erlebbar zu machen, weil jede in ihrer Stimmführung sehr komplex ist und sehr viel erzählt — was durch einen zu pastösen, breiten Klang verdeckt würde. Insofern hat man glaube ich automatisch das Bedürfnis, es klein zu besetzen. Und ob man jetzt sagt, zwei oder drei Sänger, oder einer oder zwei: Da würde ich die Diskussion nicht ansetzen. Aber eben grundsätzlich so eine kleine Besetzung. Es gibt ja eigentlich keine dichtere, komplexere und differenziertere Barockmusik als die von Johann Sebastian Bach. Zumindest in diesem Genre. Und je kleiner man das besetzt, desto durchhörbarer wird es schon von selber, aber man arbeitet auch durch die Phrasierung daran, dass es möglichst transparent wird. Da hat man natürlich bei 30 Leuten pro Stimme viel weniger Möglichkeiten als eben in so einer kleinen Besetzung.
Die Kinder lernen, dieser inneren Stimme zu vertrauen, nämlich sich selbst zu vertrauen. Und ich glaube, das ist heutzutage das Wichtigste, was man jemandem mitgeben kann: ein gesundes Selbstvertrauen.
Wie arbeiten Sie mit den Jungs daran? Was sind Unterschiede zur Arbeit mit Erwachsenen in so kleinen Besetzungen?
M. H.: Eigentlich keine. Ich glaube, das Geheimnis ist erstens, dass diese jungen Sänger einfach sehr gut ausgebildet sind, denn wenn sie im Konzertchor sind, bei den Tölzern, haben die ja fünf Jahre Ausbildung hinter sich. Und zweitens sind die auch richtig ehrgeizig: Die wollen gut sein, mit professionellen Sängern mithalten können! Und ich glaube, man kann Kindern in so einem Ensemble nichts Besseres angedeihen lassen, als sie vollumfänglich ernst zu nehmen. Immer natürlich in einer behüteten Atmosphäre, aber immer sanft das fordern, was man auch von einem erwachsenen Sänger fordern würde. Sonst würden sich diese Kinder auch unterfordert fühlen, gelangweilt sein. Die wollen auf das gleiche Level wie die erwachsenen Sänger und da arbeiten die ja auch dauernd: Wenn sie in Berlin oder in New York oder sonst irgendwo drei Knaben singen in der Zauberflöte, dann müssen sie mit den anderen Sängern und Sängerinnen mithalten, die da Pamina oder Tamino singen, das wird dort erwartet. Und bei uns auch. Natürlich liebevoll geführt und in einer Atmosphäre der vollumfänglichen Geborgenheit, Sicherheit. Aber ganz klar wie ein erwachsener Künstler. Und da muss man auch sagen, Christian Fliegner ist ein Zauberer mit den jungen Sängern, vielleicht auch, weil er selber ja mal einer der ganz großen Knabensolisten war.
Das stimmt, ich habe auch einige Aufnahmen mit ihm, damals die Bach-Kantaten-Reihe mit Harnoncourt und Leonhardt.
M. H.: Genau. Also, der ist ein Knüller, der Christian (lacht)! Es ist tatsächlich so: Die Kinder kommen ja aus der Schule, sind manchmal abgelenkt, kommen aus einem teilweise schwierigen Umfeld, haben Stress und was weiß ich. Dann sind sie am Abend bei uns, sind vielleicht unruhig, unkonzentriert, und der Christian macht mit denen zwei, drei Übungen — also Gesangsübungen in der Gruppe — dann machen die einen kleinen Wettbewerb: Da sagt er, also wer das jetzt länger singen kann als ich auf einen Atem, der kriegt ein Eis — und innerhalb von fünf Minuten hat er alle voll im Fokus und konzentriert, die sind hundertprozentig bei der Sache und man merkt: wumms, jetzt sind die angekommen! Und ich glaube, das ist etwas ganz Wichtiges, was man dort in diesem Chor oder in diesem Vokalensemble lernen kann — und ich glaube auch, das ist für Kinder wichtig: Selbstvertrauen.
Und dass Arbeit auch Erfolg zeitigt. Das wird Kindern ja durch das heutige pädagogische Konzept, dass sie sich nicht anstrengen, sondern nur noch bedürfnisorientiert lernen sollen, häufig genommen, in Schule und Familie.
M. H.: Ganz genau. Wenn ich mich reinhänge, dann kann ich was, dann kann ich etwas Besonderes machen aus mir. Und wenn man musiziert, musiziert man ja nicht ins Blaue hinein, sondern man sieht die Noten und weiß, wie man möchte, dass es klingt; das nenne ich jetzt mal die innere Stimme. Und die Kinder lernen, dieser inneren Stimme zu vertrauen, nämlich sich selbst zu vertrauen. Und ich glaube, das ist heutzutage das Wichtigste, was man jemandem mitgeben kann: ein gesundes Selbstvertrauen. Dafür ist diese Ausbildung unbezahlbar. Unabhängig von all dem musikalischen Glück, das die Kinder dabei erleben und natürlich den Sensationen, dass sie unterwegs sind und in großen Opernhäusern singen und, und, und. Das ist alles fantastisch. Aber es gibt ein ganz großes, rein menschliches und eben außermusikalisches Gut und das ist dieses tiefe Selbstvertrauen, das die Kinder aus der Tätigkeit im Tölzer Knabenchor mitnehmen können.

Mehr Infos
- Die erste CD zu diesem Projekt wird übrigens im Frühjahr 2026 beim Label Perfect Noise erscheinen.

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