Bachkantaten in der „Entwurff“-Fassung 1/2

Bachs Besetzungstraum: Ein Projekt des Tölzer Knabenchors 

→Er wollte vor 300 Jahren mehr Sänger — und bekam sie nicht. Aber jetzt nimmt der Tölzer Knabenchor einige Bach-Kantaten in dessen Wunschbesetzung auf. 

Fachkräftemangel scheint kein rein aktuelles Problem zu sein, denn es war schon im August 1730 — also im siebten Jahr seiner Tätigkeit als Leipziger Thomaskantor —, als Johann Sebastian Bach seinem Unwillen über die ständigen Besetzungsprobleme bei seinem Thomanerchor in einem Brief an den Rat der Stadt Leipzig Luft machte. In seinem berühmten „Entwurff einer wohlbestallten Kirchen Music“ verlangte er „wenigstens 3 Sopranisten, 3 Altisten, 3 Tenoristen, und eben so viele Baßisten, damit, so etwa einer unpaß wird (wie denn sehr offte geschieht, und besonders bey itziger Jahres Zeit …) wenigstens eine 2 Chörigte Motette gesungen werden kan.“ Der Tölzer Knabenchor hat sich zum Ziel gesetzt, Bachs Traum zu verwirklichen, indem er einige seiner Kantaten mit jener Wunsch-Besetzung aufnimmt – ein faszinierendes Klangerlebnis.

Total Baroque Magazine lädt Sie ein, das Konzert am 21. Juni mit den Kantaten BWV 79, 178 und 198 (Trauerode) live auf unserer Website zu genießen! 

  • Künstlerischer Leiter: Christian Fliegner
  • Leiterin der Solistenabteilung: Ursula Richter

Ein Personalproblem … Das bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht!

Nun hatte Bach zu dieser Zeit mit 55 Thomanern gewöhnlich vier Kirchen pro Sonntag gleichzeitig zu bespielen, wobei die Sänger auch bei den Instrumentalisten aushelfen mussten, so diese nicht mit Stadtpfeifern, Kunstgeigern und Studenten besetzt werden konnten. Er stand also in den Gottesdiensten in den Kirchen, in denen er seine konzertante Musik aufführte, oft genug nur mit einem Sänger pro Stimme da; sowieso bei doppelchöriger Musik. Darüber hinaus wurden die Thomasschüler zu seinem Leidwesen nicht unbedingt nach musikalischen Gesichtspunkten ausgewählt, weshalb Bach manche schlicht und politisch inkorrekt als „Ausschuss“ bezeichnete: „In die Peters-Kirche kömmt der Ausschuß, nemlich die, so keine music verstehen, sondern nur nothdörfftig einen Choral singen können.“   

Um also überhaupt noch zwischen Concerto und Ripieno differenzieren zu können, wünschte Bach sich in seinem Entwurff pro Stimme am liebsten vier Sänger: „Wiewohln es noch beßer, wenn der Coetus so beschaffen wäre, daß mann zu ieder Stimme 4 subjecta nehmen, und also ieden Chor mit 16. Persohnen bestellen könte.“  Dass ihm dieser Wunsch nie erfüllt wurde, ist Geschichte; sein Entwurff blieb ohne Folgen.  

© Jan Roeder 2023

Bachs Traum verwirklichen

Bis Ende des 20. Jahrhunderts zumindest, als er von Musikern und Forschern wie Joshua Rifkin und Andrew Parrott erstmals gründlich rezipiert wurde und in der Folge in der Bach-Welt wilde Dispute darüber entstanden, wie man Bach „authentisch“ aufführen müsse. Und dann stellte sich noch die Frage: Ist die Besetzung authentisch, die er hatte  — oder die, die er wollte? Also ein oder zwei Sänger pro Stimme — wie etwa in den entsprechenden Büchern von Joshua Rifkin und Andrew Parrott verlangt — oder vier?  Beide Optionen haben inzwischen reichlich Niederschlag auf Konzertpodien und Aufnahmemedien gefunden. Was aber tatsächlich noch nie eingespielt wurde, ist eine Interpretation der Bach’schen Kantaten mit jeweils drei bis vier Knabensopranen und -alten pro Stimme, die dann auch die Soli singen.  

Das fiel auch Peter Catalano auf, Präsident der amerikanischen Concerto Vocale Foundation, die das Projekt finanziert, von dem hier die Rede ist. „Ich war in Boston immer umgeben von Alter Musik, und es war auch ein Zentrum der solistischen Besetzung, aus der Boston University heraus, Joshua Rifkin. Ich las dann Andrew Parrotts Buch dazu, dann den Entwurff — und sagte: Warum probieren wir das nicht mal — und sei es nur, um unsere Neugier zu befriedigen? Und jetzt halten wir uns genau an das, was Bach sich da gewünscht hat“, erzählt er, wie alles begann.   

Die Suche nach dem perfekten Chor für das Projekt  

Catalano hatte in der Stiftung die Gelder zur Verfügung und mehr oder weniger carte blanche, was er damit machen wollte, außerdem mit Julian Wachner einen Musikdirektor, der als ehemaliger Leiter der Kirchenmusik an der Trinity Church in New York mit Bachs Vokalwerk bestens vertraut war. Ihr Problem war nur, dass es kaum Knabenchöre gibt, die mit entsprechenden Sängern aufwarten können. Bis sie auf den 1956 gegründeten (und eigentlich aus einer Pfadfindergruppe hervorgegangenen) Tölzer Knabenchor stießen.   

© Jan Roeder 2023

Und dieser Chor hat noch einen weiteren Bezug zum Entwurff-Projekt, wie sein Gründer und langjähriger Leiter Gerhard Schmidt-Gaden (*1937) mir einmal in einem Interview berichtete, in dem er von seinen drei Jahren als Student des damaligen Thomaskantors Kurt Thomas, 1956-59, erzählte: „In Leipzig habe ich die großen Werke von Bach und anderen kennengelernt, habe die Schallplattenaufnahmen von Magnificat, Matthäuspassion, Johannespassion, Weihnachtsoratorium mit dem Thomanerchor mitgemacht, und gesehen, dass da ein Chor mit 90, 100 Sängern steht. Das war schon beeindruckend, das muss ich zugeben. Aber dennoch dachte ich: Das kann doch nicht die Originalbesetzung gewesen sein! Also ging ich ins Stadtarchiv und schaute dort nach, und sah da die Listen und die Eingaben von Bach: Dass er statt drei Sängern vier braucht. Also war klar: Das kann nicht stimmen — 90 gegen 12 oder 16: Das passt nicht. Und dann kam ich darauf, dass unter diesen Dreien auch noch der Solist war, der die Arien gesungen hat! Da dachte ich mir: Das wäre eigentlich eine schöne Aufgabe, die Technik und diese Qualität der damaligen Zeit, — die ja da gewesen sein muss! — wieder zu entdecken und weiterzuentwickeln. Das war eigentlich der Grund, dass ich mit dem Knabenchor weiterarbeiten wollte.“  

Insofern es tatsächlich ein besonders glücklicher Umstand ist, dass die Concerto Vocale Foundation gerade diesen Chor für ihre Aufnahmepläne fand, unter all den vielen Knabenchören auf dieser Welt. Und diesen glücklichen Umstand erklärt Julian Wachner, Musikdirektor der Stiftung, mit einer schlichten ästhetischen Tatsache: „Der Klang der Jungs, die diese Musik singen, ist wirklich wie bei kleinen Tenören, mit dieser Art von Vitalität. Nicht mit Druck, aber es ist einfach so präzise und kristallin und farbenreich, und es hilft mir auch zu erkennen, was ich mit den Instrumenten, mit den Tempi machen soll, es ist ein ständiges Lernen für mich. Also, die Tradition und die Farbe dieser Stimmen: Das bekommt man einfach nirgendwo sonst — sicher nicht in der angelsächsischen Welt. Unglaublich, dieser Klang!“   

Die besondere Klangkultur  

Und, muss man betonen, auch in der deutschen Knabenchorlandschaft stehen die Tölzer für eine besondere Klangkultur: Die in diesem Knabenchor (übrigens einer der wenigen „professionellen“ Knabenchöre in Deutschland, bei dem die Sänger nicht im Internat leben) gepflogene Stimmbildung beruht auf der von Gerhard Schmidt-Gaden entwickelten Methodik, mit der er die Knabenstimme „aufschließt“. Gerade die Kinderstimme klinge aufgrund ihrer Physiologie „flacher“, erklärte er auch in seinem 1992 erschienenen Buch „Wege der Stimmbildung“, und „sie muss, um eben nicht mehr flach zu klingen, in besonderem Maße „sonor“ gemacht werden“. So hört man bei den Tölzer Solisten – dieser Tage ausgebildet von Christian Fliegner (ehemals selbst Sänger und Solist in diesem Chor) als künstlerischem Leiter und Ursula Richter als Leiterin der Solistenabteilung – eben nicht den sehr offenen, aber nicht sehr kräftigen Klang der meisten anderen Knabenchöre, sondern die Jungs hier klingen runder, haben mehr Glanz in der Stimme, auch mehr Volumen.   

Am 7. März startete startete das Projekt nun also in der Münchner Himmelfahrtskirche mit einer ersten Aufnahmesession und einem Auftaktkonzert, in dem die Entwurff-Besetzung aus Tölzer Sängern, begleitet vom Barockorchester Concerto München, einem ausgewählten Publikum vorgestellt wurde. Peter Catalanos Fazit: „Das war sehr aufschlussreich, denn hier ist mit Julian Wachner ein Mann, der alle Vokalwerke von Bach dirigiert hat und er sagt: Hmm, ich lerne etwas Neues, es gibt hier eine Ästhetik der alten Instrumente und der Stimmung und der Stimmen der Jungen und der Solisten, die meiner Meinung nach einzigartig ist, unerreicht!“  

© Jan Roeder 2023

Die Kantaten BWV 8, 11, 51 und 78 standen in dieser ersten Aufnahmephase auf dem Programm — und dieses Woche, am 21. Juni, werden in einem weiteren Konzert die Kantaten BWV 79, 178 und 198 („Trauerode“) vorgestellt werden. Dieses Konzert werden wir außerdem hier live übertragen; auch kann es bis zum 28. Juni hier nachgehört werden.  

Auch die Männerstimmen kommen dabei übrigens aus dem Chor; nur Tenor- und Basssoli sind erwachsene Sänger. Und übrigens keine besonders schlanken und ätherischen Stimmen, wie man sie von Bachsängern eigentlich erwarten würde. Wachner: „Wenn man wirklich starke, lebendige Tenöre und Bässe hat, kann man den polyphonen Linien besser folgen, weil die Farben sehr klar sind. Und deshalb haben wir als Solisten eigentlich Mozart-Sänger engagiert, deren jüngste Rollen etwa Don Giovanni, Papageno, Tamino waren. Aber wir hatten das Gefühl, dass sie eine Art von Farbe in ihre Partien bringen würden, mit der jeder so unterscheidbar wie möglich klingt: Das war der Gedanke.“    

So authentisch wie irgend möglich?  

Ist das, was Julian Wachner da mit den Tölzern aufnimmt, nun also tatsächlich so authentisch wie irgend möglich? Der Dirigent lacht. „Nicht wirklich, weil wir alle acht Takte abbrechen und schauen, ob die Intonation passt. Und dann weiß ich nicht, welche Strafmaßnahmen im Jahr 1723 zur Beförderung der Expertise der Sänger eingesetzt wurden: Wir wissen, dass die Knaben damals geschlagen wurden, wenn sie daneben sangen … Also, wir werden niemals wissen, was Authentizität ist — es sei denn, wir erfinden eine Zeitmaschine.“  

Aber zumindest kommt die Besetzung ziemlich genau an Bachs Wunsch heran, denn auch die — sehr genauen — Angaben, die Bach in seinem Entwurff für das Orchester gemacht hatte, werden bei den Aufnahmen und Aufführung der Tölzer von Concerto München unter Johannes Berger exakt umgesetzt. Und zwar, wie man beim Auftaktkonzert im März erleben konnte, in technischer, musikalischer und klanglicher Hinsicht exzellent, und gleichzeitig mit viel Freude von Seiten der Musiker, wie Berger, der auch die Orgel spielt, betont: „Es ist eine faszinierende Zusammenarbeit, weil die Jungs einfach so verspielt sind und auch ihren Quatsch machen. Also, man fühlt sich irgendwie in seine eigene Jugend zurückversetzt — aber eben gepaart mit Bewunderung für diese Professionalität, die sie in diesem Alter schon haben, welche Disziplin da herrscht, wenn es darauf ankommt.“  

© Othmar Seehauser 2015

Für die Concerto Vocale Foundation sind die Aufnahmen, das Projekt insgesamt, allerdings nicht reiner ästhetischer Selbstzweck. Vielmehr hat sich die Stiftung auf die Fahnen geschrieben, jungen Menschen in den USA, insbesondere Jungen, in einer Zeit zunehmender  politischer und familiärer Unsicherheiten Perspektiven aufzuzeigen, sie bei ihrer Identitätsfindung zu unterstützen. Und so könnte der Tölzer Knabenchor zum Vorbild für amerikanische Neugründungen werden, wie Wachner andeutet: „Die Stiftung möchte etwas für die Kindheit und die Entwicklung von Jungen zu Männern tun, seien es Pfadfinder oder Knabenchöre. Und eine der Punkte, über die wir sprechen, ist vielleicht der Aufbau eines Knabenchors in einigen der Städte in den Vereinigten Staaten, in denen sie das überhaupt nicht haben.“  

Alle Bachkantaten werden mit den Tölzern allerdings nicht aufgenommen werden können, sagt Peter Catalano, dafür sei weder die Zeit noch das Geld da. Einige Stücke stehen aber durchaus noch auf der Wunschliste für die nächsten Jahre, etwa die Kantaten für Alt Solo, oder der Actus Tragicus. Die Auswahl muss sich auch spontan daran orientieren, welche Solisten bei den Tölzern gerade zur Verfügung stehen — oder in den Stimmbruch kommen. Von der Zusammenarbeit mit den Knaben ist Wachner jedenfalls begeistert: „Ich kann mich mit ihnen sehr professionell, wissenschaftlich verständigen. Und sie hören Dissonanzen, wir können Dinge analysieren …: Also, ich kann mich wirklich nicht beschweren — was für mich ziemlich außergewöhnlich ist!“  

Vielversprechendes Auftaktkonzert  

Das spürte man auch im Auftaktkonzert, das gleichzeitig eine Aufnahmesession war: Die Disziplin der jungen Sänger über drei Stunden hinweg war frappierend, ihr chorisches Singen makellos. Die Solisten hatten teils durchaus zu kämpfen, um bei diesen höchst anspruchsvollen Arien, bei denen sich auch unter erwachsenen Sängern die technische Spreu vom Weizen trennt, die gewohnte Perfektion zu erreichen. Aber das Ergebnis war am Ende so überzeugend, das Besetzungskonzept ging so harmonisch auf, dass man sich auf die Veröffentlichung der Aufnahmen und das neuerliche Konzert, das Sie hier live miterleben können, nur freuen kann.  

Und wie fanden es die Jungs selbst? Ist dieses Projekt für sie mehr Arbeit oder Vergnügen? Jakob, 10, sieht beides: „Also ich empfinde es manchmal als Arbeit, weil man muss auch sehr viel geben dafür, aber beim Konzert, dann macht es auch echt viel Spaß.“ Raphael, 15, findet Bach jedenfalls ziemlich cool: „Dass er einfach so viel Verschiedenes geschrieben hat. Also, super-traurige Musik, auch super-fröhliche, geistlich, nicht geistlich. Und diese Abwechslung mag ich.“ Und das, was sehr vielen Sängern sehr große Schwierigkeiten macht — ist eben das, was Benedikt, 12, so für Bach einnimmt: „Bei ihm kommen sehr oft so Koloraturen. Die kann man schön in Abteile einteilen und dann hat man da so einen eigenen Rhythmus in jeder eigenen Koloratur!“  

Im März 2025 wurden bereits die Kantaten BWV 8, 11, 51 und 78 eingespielt, am 21. Juni folgt die Aufnahme der Kantaten BWV 79, 178 und 198.   Zum Abschluss der zweiten Aufnahmeserie erklingen die Kantaten in einem öffentlichen Konzert am 21. Juni 2025 in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz.

  • 12. Juli —W.A. Mozart: Die Zauberflöte, Deutsche Oper Berlin (Berlin)
  • 18. – 26. Juli — Gabriel Fauré: Pénélope Bayerische Staatsoper (München)
  • 27. Juli — R.Wagner: Lohengrin, Bayerische Staatsoper (München)
  • 31. Juli — Vorstellung des China- Tour-Programms 2025, Kurhaus (Bad Tölz)
  • Tickets erhältlich über MünchenTicket.