Letzten Sommer feierte die Kritik Lucile Richardots Cornelia in Händels Giulio Cesare bei den Salzburger Festspielen, an der Seite des Concert d’Astrée unter Emmanuelle Haïm. Für Total Baroque Magazine öffnet die französische Mezzosopranistin im zweiten Teil ihres Tagebuchs noch ein Stück weiter die Tür hinter die Kulissen dieses Projekts, zu ihrer österreichischen Abenteuerreise und ihren ganz persönlichen Pannen. Als musikalische Grenzgängerin bewegt sie sich mühelos zwischen Monteverdi und Berio, vom intimen Rezital mit dem Cembalisten Jean-Luc Ho bis zu großen Opernbühnen wie Aix-en-Provence, La Fenice oder der Scala.
12. Juli, Salzburg
Ein probefreier Samstag für uns auf der Bühne, aber nicht fürs Orchester, das heute vollständig anreist, um im Mozarteum, gleich auf der anderen Seite der Salzach, die Partitur einmal komplett durchzugehen. Endlich kann ich hoffen, wenigstens ein paar Takte Mahler zu erwischen, wenn ich mich um 17.30 Uhr in der Felsenreitschule zu One morning turns into eternity von Peter Sellars auf den Weg mache. Und mit ein bisschen Glück schaffe ich um 19 Uhr noch eine Messe in der Franziskanerkirche gleich nebenan. Ich brauche Schönes und Spirituelles – in einem prachtvollen barocken Raum, hoffentlich mit Musik –, heute, am zweiten Jahrestag des Todes meines Vaters, einen Monat nach dem meiner Mutter.
Bis dahin hole ich meinen Verwaltungsrückstand auf (gestern hatte ich in der langen Pause zwischen den beiden Diensten schon ein bisschen was geschafft; ich war ohnehin in der Garderobe geblieben, meine Sachen waren nach dem Wolkenbruch auf der Herfahrt mit dem Fahrrad um 12.30 Uhr noch nicht wieder trocken…). Ich habe endlich meine aktualisierte Biografie und meine Porträts an das Festival geschickt – nachdem ich feststellen musste, dass ich wegen meiner Aufschieberei die einzige ohne Foto und Text auf der Webseite zu unserem Giulio Cesare war. Normalerweise bedienen sich die Leute in solchen Fällen selbst irgendwo im Netz, genervt davon, mir hinterherzulaufen oder auf mich zu warten. Aber hier, Überraschung: Man wartete einfach weiter auf mein Erwachen. Nur erinnert hat mich niemand … tja. Das wird mir eine Lehre sein.
Wenn man ständig den Kopf unten hat, um irgendwo ein paar Stunden Ruhe, ein bisschen Sozialleben oder Konzentration für eine Partitur abzuknabbern, die man nie so vorbereiten kann, wie man möchte, weil jeden Tag etwas Neues aufploppt oder der nächste Notfall wartet, dann bleiben Texte und Dateien, die fünf Institutionen gleichzeitig verlangen – in drei Übersetzungen, und das im November, dringend, für ein Festival im kommenden Sommer! – einfach liegen. Aus meiner Sicht, verheddert im kurzfristigen Überleben, wirkt diese Dringlichkeit manchmal schlicht absurd.
Heute Morgen habe ich also ein paar dieser Sachen erledigt. Glücklicherweise hat man mir angeboten, meine Biografie für das Festival zu übersetzen – meine Versuche mit ChatGPT im Juni waren eher enttäuschend … oder katastrophal. Außerdem die monatliche Meldung für France Travail, die übliche kleine Routine für französische Freiberufler, die natürlich nichts mit Salzburg zu tun hat. Und ich versuche, mich aus der Ferne um Pannen in meiner Pariser Wohnung zu kümmern – mit Hilfe und moralischer Stärkung meines Mitbewohners des Herzens, der meinen unschönen Hang zum Prokrastinieren und Kopf-in-den-Sand-Stecken ein bisschen ausgleicht.
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