Wie sieht der Alltag einer Opernsängerin aus, die mehrere Wochen lang in den Proben zu Giulio Cesare in Salzburg steckt? In ihrem österreichischen Tagebuch erzählt die französische Mezzosopranistin Lucile Richardot Tag für Tag, was eine Interpretin wirklich erlebt: ihre Aufschwünge, Bühnenzwischenfälle, Entdeckungen und Erschöpfungszustände. Als Künstlerin mit sofort wiedererkennbarem Timbre, die emotionale Dichte, sprachliche Präzision und eine ganz eigene szenische Kühnheit verbindet, legt sie hier die dritte Folge eines Tagebuchs vor, in dem aus nächster Nähe eine Produktion von Dmitri Tcherniakov betrachtet wird. Der letzte Teil eines ungewöhnlichen Opernabenteuers.
19. Juli, Salzburg
13.30 Uhr: letzter Tag der Proben Szenen/Orchester vor der Vorpremiere am Montag … Pause. Draußen läuft die Eröffnung des Festivals unter freiem Himmel auf Hochtouren, man hört die Blechbläser in den Straßen, bis in unsere Garderoben hinein, manchmal sogar hinter der Bühne oder im Saal. Diese ersten drei Tage (das Festival wurde offiziell gestern, am Freitag, eröffnet) bieten dem Publikum außerdem die Möglichkeit, nach Anmeldung über die Website des Festivals kostenlos bei einigen letzten Proben dabei zu sein. So hatten wir heute von 12 bis 13 Uhr rund 130 Zuhörer im Saal, auf dem Balkon, während wir hauptsächlich musikalische Korrekturen gemacht haben, allerdings auf der Bühne, mit ein paar szenischen Aktionen und Teilen unserer Kostüme.
Mein Tag begann um 10.45 Uhr mit einem Schminktermin: Verletzungen im Gesicht, verlaufendes Make-up und die zweite Perücke in etwas ramponierterer Version für den zweiten Teil der Vorstellung. Danach eine kleine Pause direkt vor unserem Bühneneingang, wo samstags ein kleiner Wochenmarkt stattfindet. Ich habe gutes Brot und Obst gekauft und vor allem französische Kollegen vom Concert d’Astrée getroffen: den Cellisten Julien Hainsworth, dann Christophe Dumaux, Emmanuelle Haïm und Christophe Brand [Produktionsadministrator des Concert d’Astrée], den Produktionsleiter des Concert d’Astrée, die ebenfalls gerade ankamen und gleich Vorräte anlegten …
Heute Morgen hat Justin Kim mich eingeladen, bei einem Video mitzumachen, das die Festival-PR für morgen für die sozialen Netzwerke haben will – in einem Lastenrad. Mal sehen, wie das wird … und ob es überhaupt zustande kommt! Die Sklaverei der sozialen Medien, vor allem wenn man alles selbst im Selfie-Modus erledigen soll, kann mich ziemlich schnell nerven. Dieses Gefühl, die Arbeit der Kommunikationsabteilung gleich mitzumachen … und verdammt noch mal, morgen ist mein freier Tag! Ja, ich jammere gern. Das tut gut.
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