Reginald Mobley – Grammy-nominiert, Gast bei der Krönung von Charles III. und künstlerischer Programmberater der Handel and Haydn Society – hat sich als eine der maßgeblichen Countertenor-Stimmen unserer Zeit etabliert. In seinem gemeinsam mit der lautten compagney BERLIN konzipierten Projekt Coming Home with Music verbindet er Bach und Händel mit Spirituals. Dabei vertieft er seine leidenschaftliche Forschungsarbeit über den Komponisten Ignatius Sancho sowie die Sichtbarkeit Schwarzer Musiker im 18. Jahrhundert. Durchdrungen von einer intimen Reflexion über Heimat, Identität und Territorium, zeichnet sein Weg eine Suche nach Zugehörigkeit nach, die nationale Grenzen überwindet. Es ist das Porträt eines Künstlers an der Schnittstelle von Bühne, Archiv und Aktivismus – getragen von der Sehnsucht, zu sich selbst zu finden.
Welches Zuhause?
Der Countertenor Reginald Mobley kennt das Gefühl, gleichzeitig überall und nirgendwo zu Hause zu sein. In der Sphäre der Alten Musik ist er eine Ausnahmeerscheinung: ein schwarzer Künstler in einem überwiegend weißen Umfeld. Doch mit seiner natürlichen Herzlichkeit schlägt er Brücken über alle sozialen Grenzen hinweg. Er hat in entlegenen Dorfkirchen ebenso gesungen wie in den größten Konzertsälen; er nimmt an Veranstaltungen in seiner Heimatstadt Boston teil und bewegt sich zugleich sicher in den exzentrischen Nischen urbaner Hipster-Szenen.
Doch der Begriff „Heimat“ lässt ihn zögern. Einerseits nährt er sich aus der Vertrautheit und bereichert seine Programme mit jenen Spirituals, Jazz- und Gospelklängen, die er schon als Kind gesungen hat. Andererseits wird die Idee von Territorium und Zugehörigkeit auch von seinen politischen Gegnern, der MAGA-Bewegung, instrumentalisiert – während die US-Demokratie im Jahr 2026 mühsam auf ihr 250-jähriges Jubiläum zusteuert. Trotz dieser Spannungen blickt Mobley über nationale Schranken hinweg auf einen helleren Horizont. „Ich versuche, zu jedem Menschen, der vor mir steht, eine Verbindung aufzubauen“, verriet er kürzlich in einem Interview. „Wenn ich in Japan, Hongkong, Seoul oder Marokko lande, ist jedes Gesicht, dem ich begegne, Teil einer Familie, die ich schätze.“
Diese Überzeugungen sind der Ursprung von Coming Home with Music („Mit Musik nach Hause kommen“), seinem aktuellen Programm mit der lautten compagney BERLIN. Das Projekt ist eine intime, von tiefem Respekt getragene Feier der amerikanischen Demokratie und ihrer Vielfalt. Es erwuchs aus einer vorangegangenen Zusammenarbeit: Nachdem Mobley in Bachs Johannespassion die Christus-Partie übernommen hatte, schlug ihm Dirigent Wolfgang Katschner ein Programm vor, das Händels Musik zum Symbol der Zugehörigkeit macht. Der in Deutschland geborene und in England tätige Komponist kannte die Herausforderung der kulturellen Anpassung aus eigener Erfahrung. Mobleys eigene Prägung durch Spirituals sowie die Songs von Stevie Wonder und Nina Simone rücken dabei die Identität Schwarzer Amerikaner in den Mittelpunkt. Das Ergebnis ist ein zeitgemäßes historisches Zeugnis, das weit über das Jahr 1776 hinausreicht. „Wir waren schon lange vor diesem Datum da“, erinnert Mobley. „Das Zuhause, das wir hatten, haben wir nicht freiwillig verlassen. Vielleicht wurde es uns genommen.“
Coming Home wurde von der Kritik gefeiert und das Projekt nimmt bis zum Sommer einen Großteil von Mobleys Terminkalender ein. Eine Einspielung des Programms ist für das Jahr 2027 geplant. Diese Veröffentlichung wird eine Trilogie vervollständigen, die 2023 mit Because ihren Anfang nahm und im vergangenen Jahr mit Solitude fortgesetzt wurde. Die Interpretationen tragen Mobleys unverkennbare Handschrift: Seine Stimme besitzt eine warme Dichte und eine rhythmische Freiheit, die die Musik in einen fast organischen Schwung überführt. Diese Spontaneität offenbart sich auch in der Videoaufnahme des Projekts: Während Mobley Blind Willie Johnsons „Nobody’s Fault but Mine“ interpretiert, lassen sich die Musiker der lautten compagney nach und nach von einem energetischen Jam-Session-Swing mitreißen. Das vom Moment elektrisierte Publikum beginnt zu klatschen – eine Szene, die einen Künstler in vollkommener Meisterschaft zeigt. Er selbst erinnert sich bewegt daran: „Es geht nicht darum, Scheuklappen aufzusetzen. Es geht darum, es zu lieben, im Zentrum eines Augenblicks zu stehen, der in dieser Form nie wiederkehren wird.“
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