Die grossen Barockbibliotheken

ÖNB: Das barocke Musikgedächtnis Wiens

→In Wien ist die Musikgeschichte ebenso sehr in Stein gemeißelt wie in den Archiven verborgen. Doch jenseits der Fassaden und Gedenktafeln bewahrt die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) ein unerschöpfliches Gedächtnis, geprägt vom Glanz der Barockoper und den kulturellen Ambitionen der Habsburger. Ein Eintauchen ins Herz eines einzigartigen, weitgehend unbekannten Erbes, dessen Digitalisierung es lange schlummernden Beständen erlaubt, ihre Stimme wiederzufinden.

ÖNB: Das barocke Musikgedächtnis Wiens
Prunksaal der ÖNB © DR

Im Herzen der Wiener Hofburg beheimatet, ist die Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) Teil einer jahrhundertealten Geschichte, deren Ursprünge als habsburgische Hofbibliothek bis in das späte 14. Jahrhundert reichen. Unter Kaiser Karl VI. erhielt sie mit dem Bau des Prunksaals ihre monumentale Gestalt, nachdem sie bereits von musikbegeisterten Herrschern wie Leopold I. stetig erweitert worden war. Sie bewahrt unschätzbare Quellen der Barockoper von Monteverdi bis Caldara. Dank umfassender Digitalisierung beleuchtet die Sammlung nun mehr denn je die zentrale Rolle Wiens in der europäischen Musikgeschichte.  

Unter den Pflastersteinen die Musik

Die Straßen Wiens sind mit Kultur gepflastert. Die Straßen der anderen Städte mit Asphalt.“ Man wäre versucht, diesen Satz als ein Symptom typisch großstädtischer Selbstgefälligkeit abzutun, stammte er nicht von Karl Kraus – einem der hell- und weitsichtigsten Intellektuellen der österreichischen Kulturgeschichte und zugleich bissigsten Kritiker der Wiener Mentalität, die so gerne in operettenseliger Nostalgie schwelgt und eine stark verzerrte und verklärte Vergangenheit im Hier und Jetzt zelebriert. Kraus selbst hielt zwar wenig von Musik, doch konnte auch er sich der Tatsache nicht verschließen, dass Wien aus guten Gründen als eine „Hauptstadt der Musik“ gilt; denn selbst der allergleichgültigste Passantenblick wird überall die Spuren erkennen, die die Wiener Musikgeschichte in Asphalt und Stein gemeißelt hat:  

  • Schulerstraße 8: In diesem Hause wohnte Wolfgang Amadeus Mozart 1784–1787 und schrieb ihr seine Oper „Die Hochzeit des Figaro“  
  •  Pasqualatihaus auf der Mölker Bastei: Beethoven wohnte in diesem Hause wiederholt 1804 bis 1815  
  • Landstraßer Hauptstraße 96: In diesem Hause verbrachte Johannes Brahms vom Jahre 1893 bis zu seinem Tode viele Stunden im Kreise der Familie Fellinger. Viele seiner Werke erklangen hier zum ersten Mal.  
  • Kettenbrückengasse 6: In diesem Haus starb am 19. November 1828 der Tondichter Franz Schubert.  

Und damit ist nur eine winzige Auswahl der Plaketten und Gedenktafeln getroffen, die an fast jeder Straßenecke an das mächtige kulturelle – vor allem musikalische – Erbe der österreichischen Metropole erinnert.  

Die Anfänge einer großen Sammlung

Es wird darum auch nicht verwundern, dass die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) über eine umfangreiche und unschätzbar wertvolle Musiksammlung verfügt. Der Hauptsitz der Bibliothek befindet sich in den Räumlichkeiten der Wiener Hofburg zwischen Heldenplatz und Josefsplatz. Diese überaus prominente Wohnstatt unterstreicht die Bedeutung der Institution für das kulturelle Gedächtnis nicht nur der Stadt, sondern ganz Europas. Die Musiksammlung der ÖNB ist seit 2005 im barocken Palais Mollard beheimatet und liegt demnach nicht nur in unmittelbarer Nähe zum Hauptgebäude, sondern auch zum Standort des ehemaligen Burgtheaters am Michaelerplatz und unweit von der heutigen Wiener Staatsoper entfernt. Es wäre weit gefehlt, zu glauben, die Bedeutung der Musiksammlung beruhe ausschließlich auf den großen Namen der Wiener Klassik und der in Wien aktiven Frühromantiker. Darüber hinaus beherbergt sie nämlich wichtige Musikalien von Werken aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert, die vor allem für die Verbreitung der italienischen Oper in ganz Europa entscheidend waren.  

Außenansicht des Palais Mollard, dem Gebäude, in dem die Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek untergebracht ist © ÖNB

Ein eigentliches Gründungsdatum für die Musiksammlung der ÖNB kann insofern nicht ausgemacht werden, als sie aus den mehr oder minder privaten Beständen der kaiserlichen Hofbibliothek hervorgegangen ist. Dass diese Hofbibliothek allerdings schon früh den Anspruch einer wissenschaftlichen Forschungsinstitution zu genügen trachtete, belegt der Ankauf der umfangreichen Bibliothek der über Generationen politisch wie kulturell einflussreichen Kaufmannsfamilie Fugger. Matthäus Mauchter (1650–1663), Bibliothekspräfekt am Wiener Hof, reiste 1655 nach Augsburg, um die Bestände der Fugger-Sammlung um 15.000 Gulden zu erwerben, darunter auch wertvolle Musikhandschriften der Renaissance.

Monteverdi und Italien am Hof der Habsburger

Dass die Musiksammlung der ÖNB bis heute über unermesslich wertvolle Schätze aus der Zeit des musikalischen Barocks verfügt, verdankt sich vor allem einer vier Generationen währenden Linie von musikaffinen bis musikbesessenen Kaisern, und das war vor allem für die Verbreitung der noch jungen Gattung der Oper – von Italien aus über ganz Europa – von entscheidender Bedeutung. Die Oper entstand bekanntermaßen um das Jahr 1600 in Florenz, wo sich der Gelehrtenkreis der Florentiner Camerata mit den Möglichkeiten eines vollständig in Musik gesetzten Dramas befasste. Zu einem entscheidenden Wegbereiter der Gattung wurde der aus Cremona stammende Komponist Claudio Monteverdi, der 1590 an den Hof der Gonzaga in Mantua berufen worden war. Aus eben jener Dynastie gingen die beiden „Gonzaga-Kaiserinnen“ Eleonora I. und Eleonora II. hervor, jeweils Gattinnen von Ferdinand II. und Ferdinand III.

Erste Seite des Manuskripts von Monteverdis Il ritorno d’Ulisse in patria in der Kopie von Alessandro Riotti, aufbewahrt in der Österreichischen Nationalbibliothek © ÖNB

Monteverdi widmete Eleonora I. eine Sammlung geistlicher Gesänge unter dem Titel Selva morale e spirituale, und sein achtes Madrigalbuch war zuerst Ferdinand II. zugeeignet, ging jedoch, nachdem dieser die Veröffentlichung nicht mehr erlebte, an seinen Nachfolger Ferdinand III. Diesen Verbindungen ist es zu verdanken, dass sich die Errungenschaften der italienischen Musik dieser Zeit – allen voran die Oper – auch am Habsburgerhof und von dort aus in ganz Europa etablierten. Es erstaunt demnach nicht, dass sich in der ÖNB die einzige (unvollständig) erhaltene Abschrift von Monteverdis Oper Il ritorno d’Ulisse in patria („Die Heimkehr des Odysseus“) befindet. Das Manuskript wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts in Wien aufgefunden, wodurch es möglich wurde, nach L’Orfeo und L’incoronazione di Poppea noch ein drittes Werk Monteverdis auf die Opernbühne zurückzuholen.  

Leopold I. oder die Oper in aller Pracht

Wann und wie genau die Abschrift von Il ritorno d’Ulisse in patria (1640 in Venedig uraufgeführt) an den Wiener Hof kam, ist nicht abschließend geklärt, doch steht zu vermuten, dass sie in den 1670er-Jahren nach Wien gelangte und sich in der Privatsammlung Leopolds I. befand. Dieser war 1658 seinem Vater Ferdinand III. auf den Kaiserthron gefolgt und war ein glühenden Musikliebhaber, der sich keine Gelegenheit – sei es eine kaiserliche Verlobung oder Hochzeit, ein Geburts- oder Namenstag – nehmen ließ, um ausführlich Musik machen zu lassen.

Den Höhepunkt von Leopolds Musikfanatismus stellten die Feierlichkeiten anlässlich seiner Hochzeit mit Margarita Teresa von Spanien dar. Diese gipfelten in der Uraufführung der „festa teatrale“ Il pomo d’oro von Antonio Cesti, einem italienischen Komponisten, der gemeinsam mit Francesco Cavalli zu den erfolgreichsten Opernschöpfern des 17. Jahrhunderts zählte. Die Festaufführung von Il pomo d’oro stellt einen Meilenstein für die Musikhistoriographie dar, insofern es keine zweite Produktion dieser Art gibt, die so detailreich dokumentiert ist und damit unser Verständnis für die Operngeschichte dieser Zeit maßgeblich geprägt hat.

Blick in den Saal bei der Uraufführung von Il pomo d’oro im Theater auf der Cortina © ÖNB

In der Musiksammlung der ÖNB befinden sich zahlreiche originale Dokumente, anhand derer sich die politischen und künstlerischen Implikationen dieser Aufführung plastisch nachzeichnen lassen. Die besagte Hochzeit fand am 12. Dezember 1666 statt, die Feierlichkeiten sollten fast ein ganzes Jahr in Anspruch nehmen, und dennoch kam es in dieser Zeit nicht zur geplanten Aufführung von Il pomo d’oro. Der Kaiser hatte seine Ziele (zu) hochgesteckt: War die Oper an ihrer italienischen Wiegestätte – vor allem in Venedig – Teil einer durchaus kommerziell ausgerichteten Unterhaltungskultur, so diente sie in den deutschen Landen, in Spanien und Frankreich in erster Linie der Pracht- und Machtdemonstration der Fürstenhöfe. Ferdinand III. hatte versucht, seinen Sohn und Thronfolger mit der spanischen Königstochter Maria Teresia zu verehelichen, um die Verbindungen zwischen Wien und Madrid zu stärken; doch Marias Vater Philipp IV. änderte seine Meinung und gab die Hand seiner Tochter an den französischen König Louis XIV.

Wenn die Oper zur Staatsangelegenheit wird

Die Hochzeit zwischen Maria Teresia und dem Sonnenkönig wurde unter anderem mit einer – ebenfalls verspäteten – prachtvollen Aufführung von Cavallis Ercole amante gefeiert, eine Oper, in der der französische König mit Herkules assoziiert wurde. Diese Demütigung wollte Leopold nicht hinnehmen und plante darum ein Spektakel, das an Opulenz alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte, zudem er mit Margarita Teresas die Halbschwester der nunmehrigen französischen Königin ehelichte, wodurch das Gleichgewicht um die spanische Erbfolge wiederhergestellt war. In Il pomo d’oro („Der goldene Apfel“) wird Margarita Teresas nun ebenfalls in den Kontext der griechischen Mythologie gestellt, indem der titelgebende Apfel, um den die olympischen Göttinnen in Streit geraten sind, nun der Braut verliehen wird, zum Zeichen, dass die neue Kaiserin schöner und mächtiger ist als alle anderen Fürstinnen Europas – allen voran die nun verhasste Königin Frankreichs.

Für diese exemplarische Aufführung erschütterte Leopold I. die Staatskassen, ließ sogar von seinem Hofarchitekten Lodovico Ottavio Burnacini ein eigens dafür konzipiertes Operntheater im venezianischen Stil – das Theater auf der Cortina – erbauen. Die Uraufführung dieser achtstündigen Schauoper ging nun an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im Juli 1668 über die Bühne. Die ÖNB besitzt nicht nur das – leider unvollständig erhaltene – Notenmaterial, sondern auch Librettodrucke, Berichte über Entstehung und Wirkung sowie Kupferstiche und Zeichnungen der Bühnendekorationen und der repräsentativen Anordnung der Festgesellschaft im Publikumssaal.  

Das bleibende Vermächtnis einer außergewöhnlichen Show

Das Spektakel der Pomo d’oro-Aufführungen prägte die Wiener Opernkultur bis an die Schwelle zum 18. Jahrhundert, an der nun Komponisten wie Marc’ Antonio Ziani, Giovanni Bononcni und Attilio Ariosti an den Habsburgerhof kamen. Leopold verwahrte die Partituren der von ihm in Auftrag gegebenen Opern, die er in weißes Pergamentbindungen fassen ließ, in seinem Schlafzimmer. Auch die vier erhaltenen Bände der Partitur von Il pomo d’oro (in einer Abschrift von Alessandro Riotti) befand sich in der so genannten „Bibliotheca Cubicularis“ – der Schlafkammerbibliothek. Diese Sammlung diente durchaus dem praktischen Gebrauch. Leopold war nicht nur ein Musikliebhaber, sondern unter all den komponierenden Habsburgern auch der begabteste Musiker. Er wusste sich die Musik „lesend“ zu erschließen, zudem verfolgte er die jeweiligen Aufführungen, indem er selbst am Cembalo saß oder in der Partitur mitlas.

Der hohe Wert der Schlafkammerbibliothek wurde schon zu Leopolds Lebzeiten erkannt. Der Hofbibliothekar Peter Lambeck legte dem Kaiser nahe, die Sammlung in die Bestände der Hofbibliothek anzugliedern, um sie der Wissenschaft zugänglich zu machen. Dies wurde wohl auch umgesetzt, wenngleich weder vollständig noch nach einem einheitlichen bibliothekarischen Verfahren, weshalb bis heute nicht genau nachvollziehbar ist, mit welchen Beständen der Kaiser sein Schlafzimmer teilte.  

Handschriftliche Seite aus der Partitur von Albinonis Il nascimento dell’Aurora, aufbewahrt in der Österreichischen Nationalbibliothek © ÖNB

Karl VI., das Goldene Zeitalter der Hofoper

Mit Kaiser Karl VI. – Leopolds zweitem Sohn auf dem Thron – erlebte die barocke Wiener Hofoper einen letzten Aufschwung und zugleich ihren Höhepunkt. Auch er war umfassend musikalisch interessiert und gebildet, leitete selbst vom Cembalo aus ganze Opernaufführungen und engagierte die besten Künstlerpersönlichkeiten der Zeit an seinen Hof. Die Wiener Hofkapelle erreichte unter seiner Regentschaft einen Höchststand von um die 250 Musikern. Auch er ließ, wie schon seit Vater, keine Gelegenheit fahren, um fürstlich aufzuspielen zu lassen. Zum Geburtstag seiner Frau Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel wurde beispielsweise Tomaso Albinonis „Festa pastorale“ Il nascimento dell’Aurora in Auftrag gegeben, eine musikalisch anrührende, wenngleich inhaltlich wenig inspirierte Serenade, in der der jungen Kaisergattin unverhohlen nahegelegt wird, endlich einen Thronfolger zu gebären.

Als Hofkapellmeister unter Karl diente Johann Joseph Fux, aus dessen Feder sich bedeutende Festopern ergossen, die mit kostspieligem und machtbewusstem Prunk zur Aufführung gelangten, darunter Angelica vincitrice d’Alcina, mit der 1716 die Geburt des langersehnten Thronfolgers begangen wurde – der kurz darauf allerdings wieder ablebte –, oder Elisa, zum Geburtstag der Kaiserin 1719. Ungeheuerliche Ausmaße wie davor Il pomo d’oro erreichte 1723 nun die Festoper anlässlich der Krönung Karls zum König von Böhmen in Prag: Die Aufführung von Fux’ Costanza e fortezza überstieg jedes vernünftige Maß: Der Theaterarchitekt und Bühnenbildner Giuseppe Galli da Bibiena errichtete ein Freilichttheater von 40 mal 120 Metern, und von keinem Geringeren als Johann Joachim Quantz, der dem Spektakel beiwohnte, ist überliefert, dass die Oper „durch 100 Sänger und 200 Instrumentalisten aufgeführet wurde“.

Caldara und das musikalische Gedächtnis des Imperiums

Neben Fux engagierte Karl den überaus produktiven Komponisten Antonio Caldara nach Wien. Karl hatte den Venezianer bereits in Spanien kennengelernt, wo er sich bis zum Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges als designierter Gegenkönig aufhielt. Caldara schuf einen großen Teil seiner über 80 Opern in Wien, wobei er es verstand, das Temperament der venezianischen Oper mit dem strengen Geschmack des höfischen Zeremoniellen bühnenwirksam zu verbinden.  

Lederbindung, typisch für Exemplare aus der „Biblioteca Carolina“ © ÖNB

Die Opernwerke, die unter Karl VI. zur Aufführung gelangten oder ihm gewidmet waren, wurden in braunes und rotes Leder gebunden und sorgsam verwahrt, dergestalt, dass sie bis heute gut erhalten sind und umfangreiche Schlüsse über das Wiener Musikleben des Spätbarocks zulassen. Die Sammlung enthält an die 2000 Einzelbände mit vorwiegend Opern und Oratorien. Knapp die Hälfte davon ist Gegenstand eines auf sechs Jahre angelegten Digitalisierungsprojekts, dass demnächst seinen Abschluss findet. Etwa 180.000 Seiten der „Biblioteca Carolina“ wurden durch dieses Projekt erfasst und der Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung gestellt. Der Wert dieser Digitalisate kann kaum überschätzt werden, ermöglichen sie doch Liebhabern, Wissenschaftlern und Musikern gleichermaßen einen unkomplizierten Zugang zu einem – vor allem für die Wiener Klassik – wegweisenden Repertoire und zu neuen Erkenntnissen zur europäischen Musikpraxis des Barocks. Und nicht zuletzt können damit Archivbestände, die lange geruht haben, wieder neu zum Klingen gebracht werden.