Der Mozart- und Wagner-Tenor Michael Schade wurde in Genf geboren und wuchs in Toronto (Kanada) auf. Seit 2014 ist er künstlerischer Leiter der Internationalen Barocktage Melk. Er lebt heute in Wien, 80 Kilometer vom Stift Melk an der Donau entfernt. Und er sagt, dass ihn die Entdeckung der Abtei im Dezember 2001 anlässlich eines Händel-Konzerts unter Nikolaus Harnoncourt für immer geprägt habe. In Wien stellte er kürzlich das Programm 2026 für das Festival vor, das traditionell am Pfingstwochenende stattfindet.
Wie würden Sie die Internationalen Barocktage Stift Melk einem internationalen Publikum beschreiben?
Michael Schade: Ich denke, die Antwort ist gleichzeitig ganz besonders und ganz einfach. Wir haben das große Glück, an einem Ort zu sein, der berühmt ist. Das Stift Melk ist eine Kirche, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Es liegt in einem der schönsten Gebiete Österreichs, in der Wachau, direkt an der Donau. Was ich sagen wollte, ist: Wir sind hier nicht nur in einem Weltkulturerbe, sondern auch in einer Weinregion. Der beste Weißwein Österreichs stammt von hier.
Aber die Geschichte des Stiftes Melk ist eine dreifache Geschichte: Es gibt das wunderbare Stift mit den Benediktinern. Es ist aber auch eine Universität. Eine der bedeutendsten Bibliotheken der Welt befindet sich hier. Das Wissen ist hier zu Hause, gemeinsam mit dem Glauben. Melk war auch eine Festung, eine Burg. Teile des Stiftes bestehen aus großen Mauern, die Verteidigungszwecken dienten, da es aus der Zeit der Babenberger stammt. Warum ist das bedeutend? Weil unser Denken hier stark vom aktiven Glauben der Benediktinermönche geprägt ist. Wer einen Benediktiner kennt, weiß: „Bete, arbeite und lies.“ Sie sind gebildet, große Lehrer, Philosophen, sehr klar in ihrer Sprache.

Jeder, der ins Stift kommt, wird wie Jesus behandelt. Man ist willkommen, wird freundlich aufgenommen – ein echter Austausch. Jedes Konzert unserer Barocktage trägt diesen Spirit in sich. Wir haben nicht nur die besten Orchester und Ensembles der Welt, sondern feiern nach jedem Konzert eine Agape mit Brot, Wein und Gesprächen. Wenn Pablo Heras-Casado auftritt, hat man als Gast die Möglichkeit, ihm danach persönlich zu danken und mit ihm ein Glas zu trinken. Es geht um ein Miteinander – geprägt vom Stolz des Stifts, der Wer nach Melk kommt, geht verändert wieder weg.
Und Ihre künstlerische Linie? Wie beschreiben Sie Ihre Programmierung allgemein?
M.S: Meine generelle Richtlinie ist es, das Wort „international“ bei den Internationalen Barocktagen Stift Melk zu unterstreichen. Zu Pfingsten veranstalten wir an einem Wochenende 17 Konzerte, empfangen 7000 Gäste aus aller Welt. Unser Anspruch ist es, zu diesem Zeitpunkt das Zentrum der Barockmusik zu sein. „The best of the best“ sollen sich hier treffen und gemeinsam in diesem Spirit arbeiten. Wir bespielen nicht nur den Colomanisaal im Stift, sondern das ganze Areal: den Gartenpavillon, den Teich oben, die Stadt unten. Es gibt Picknickkonzerte, Morgenkonzerte, Mittags-, Nachmittags-, Abend- und manchmal auch Spätnachtkonzerte.

Viele kommen nur für ein Konzert und bleiben für den musikalischen Marathon. Jedes Jahr fassen wir unsere Gedanken unter ein Thema. Mein Mentor Nikolaus Harnoncourt sagte: „Barockmusik ist eine Entdeckungsgemeinschaft.“ Es geht um das Suchen, Forschen, um neue Werke. Zusammen mit Gästen wie Giovanni Antonini oder jungen Sängerinnen und Sängern definieren wir ein Thema. Unsere Konzerte sind immer besonders, leicht anders. Dieses Denken hat sich als großer Erfolg erwiesen: Jedes Jahr erreichen wir eine Auslastung von 95% – trotz Corona, Inflation und mehr.
Wie sieht die Ausgabe 2026 aus?
M. S.: Wie es die Tradition will, eröffnet der Concentus Musicus Wien wieder diesen musikalischen Reigen. In der Stiftskirche spielt das Residenzorchester zusammen mit einem Solistenquartett – Giulia Semenzato, Patricia Nolz, Mara Gaudenzi und mir – unter der Leitung von Stefan Gottfried das erste Oratorium von Georg Friedrich Händel, Il Trionfo del Tempo e del Disinganno. Es geht darin um die Vergänglichkeit weltlicher Werte und um Fragen, die seit dem 18. Jahrhundert nichts an Bedeutung verloren haben. Neben dem Concentus Musicus Wien treten auch die Barocksolisten München, Il Giardino Armonico, das Barockorchester L’Orfeo und die Company of Music in Melk auf.

Besonders erwähnen möchte ich, dass der außergewöhnliche Bassbariton Thomas Quasthoff beim Nachmittagskonzert OffRoad Barock neue musikalische Wege geht. In einem besonderen Jazzprogramm tritt er im Trio mit Wolfgang Meyer, Gitarre, und Shawn Grocott, Posaune, auf. Ein Konzert voller Spielfreude, Improvisation und überraschender Wendungen, das klassische und moderne Klänge miteinander verbindet.

Auch junge Talente bekommen viel Raum …
M. S.: Ja, genau. Nach dem großen Erfolg vor drei Jahren gibt die Academia Mellicensis wieder jungen, talentierten Musikern die Möglichkeit, Teil dieses jungen Barockorchesters zu werden und tief in die Welt der historischen Klänge einzutauchen. In einer mehrtägigen Probenphase arbeiten die Teilnehmenden mit bekannten Musikern des Concentus Musicus Wien unter der Leitung von Stefan Gottfried an einem Programm, das sie am Abschlussabend aufführen: das Oratorium Il Fonte della Salute von Johann Joseph Fux, einem Wiener Komponisten, der zur Weihe von Berthold Dietmayr — 1670–1739 — als Abt des Stifts dort eine Oper komponiert und dirigiert hat. So verbinden unsere Internationalen Barocktage Melk den Geist dieses außergewöhnlichen, zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Ortes mit dem Anspruch an eine musikalische Interpretation auf höchstem Niveau und mit dem Einsatz für die Förderung junger Talente.



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