Von Hand kopierte Partituren, umherziehende Künstler, florierende Druckzentren von Rom bis Amsterdam: Lange vor der heutigen digitalen Verfügbarkeit verbreitete sich die Barockmusik über ein geduldiges und faszinierendes Netzwerk des Austauschs. Das Marseiller Festival Mars en Baroque (1. bis 27. März 2026), das sich dem Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts widmet, spürt in diesem Jahr diesen Verästelungen nach. Es folgt den Spuren von Händel, Alessandro Scarlatti oder Bach und beleuchtet, wie sich die verschiedenen Kulturräume eine gemeinsame „Essenz“ – geprägt von Generalbass, Ornamentik und Improvisation – zu eigen machten. Eine kulturelle Vielfalt, die in der Geschichte der Hafenstadt Marseille einen ganz besonderen Widerhall findet. Eine Begegnung mit dem künstlerischen Leiter, dem Cembalisten Jean-Marc Aymes.
Wie wurde Musik in Europa verbreitet, in einer Zeit, die weit entfernt vom digitalen Zeitalter war?
Jean-Marc Aymes: Musik gelangte damals über Landesgrenzen hinweg, indem handschriftliche Partituren von Kopisten vervielfältigt wurden. Ab dem 16. Jahrhundert verstärkte der Musikdruck diese Verbreitung, insbesondere die der italienischen Musik, da es große Druckzentren in Rom, Venedig und sogar in Flandern und Amsterdam gab. Natürlich reisten auch die Künstler selbst. Im 17. Jahrhundert organisierte man beispielsweise für den deutschen Musiker Johann Jakob Froberger Tourneen nach Paris, London oder Brüssel – ähnlich wie heute, nur mit einer deutlich geringeren Reisegeschwindigkeit! In Frankreich ließ Kardinal Mazarin zahlreiche italienische Künstler kommen, wie Luigi Rossi und Francesco Cavalli, und etablierte so das transalpine Opernmodell. Aus diesem Impuls entstand übrigens ein Paradoxon: Ein Italiener, Jean-Baptiste Lully, wurde berufen, den französischen Musikstil zu begründen… Ebenso waren am Wiener Hof praktisch alle Kapellmeister italienischer Abstammung.
War dieser rege Austausch Inspiration für das Programm von Mars en Baroque 2026?
J.-M. A.: Marseille ist seit jeher eine Stadt der Begegnung und kulturellen Vielfalt. Das macht die Stadt zu einem idealen Standort, um über die Wanderbewegungen musikalischer Stile in Europa nachzudenken. Romain Bockler, der das Festival gemeinsam mit mir leitet, verfolgte die begeisternde Vision, dem Publikum neue Klangwelten zu erschließen – als organische Weiterführung dieser langen Geschichte des Austauschs und der gegenseitigen Einflüsse. Wir wollten aufzeigen, wie sich diese „barocke Essenz“, die mit dem Generalbass (Basso continuo), der Praxis der Verzierung und der Improvisation verbunden ist, an verschiedenen Orten Europas und auf unterschiedliche Weise verkörpert. Es geht darum, dieses weite Beziehungsgeflecht innerhalb eines einzigen Konzerts erlebbar zu machen. In unserem Programm „Airs et lamentations“ (Arien und Lamenti), das am 1. März zu hören sein wird, lohnt sich beispielsweise der Vergleich zweier Komponisten aus dem Jahr 1696: des Deutschen Philipp Heinrich Erlebach und des Italieners Gaetano Veneziano. Während der Erstgenannte in Thüringen das begleitete Lied in gut deutscher Tradition pflegt, schreibt der Zweite in Neapel für die Karwoche Klosterkompositionen, die eine unüberhörbare Nähe zur Oper aufweisen. Zwei faszinierende Wege, dieselbe barocke Grammatik mit Leben zu füllen.
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