Lucile Richardot, 2025 als Künstlerische Hoffnungsträgerin bei den Victoires de la musique classique [jährlicher französischer Musikpreis] in Frankreich ausgezeichnet, hat sich in wenigen Jahren als eine der spannendsten Stimmen der barocken und zeitgenössischen Szene etabliert. Bekannt geworden durch die Ensembles Correspondances und Pygmalion, arbeitet sie inzwischen mit bedeutenden Dirigenten zusammen, von Sébastien Daucé über Emmanuelle Haïm bis Vincent Dumestre. Ihre jüngsten Alben Perpetual Night (2018) und Northern Light (2025) wurden für die Intensität ihrer Interpretationen englischer und deutsch-schwedischer Musik des 17. Jahrhunderts gefeiert. Als Abenteurerin der Repertoires wechselt sie mühelos von Monteverdi zu Berio, vom intimen Recital zu den großen internationalen Bühnen. Letzten Sommer lobte die Kritik ihre Cornelia in Giulio Cesare in Salzburg. Und da eine Inszenierung von Dmitri Tcherniakov immer ein Abenteuer ist, hat Lucile Richardot zugestimmt, uns an ihrem Tagebuch mit ihren österreichischen Erlebnissen teilhaben zu lassen.
Salzburg, 5. Juli
Ich beginne dieses Logbuch am ersten Tag auf der Bühne. Für mich ist es das Ende der zweiten Probenwoche, für die anderen die dritte oder sogar ein bisschen mehr.
Außerdem der erste Tag der Tour de France.
Und der erste Versuch mit der Gemeinschaftswaschmaschine in der gemeinsamen Waschküche – diese deutsch-schweizerisch-österreichische Tradition!
Noch ein nicht ganz einfacher szenischer Nachmittag … ein bisschen körperlicher Schmerz, etwas psychisches Durcheinander. Warum erwische ich die Einsätze nicht, warum bleibt mir die Dramaturgie nicht im Kopf? Klar, alles ist noch frisch, wir entdecken die Inszenierung und müssen die Anweisungen sofort reproduzieren, und gleichzeitig ist gerade erst das Continuo angekommen und alle warten darauf, dass ich endlich an meinem Platz bin. Nichts ist schlimmer, als szenisch agieren zu müssen, während man eigentlich eine stumme Rolle hat – da gibt es erst recht keine Ausrede, es nicht hinzubekommen, obwohl man gar nichts zu singen hat … aber genau das ist das Problem: Ich kenne die Musik der Soli der anderen weniger gut als meine eigenen Arien.
21 Uhr: Wir gehen ein bisschen debriefen mit ein paar Franzosen aus unserer Produktion und aus einer anderen, nebenan … also essen und etwas trinken, um runterzukommen und nicht allein zurückzulaufen, um sich dort im stillen Kämmerlein schwarzmalerisch wieder und wieder zu erinnern, was alles nicht funktioniert hat …!
23.30 Uhr: ein Stündchen telefonische Konversation/Komplizenschaft mit meinem Galan…
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