Arte zeigt derzeit eine besondere Version von Johann Sebastian Bachs Johannespassion, choreographiert von Sasha Waltz und dirigiert von Leonardo García-Alarcón. Die 2024 in Salzburg und an der Opéra de Dijon uraufgeführte Produktion ist bereits die zweite Zusammenarbeit des argentinischen Dirigenten mit der deutschen Choreographin. Derzeit bereitet García-Alarcón ein weiteres Projekt vor – gemeinsam mit Bintou Dembélé, rund um Les Indes galantes von Rameau. Ein Gespräch über das Spannungsfeld zwischen barocker Musik und zeitgenössischem Tanz.
Sie haben bereits 2018 mit Sasha Waltz an Monteverdis L’Orfeo gearbeitet. Wie entstand die Idee, barocke Musik mit Tanz zu verbinden?
Leonardo García-Alarcón: Das Freiburger Barockorchester hatte mich 2018 eingeladen, L’Orfeo in einer Choreographie von Sasha Waltz an der Berliner Staatsoper zu dirigieren. Für mich war das eine echte Offenbarung. Ich hatte L’Orfeo schon viele Male dirigiert – etwa am Teatro Colón in Buenos Aires mit Gabriel Garrido oder beim Festival von Saint-Denis in einer Inszenierung von Jean Bellorini. Aber das, was Sasha in Berlin gemacht hat, war etwas ganz anderes. Sie hat es geschafft, den Tanz ins Zentrum des musikalischen Dramas zu stellen – sie hat sich getraut, Momente ganz ohne Musik nur durch Bewegung sprechen zu lassen. Besonders erinnere ich mich an die Szene der Entführung der Proserpina – ein Moment völliger Stille, nur durch Tanz erzählt. Diese Bilder haben sich mir tief eingeprägt. Es war ein künstlerischer Funke, der übergesprungen ist.
Außerdem begleitet mich der Tanz schon mein ganzes Leben: Meine Schwester ist Primaballerina, und durch sie bin ich selbst ein großer Tanzliebhaber geworden – ja, ein Kenner des klassischen Tanzes. Für mich ist der Tanz ein zentrales Ausdrucksmittel, das mir hilft, musikalische Emotionen noch intensiver zu vermitteln.
Wie haben Sie L’Orfeo mit den Musikern erarbeitet? Welche Fragen stellten sich bei den Proben?
L. G.-A.: Für mich war von Anfang an klar: L’Orfeo muss im wörtlichen wie im übertragenen Sinn „tanzen“. Monteverdi hat selbst Tanzszenen markiert – etwa bei der Hochzeit oder in den Szenen aus der Unterwelt, oder bei den Klagen.
Die größte Herausforderung war jedoch organisatorischer und räumlicher Art: Ich habe abwechselnd von der linken und rechten Bühnenseite dirigiert, weil die Musiker:innen auf beide Seiten verteilt waren. Ursprünglich sollte ein anderer Dirigent von der Grube aus alles leiten, aber das fühlte sich für mich nicht richtig an. Ich habe dann entschieden, die Hochzeitsszenen auf der einen Seite zu spielen, und die Klagen und die Reise in die Unterwelt von der anderen, vom Orgelpositiv aus.
Eine weitere große Herausforderung waren die Tempi, die Sasha Waltz sich vorgestellt hatte – sie unterschieden sich stark von denen, mit denen ich bei diesem Werk zuvor gearbeitet hatte. Doch gerade diese Unterschiede haben mich angespornt. Daraus entstand der Wunsch, ein neues Werk in enger Zusammenarbeit zu erschaffen.
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