Sie waren Pionierinnen, ohne es wirklich darauf angelegt zu haben. Das 1986 von Claudia und Livia Caffagni sowie den Schwestern Elisabetta und Raffaella de Mircovich gegründete italienische Ensemble laReverdie gehört zu jener Generation, die die Musik des Mittelalters aus den Bibliotheken und Fachkreisen holte und zurück auf die Konzertbühne brachte. Zu einer Zeit, als fast alles noch zu erforschen war, taten sich vier Frauen zusammen, was damals eine Ausnahme war. Sie beschlossen, zu singen und dabei selbst mehrere Instrumente zu spielen, auf die Handschriften zurückzugehen und Musikwissenschaft mit dem Experiment zu verbinden. Von der italienischen Ars nova bis zu den Lauden, von Dufay bis Hildegard von Bingen haben sie in vierzig Jahren einen unverwechselbaren Klang und eine umfangreiche Diskografie geschaffen. Heute wird Alte Musik längst an Konservatorien gelehrt und hat ihren Platz in den großen Konzertsaisons. Claudia und Livia Caffagni sowie Elisabetta de Mircovich, die nach wie vor die Seele des Ensembles bilden, erzählen von dieser Pionierzeit, von ihrem „verrückten und verzweifelten Studium“ und von der Freiheit, die man hinter den Noten wiederfinden muss. Und sie erklären, warum ihnen die Ars nova auch nach vierzig Jahren noch immer wie ein Maßanzug passt.
Wann und wo habt ihr euch kennengelernt, und wie ist laReverdie entstanden?
Elisabetta de Mircovich: Claudia, Livia, meine Schwester Raffaella – Ella1 – und ich haben schon sehr früh begonnen, Alte Musik zu lieben und zu spielen. Bei uns de Mircovichs sprang der Funke der mittelalterlichen Musik sogar schon in den 1970er-Jahren über, vor allem dank des literarischen Interesses meiner Schwester an der germanischen Mythologie und den deutschen Ritterepen. Später schlossen wir uns jenen „Pioniergruppen“ an, die damals zwischen Venetien und der Lombardei entstanden. Uns zog das gesamte Repertoire vor Bach an, das an den Konservatorien praktisch nicht unterrichtet wurde und in den Konzertsälen nicht zu hören war. In einer dieser Gruppen, in Belluno in Venetien, lernten meine Schwester Ella und ich Livia und Claudia kennen. Ihr Vater, Mirco Caffagni, war ein bedeutender Musikwissenschaftler und Lautenist, und auch sie waren in dieser Welt aufgewachsen. 1986 ergab sich eine ganz konkrete Gelegenheit: eine Tournee mit zehn Konzerten in den Burgen und Kastellen Süditaliens, im Rahmen eines Projekts des Schauspielers Giorgio Albertazzi, das Kaiser Friedrich II. gewidmet war. So entstand laReverdie. Sehr schnell entwickelte sich eine intensive Konzert- und Aufnahmetätigkeit. Seitdem widmen wir uns ausschließlich dem mittelalterlichen Repertoire, bis hin zu den Anfängen der Renaissance.

Schon der Name des Ensembles verweist auf das Mittelalter …
E. M.: Ja. Die Reverdie ist eine mittelalterliche Gedichtgattung, die die Rückkehr des Frühlings feiert. Das passte und passt immer noch recht gut zu unserem Ansatz: etwas wieder zum Leben zu erwecken, es aber auch jedes Mal mit neuen Augen zu betrachten.
Gab es in diesen Pionierjahren Ensembles, die euch als Vorbilder dienten?
E. M.: Ehrlich gesagt hatten wir nie wirklich ein Vorbild. In den 1980er Jahren gab es zum Beispiel praktisch kein Frauenensemble, das mit unserem vergleichbar gewesen wäre. Natürlich hörten wir viel Musik, und einige Musikerinnen und Musiker haben uns tief geprägt. Ich denke dabei vor allem an die Mezzosopranistin Andrea von Ramm und an das Ensemble Sequentia von Benjamin Bagby und Barbara Thornton. Die Erfahrungen, die wir mit ihnen gemacht haben, waren äußerst lehrreich und haben uns viele Ideen gegeben. Aber es ging nie darum, etwas nachzuahmen.
Livia Caffagni: Ich für meinen Teil hatte begonnen, mich mit der gregorianischen Semiologie zu beschäftigen, unter anderem in den Sommerkursen der Internationalen Gesellschaft für Studien des Gregorianischen Chorals, die ich mehrere Jahre lang besuchte. Von Anfang an ging es uns darum, unser Wissen zu vertiefen und uns unser eigenes Forschungswerkzeug zu erarbeiten.
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