Stellen Sie sich vor, Sie befänden sich am kaiserlichen Hof zu Wien im 17. Jahrhundert und hätten das Glück, einem spektakulären und grandiosen Ereignis beizuwohnen: einem theatralischen Fest in fünf Akten mit Prolog, das über 10 Stunden dauerte, mit mehr als vierzig verschiedenen Figuren – Tänzer und Statisten nicht mitgerechnet –, mit spektakulären Bühnenmaschinen und aufgeführt an zwei Tagen in einem eigens für diesen Anlass errichteten Freilufttheater. Etwas bis dahin Unvorstellbares, ursprünglich für die Hochzeitsfeierlichkeiten von Kaiser Leopold I. und Margarita Teresa von Spanien im Jahr 1667 konzipiert, letztlich aber erst zwei Jahre später, am 13. und 14. Juli 1668, anlässlich des Geburtstags der jungen Kaiserin auf die Bühne gebracht. Die glücklichen Gäste des österreichischen Hofes müssen angesichts dieses kolossalen Spektakels sicherlich sprachlos gewesen sein, und so wurde Il pomo d’oro von Antonio Cesti, nach einem Libretto von Francesco Sbarra, zu einem legendären Beispiel großzügigen künstlerischen Mäzenatentums. Eine Oper, die bis heute nie wieder aufgeführt wurde. Und das aus gutem Grund! Zum 50. Jubiläum der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik wagen Ottavio Dantone und seine Accademia Bizantina diesen Sommer das Unmögliche und bringen sie erneut zur Aufführung. Aus diesem Anlass hat der musikalische Leiter des Festivals dem Total Baroque Magazine ein Interview gegeben.
Sie sind seit 2024 musikalischer Leiter des Festivals für Alte Musik in Innsbruck. Wie kam es zu der Idee, „Il pomo d’oro“ von Antonio Cesti wieder aufzuführen?
Ottavio Dantone: Als mir diese Stelle angeboten wurde, dachte ich sofort, dass dies eine sehr wichtige Chance für mein Ensemble, die Accademia Bizantina, sein würde – nicht im Sinne von Sichtbarkeit, sondern weil sowohl das Festival als auch sein Publikum daran gewöhnt sind, Werke zu erforschen und aufzuführen, auch wenig bekannte. Das ist der ideale Nährboden, um zu experimentieren, nach neuen Titeln zu suchen und neue Musik zu entdecken, von der es in Archiven und Bibliotheken noch viel Großartiges gibt. Mein erster Gedanke war, die Musiker in den Vordergrund zu rücken, die im 17. und 18. Jahrhundert am Wiener Hof tätig waren, ich denke etwa an so bedeutende Komponisten wie Bononcini, Caldara und Giacomelli, mit dem ich im ersten Jahr begonnen habe: allesamt zu ihrer Zeit hoch angesehene Komponisten, die heute jedoch kaum noch gehört werden. Mir war sofort klar, dass mir dieses Festival die Gelegenheit bieten würde, mich eingehender mit Musik zu befassen, die ich zwar kannte, aber bisher nicht interpretieren und inszenieren konnte. Innsbruck ist das ideale Forschungsfeld, ein echtes Labor.

Ein so fruchtbares Terrain, dass Sie zum 50-jährigen Jubiläum des Festivals den Schritt wagen werden…
O. D.: Das Unmögliche … die Inszenierung des legendären „Il pomo d’oro“ von Antonio Cesti.
… das nach den Aufführungen von 1668 nie wieder aufgeführt wurde?
O. D.: Ja. Nach jener zweitägigen Aufführung galt es damals als das größte Spektakel, das die Musikgeschichte je gesehen hatte. Wir wissen, dass eine enorme Zahl an Musikern beteiligt war und die Bühnenmechanik äußerst ausgeklügelt. Die Oper selbst dauerte über 10 Stunden – ohne die Ballette und weiteren Darbietungen mitzuzählen, die, wie damals üblich, mit der Oper verbunden waren. Man muss allerdings bedenken, dass sich die Feierlichkeiten rund um Patronatsfeste und Krönungen über mehrere Wochen erstreckten, was diese Dimension weniger überraschend macht. Überraschend bleiben aber Länge und Umfang dieser Partitur an sich. Als wir überlegten, was zum 50-jährigen Jubiläum des Festivals angemessen wäre, dachte ich sofort an Cesti, den für Innsbruck repräsentativsten Komponisten – zunächst allerdings nicht an „Il pomo d’oro„, sondern an „La magnanimità di Alessandro“ und andere Titel. Als ich meiner Kollegin, der künstlerischen Leiterin Eva-Maria Sens, vorschlug, „Il pomo d’oro“ auf die Bühne zu bringen, wusste ich ehrlich gesagt nicht, dass zwei Akte dieser Oper fehlten – der dritte und der fünfte –, wohl aber, dass sie noch niemand inszeniert hatte. Auch sie ließ sich von der Begeisterung mitreißen: „Los geht’s!“ Dann stellten wir fest, dass zwei Akte fehlten. Ich dachte: „Dann rekonstruieren wir sie eben“ – wollte dabei aber kein willkürliches oder selbstverherrlichendes Unterfangen starten, und die Musik selbst zu komponieren kam mir schon gar nicht in den Sinn. Stattdessen besorgte ich mir sämtliche Partituren der berühmtesten Cesti-Opern, darunter auch „La Dori„, der ich einige Elemente entnahm, da wir sie einige Jahre zuvor aufgeführt hatten, noch bevor ich Musikdirektor des Festivals wurde.
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