Les Talens Lyriques & Christophe Rousset

Traetta: „Ifigenia in Tauride“

→Glucks Iphigénie en Tauride kennt man; hier ist nun die seltenere Vertonung von Tommaso Traetta, vorgestellt von Christophe Rousset und Les Talens Lyriques. Diese in Innsbruck aufgenommene Einspielung rückt eine andere musikalische Lesart des Mythos wieder ins Licht, zwischen dem Erbe der opera seria und neuen dramatischen Ansprüchen, getragen von einem engagierten Sängerensemble. Eine Entdeckung!

Traetta: „Ifigenia in Tauride“
© aparté

Mit Ifigenia in Tauride, im März 2026 bei Aparté erschienen, setzen Christophe Rousset und Les Talens Lyriques ihre Erkundung der italienischen Oper des 18. Jahrhunderts fort und widmen sich einem Schlüsselwerk von Tommaso Traetta. 1763 in Wien auf ein Libretto von Marco Coltellini nach Euripides uraufgeführt, zeugt die Partitur von den tiefgreifenden Entwicklungen der opera seria am Vorabend der Gluck’schen Reformen: stärkerer dramatischer Zusammenhang, erweiterte Rolle des Chors, stärker integrierte Orchesterbehandlung. Das Programm stellt so eine kompakte Tragödie wieder her, gespannt durch Iphigenies Situation zwischen priesterlicher Pflicht und der Wiedererkennung des Bruders.

Aus den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik hervorgegangen, wo das Werk im August 2025 in einer szenischen Fassung neu auf die Bühne gebracht wurde, bietet diese Einspielung eine vollständige Wiedergabe. Um Christophe Rousset versammelt tragen der Chor Novocanto und ein konzentriertes Sängerensemble das Drama mit beständiger Aufmerksamkeit für den Text. Rocío Pérez gestaltet die Titelrolle mit durchgehendem Engagement und verbindet Vehemenz mit Sinn für die Linie in einer anspruchsvollen Partie; der Countertenor Rafał Tomkiewicz verleiht Oreste eine markante Präsenz, stärker auf den Ausdruck der Figur bedacht als auf bloße Virtuosität; Suzanne Jerosme schließlich überzeugt mit sicherem Gespür in der Rolle des Pilade und fügt sich fest in die Ensembles ein.

Der Reiz dieser Einspielung liegt auch darin, wie Christophe Rousset die Kontinuität der Partitur herausarbeitet, die Übergänge sorgfältig gestaltet und den Choreinsätzen ihren vollen Raum gibt. Seine Leitung lässt die Anlage des Werks mit großer Klarheit hervortreten, ohne dessen Kontraste und dramatischen Schwung preiszugeben. Die präzise und ausgewogene Aufnahme bringt die vokalen Linien ebenso zur Geltung wie die instrumentalen Farben. Eine CD, die dazu einlädt, Traetta nicht als abstrakten Meilenstein der Geschichte wiederzuentdecken, sondern als Musiker ersten Ranges und, mehr noch, als großartigen Theatermenschen.