Junge Talente

Das Ensemble La Mandorle: Kraft und Süße der Mandel 

→Hinter dem selten gebrauchten Namen, der an eine bekannte Steinfrucht erinnert, verbirgt sich ein junges französisches Ensemble mit einem bereits soliden Kern – und dem Wunsch, seinen Duft in größerem Maßstab zu verbreiten. 

Das Ensemble La Mandorle: Kraft und Süße der Mandel 
© Maria Zaichikova

Gegründet im Jahr 2021, formierte sich das Ensemble La Mandorle rund um zwei Schwestern und zwei Freundinnen in einer ungewöhnlichen Besetzung: Theorbe, Barockoboe, Barockvioline und Barockcello. Das Repertoire kennt keine Grenzen – von Gregorianik bis hin zu zeitgenössischer Musik, mit einem klaren Schwerpunkt auf dem französischen 17. und 18. Jahrhundert. Ein Gespräch mit Mitgründerin Élodie Brzustowski, Lautenistin und Theorbistin des Ensembles. 

Wann und wie hat sich Ihr Ensemble gegründet? 

Wir haben im Sommer 2021 begonnen, gemeinsam zu arbeiten. Im Ensemble sind zwei Schwestern, Clotilde und Camille Sors, und es ist aus einem Freundeskreis um sie herum entstanden. Am Anfang haben wir eher ohne große Ambitionen musiziert, aber schnell den Wunsch entwickelt, das Ganze zu professionalisieren, und schon im nächsten Sommer haben wir eine Tournee in der Bretagne organisiert. Seitdem wir Teil des europäischen Programms  Sustainable-Eeemerging de l’Union Européenne sind, haben sich unsere Aktivitäten noch einmal deutlich intensiviert. 

Wie kam es zu der ungewöhnlichen Kombination aus Theorbe, Cello, Violine und Barockoboe? 

Am Anfang stand eher die persönliche Verbindung als eine spezifische Repertoireidee. Der große Vorteil eines Ensembles ohne Cembalo ist die Mobilität – wir können an ganz unterschiedlichen Orten spielen. Diese Besetzung hat uns dazu angeregt, neue klangliche Möglichkeiten unserer Instrumente auszuloten und die Klangfarben von Violine und Oboe gezielt aufeinander abzustimmen. Es mag widersprüchlich klingen, aber wir haben bewusst die Wärme des Oboentons gesucht – und auch im Theorbenklang neue Ausdrucksmöglichkeiten entdeckt. 

© Jean-Pierre Briand

Ihr Repertoire reicht von Gregorianik bis Pop, vom Barock bis in die Gegenwart. Welche Grenzen setzen Sie sich? 

Solange es uns gefällt, kann es ins Programm! Wir versuchen dabei dennoch, so historisch fundiert und stilgerecht wie möglich zu arbeiten. Anfangs hatten wir keine feste Vorstellung vom Repertoire, aber recht bald hat uns das französische Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts besonders angesprochen – einer unserer Lieblingskomponisten ist Robert de Visée. Aber wir bleiben nicht in Frankreich: Zurzeit arbeiten wir an einem Projekt über italienische Musiker in England. 

Unser Ziel ist es, dieses Repertoire lebendig zu machen – deshalb spielen wir auch Sachen von zeitgenössischen Komponisten. Aktuell proben wir ein Stück von Lucius Arkmann mit dem Titel Fin de soirée chez Madame de Pompadour (Später Abend bei Madame de Pompadour), das Einflüsse aus der Technomusik verarbeitet. 

Im Mai treten Sie beim Göttinger Händel-Wettbewerb an. Ist es für junge Ensembles unerlässlich, an Wettbewerben teilzunehmen, um bekannt zu werden? 

Das glaube ich nicht. Für uns ist es auch das erste Mal, dass wir an einem solchen Wettbewerb teilnehmen. Das Programm ist gut dotiert und könnte uns auch finanziell weiterhelfen. Wir hoffen außerdem, internationale Veranstalter kennenzulernen. Es ist auf jeden Fall motivierend, ein konkretes Ziel vor Augen zu haben. 

Sie nehmen am EU-Programm Sustainable Eeemerging teil. Inwiefern ist Ihr Projekt europäisch geprägt? 

Das wird es durch dieses Programm zunehmend. Es ermöglicht uns, im Ausland zu konzertieren und Residenzen zu absolvieren. In den kommenden Monaten spielen wir in Spanien, Italien und Finnland – das hätten wir ohne diese Unterstützung vermutlich nicht in Angriff genommen. Für uns ist es sehr bereichernd, auf Reisen zu gehen und vor einem nicht-französischen Publikum zu spielen. 

© JM Deltombe

Ist es manchmal schwierig, die persönlichen Ambitionen der einzelnen Musiker mit den Zielen des Ensembles in Einklang zu bringen? 

`Wir alle haben jeweils ein reiches und vielfältiges Berufsleben: Victoire, unsere Oboistin, spielt auch im Orchester der Pariser Feuerwehr Orchestre des sapeurs-pompiers de Paris ; Camille, die Cellistin, beendet gerade ihr Studium am CNSM in Lyon und ist außerdem Agrégée in Musikwissenschaft; Clotilde, die Geigerin, studiert an der HEAR in Straßburg und spielt im Orchester der Opéra de Versailles sowie bei Le Poème Harmonique; ich selbst studiere am CNSM in Paris und habe parallel ein Projekt für klassische Gitarre. 

Zeit für das Ensemble zu finden, ist also nicht einfach, aber inzwischen gehört es zu unseren Prioritäten. Natürlich haben wir aktuell noch andere Projekte, die besser bezahlt sind, aber wir wollen La Mandorle wirklich weiterentwickeln. Das Eeemerging-Programm hat uns sehr geholfen – unter anderem durch ein Coaching, in dem wir Regeln aufgestellt haben, um jede von uns in die Lage zu versetzen, ein tragfähiges Gleichgewicht zwischen Ensemblearbeit und anderen Lebensbereichen zu finden. 

Wie sehr sind Sie auf Mäzenatentum und öffentliche Förderung angewiesen, um das Ensemble am Leben zu erhalten? 

Bislang haben wir kaum gezielt nach Förderern gesucht – das Ensemble konnte durch einige Spenden und studentische Stipendien bestehen. Doch diese Frage stellt sich immer dringlicher, je ambitionierter die Projekte werden – vor allem angesichts der aktuellen Ungewissheiten in der Kulturpolitik. Es wäre schade, sich aus Mangel an Förderung auf einfache Formate beschränken zu müssen. 

Gibt es ein Projekt, das Sie sich bisher noch nicht zutrauen, das Sie aber langfristig gerne mit dem Ensemble realisieren würden? 

Seit unserer Gründung denken wir an ein erzählendes Bühnenprojekt über Ludwig XV., das wir uns ab 2026 vorstellen können. Wir würden auch gerne größere Programme mit Gesang entwickeln. Aber im Moment liegt der Fokus auf dem Ausbau unseres Viererensembles. Wir werden sehen, wie sich die Dinge entwickeln, wenn die Strukturen stehen. 

La Mandorle existiert seit knapp vier Jahren. Wo sehen Sie das Ensemble in vier weiteren Jahren? 

Wir hoffen, dass das Ensemble für jede von uns einen immer wichtigeren Platz einnimmt. Drei von uns stehen kurz vor dem Ende ihres Studiums – ein bedeutender Schritt in Richtung vollberufliches Musikerleben. Das Eeemerging-Programm läuft noch bis Ende 2025, und wir hoffen sehr, auch danach weiterhin im Ausland konzertieren und auf Tour gehen zu können. 

Wir bringen alle Erfahrungen in der Musikvermittlung mit und haben bereits viel mit jungem Publikum gearbeitet – das würden wir gerne noch stärker ausbauen. 

  • 19. bis 22. Mai 2025 — Internationaler Händel-Wettbewerb Göttingen Deutschland  
  • 14. bis 21. Juli 2025 — Residenz in Torroella de Montgrí, Spanien 
  • 23. Juli 2025 — Festival Musik im Périgord