Er gehört zu den führenden Dirigenten der Szene, aber gleichzeitig auch zu den führenden Denkern. Mit seinen Ensembles, den Taverner Choir, Consort und Players, trat er auf der ganzen Welt auf, produzierte unzählige Aufnahmen, vor allem von Werken der Renaissance und des Barock, die bis heute vielfach zu den absoluten Referenzeinspielungen des jeweiligen Repertoires gehören. Daneben stieß er mit seinen Büchern und Artikeln wesentliche Richtungsentscheidungen in der Szene an. Wir haben mit ihm über seine Erfahrungen und Erkenntnisse gesprochen.
Andrew, wenn Sie auf die gut 60 Jahre zurückblicken, die Sie sich nun schon mit Alter Musik beschäftigen, was würden Sie als die größten Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis bezeichnen?
Andrew Parrott: Nun, zunächst einmal hat sie sicherlich neue Perspektiven eröffnet – im übertragenen Sinne, meine ich. Musikwissenschaftler waren sich ja schon immer des Repertoires vom Mittelalter über die Renaissance bis hin zum Barock bewusst. Aber in diesen akademischen Zirkeln — an Universitäten und sogar Musikhochschulen — war Musik vor Bach im Wesentlichen nur ein Bewusstsein der Namen, man hatte kein wirkliches Verständnis davon. Natürlich gab es eine echte Liebe zu bestimmten Repertoires: In Deutschland zum Beispiel kannte jeder Schütz, insbesondere durch die kirchliche Tradition, in England kannten wir William Byrd und Thomas Tallis und andere. Aber die standen in keinerlei Zusammenhang mit der breiteren Musiklandschaft – zumindest in England. Eine wichtige Errungenschaft ist also ein tieferes Verständnis — ich wollte gerade sagen: der Barockmusik im Allgemeinen —, aber ich meine eigentlich die Musik des 18. Jahrhunderts im Besonderen, auch jenseits des Barock bis hin zur Klassik; was eine sehr gesunde Entwicklung ist. In gewisser Weise ist das eine schlechte Nachricht für konventionelle Symphonieorchester und vielleicht auch für große Chöre, da dieses Repertoire nun natürlicher und angemessener von verschiedenen kleineren Ensembles aufgeführt wird – die allerdings für barocke oder 18. Jahrhundert-Verhältnisse keineswegs klein sind. Das ist also sicherlich eine positive Entwicklung.
Der Nachteil ist, dass die frühere Musik etwas darunter gelitten hat.
A. P.: Viele meiner Zeitgenossen oder Vorgänger – die Harnoncourts und Leonhardts dieser Welt – interessierten sich vor allem für die Musik des 18. Jahrhunderts. Diese Epoche wurde gut bedient, wenn auch vielleicht nicht so gut wie es meiner Meinung nach möglich gewesen wäre – aber das ist ein anderes Thema. Das 17. Jahrhundert dagegen ist in praktischer Hinsicht weniger gut verstanden, was oft zu weniger überzeugenden Aufführungen führt, als es möglich wäre. Und es gibt eine Barriere, wenn es um Vokalmusik des 16. Jahrhunderts und früher geht, obwohl die großartigste erhaltene Musik aus dieser Zeit überwiegend vokal ist. Es ist aber schwer, die Wirkung dieses Repertoires einzuschätzen, da es sich nicht so natürlich auf die Konzertbühne übertragen lässt. Barockmusik — groß angelegte Werke — wird aufgeführt, weil wir Konzertsäle haben. Lautenrecitals und Lautenlieder haben außer auf Aufnahmen kein natürliches Habitat. Und die Leute kaufen zwar viele Aufnahmen mit Alter Musik, aber wir wissen nicht, wie viele davon sie mit derselben Begeisterung hören wie zum Beispiel Sie. Der Erfolg der Barockmusik lässt sich öffentlich, auf der Bühne, messen — der kleiner besetzter Dinge, vor allem aus früheren Epochen, eher nicht. Daher gibt es immer noch eine Kluft, wenn ich das so offen sagen darf, zwischen dem, was wir heute als Mainstream-Musik betrachten, zu der auch die Barockmusik gehört, und dem Rest der Alten Musik. Es gibt echte Musik und Alte Musik, wenn Sie so wollen.
Ja, das stimmt. Diese Unterscheidung sehe ich auch in den Programmen vieler gerade großer Festivals und Veranstalter …
A. P.: Ich kann dazu auch eine hübsche Anekdote erzählen: Ich habe einmal einen Gramophone Award für ein Programm aus dem 16. Jahrhundert bekommen. Was mir auffiel, war die Reihenfolge der Zeremonie und die Geografie des Saals: Zuerst kam die Musik für junge Interpreten, dann folgte die Alte Musik, und im Laufe des Abends stiegen wir dann die Leiter hinauf zu dieser echten Musik und den großen Star-Namen. Ich sage nicht, dass ich einer dieser Stars sein wollte; es war nur ziemlich seltsam, und sprach Bände über die herrschende Hierarchie. Und ja: Das frustriert mich. Meiner Ansicht nach gab es zu jedem Zeitpunkt der Musikgeschichte großartige Musik und schreckliche Musik und alles dazwischen. Ich interessiere mich zufällig für alles, nicht unbedingt gleichermaßen, aber ich bin mir dessen bewusst. Und ich denke immer noch, dass viele Musiker gefangen sind.
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