Laure Baert ist seit vier Jahren künstlerische Leiterin des Festivals für Alte Musik im französischen Sablé-sur-Sarthe, nachdem sie von 2017 bis 2022 das Festival in Froville in Lothringen geleitet hatte. Für 2025 hat sie das Festival Johann Sebastian Bach gewidmet – und das nicht nur, weil sich der Geburtstag des großen deutschen Komponisten zum 340. Mal jährt. Ein Gespräch.
Warum fiel die Wahl für das Festivalthema 2025 auf Johann Sebastian Bach?
Laure Baert: In einer Zeit, in der soziale Spannungen zunehmen und auch die Hindernisse für die Kultur immer mehr werden, erschien mir Bach mehr und mehr als ganz logische Wahl. Und besonders hier in den Pays de la Loire, wo die kulturellen Einschnitte Ende 2024 besonders heftig waren – stärker als anderswo in Frankreich oder anderswo auf der Welt. In diesem Kontext dachte ich: Bach ist ein Leuchtturm der Musikerinnen und Musiker leitet – und kann auch einer für unsere Gesellschaft sein. Für mich verkörpert er Licht. Seine Musik inspiriert noch immer, bringt Menschen zusammen, erhebt uns. All das hat mich dazu gebracht, ihn in den Mittelpunkt zu rücken – unabhängig von seinem 340. Geburtstag.

Also ist es kein Zufall, dass das Festival mit einem Stück beginnt, das den Titel „Que ma joie demeure“ („Möge meine Freude bleiben“) trägt?
L. B.: Béatrice Massin war schon lange nicht mehr in Sablé. Ich wollte ihr großes Lebenswerk würdigen – mit all der Geduld und Leidenschaft, die sie hineingelegt hat – und zugleich zeigen, wie lebendig Tanz ist, wenn er mit der Musik von Bach in Dialog tritt. Ihre Choreografie ist sehr tiefgründig und gleichzeitig ganz leichtfüßig – wie ein Atemzug frischer Luft und Hoffnung. Und ja, das Festival so zu eröffnen, ist ein klares Zeichen: Lasst uns die Hoffnung bewahren.
Ein weiteres Highlight: das 3. Brandenburgische Konzert in einer Fassung für vier Cembali – unter anderem mit dem Ensemble Le Caravansérail von Bertrand Cuiller.
L. B.: Diese Werke live zu hören ist tatsächlich selten – sie sind teuer zu realisieren und technisch anspruchsvoll. Aber ihre Lebendigkeit, ihre klangliche Farbigkeit entfalten sie erst richtig auf der Bühne – auch für Menschen, die sie gut kennen. Bertrand Cuiller ist ein Künstler, den ich sehr schätze – einfallsreich, mit klarer künstlerischer Handschrift. Diese neue Version des dritten Brandenburgischen Konzerts für vier Cembali, zusammen mit Violaine Cochard, Olivier Fortin und Jean-Luc Ho, verspricht sehr spannend zu werden. Und ich finde es wichtig, französische Künstler zu unterstützen, die unbeirrt ihren Weg gehen – trotz der vielen Hürden, die ihnen heute in den Weg gelegt werden. Diese Hürden sind mittlerweile eher Mauern. Ihnen eine Plattform zu bieten, ist ein Zeichen der Ermutigung.

Mit Bach Contemplation, einem Programm des Trompeters Romain Leleu mit einem Streichquintett auf modernen Instrumenten, gehen Sie neue Wege.
L. B.: Ich kenne Romain Leleu und sein Sextett schon länger und kannte auch das Bach-Programm schon, bevor ich an meine Festivalplanung ging. Aber ich dachte: Das ist eine Gelegenheit, Bach mal anders zu zeigen – mit modernen Instrumenten und in einer eher kammermusikalischen Besetzung. Und vor allem mit einer modernen Trompete, gespielt von einem echten Ausnahmemusiker. Romain Leleu live zu hören ist wie ein schöner Traum: so viele Klangfarben, so viele Ausdrucksmöglichkeiten … Und dann diese Freude, die alle miteinander auf der Bühne haben! Die Arrangements in diesem Projekt Bach Contemplation bringen eine andere, etwas zeitgenössischere Emotionalität – aber sie bleiben immer im Geiste Bachs.
Sie selbst werden beim Abschlusskonzert singen – zusammen mit der Altistin Anthea Pichanick. Auf dem Programm: Pergolesis „Stabat Mater“ sowie zwei Bach-Kantaten (BWV 51 und 170) mit dem Ensemble Il Caravaggio unter der Leitung von Camille Delaforge.
L. B.: In den letzten zehn Jahren, in denen ich Festivals programmiere, habe ich es mir immer untersagt, in meinem eigenen Festival aufzutreten. Für dieses Projekt mit Camille Delaforge und Anthea Pichanick war eigentlich auch eine andere Sopranistin vorgesehen, die dann leider aus terminlichen Gründen absagen musste. Und da habe ich mir gedacht: Vielleicht ist das ein Zeichen? Wir haben lange darüber gesprochen – und zusätzlich zu Pergolesis „Stabat Mater“ zwei Bach-Kantaten ins Programm aufgenommen, die noch nie in Sablé gespielt wurden. Dabei ging es auch darum zu zeigen, dass geistliche Musik bei Bach – etwa in der Kantate BWV 51 – auch leicht, freudvoll und hoffnungsvoll sein kann. Im Gegensatz zur eher feierlich-schweren Kantate BWV 170.

Sie haben eingangs die besonders schwierige wirtschaftliche Lage in Ihrer Region Pays de la Loire angesprochen. Wie sieht es mit der Zukunft des Festivals aus?
L. B.: Ich finde, man muss hier Klartext sprechen: Im Dezember, als das Festivalprogramm schon stand, hat die Region der Organisation, die das Festival trägt, von einem Tag auf den anderen die komplette jährliche Förderung gestrichen – so wie vielen anderen Kulturveranstaltungen auch. Wir haben uns entschieden, trotzdem Kurs zu halten und das Programm für 2025 nicht zu ändern – inklusive der zwei kostenlosen Konzerte. Auch die Ticketpreise bleiben gleich. Zum Glück stehen das Département Sarthe und die Stadt Sablé weiterhin zu ihrer Unterstützung. Aber für 2026 wird man Entscheidungen treffen müssen – vermutlich wird es dann nur noch ein kostenloses Open-Air-Konzert geben. Und damit schließt sich der Kreis zum Titel meines Programms: Que ma joie demeure – Meine Freude bleibe. Genau das ist die Botschaft: Unsere Freude bleibt. Die der Künstlerinnen und Künstler bleibt. Die des Publikums bleibt. Und auch das Festival von Sablé, das in diesem Jahr 47 Jahre alt wird, bleibt!

Festival von Sablé – 20. bis 23. August 2025:
- 20. August – Möge meine Freude bleiben, Bach/Massin, Compagnie Fêtes galantes & Béatrice Massin
- 21. August – Bach Contemplation, Romain Leleu Sextet
- 22. August – Brandenburgisches Konzert Nr. 3 für vier Cembali, Ensemble Le Caravansérail & Bertrand Cuiller
- 23. August – Pergolesi & Bach, Stabat Mater & Kantaten BWV 51 & 170 – Ensemble Il Caravaggio & Camille Delaforge



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