Drei Jahrhunderte trennen sie, doch sie teilen einen Namen und die Liebe zum Spektakulären: 1725 gegründet, um die Pariser während der opernlosen Fastenzeit zu unterhalten, feiern wir im Jahr 2025 den 300. Geburtstag des Concert Spirituel („geistliches Konzert“). 1987 erweckte Hervé Niquet das Ensemble nach über zwei Jahrhunderten des Schweigens zu neuem Leben und machte daraus ebenso ein Experimentierfeld wie einen Ort akribischer Forschung. Anlässlich dieser Jubiläumssaison, in der Komponisten wie Striggio, Fauré und Lully auf einen Hauch von Pâté en croûte treffen, blickt der Dirigent auf einen Weg zurück, auf dem historische Strenge oft mit Sinn für große Auftritte Hand in Hand ging.
Am 22. April haben Sie auf der Ferme de Villefavard das 300-jährige Jubiläum des ursprünglichen Concert Spirituel gefeiert, mit der Uraufführung von Pâté en croûte et vieux ragots (Pâté en croûte und alter Klastch), die Sie Ende Juni in Hardelot wiederaufnehmen werden. – Ich muss sagen, der Titel gefällt mir sehr!
Hervé Niquet: Was genau bringt Sie denn bei diesem Titel zum Schmunzeln?
Er macht Appetit – und „vieux ragots“ erinnert mich an einen sehr französischen Esprit, ein wenig à la François Villon. Wohin möchten Sie das Publikum mit dieser Hommage mitnehmen?
H. N.: Dank der Schauspieler Shirley und Dino habe ich das Handwerk des Schauspielers gelernt – inzwischen habe ich also vor nichts mehr Angst. Und wissen Sie, weder Publikum noch Journalisten noch Kritiker sind ja bei den Proben dabei … da dachte ich mir: Es wäre an der Zeit, ihnen einfach einmal etwas vorzuführen. Damals aß der König einmal wöchentlich im feierlichen Zeremoniell – mit Musik. Ludwig XIV. hatte diese Tradition ins Leben gerufen, Ludwig XV. setzte sie fort, und der Komponist Delalande hinterließ drei gewaltige Sammlungen von Musik zu diesem Anlass. Also habe ich mir vorgestellt, das Publikum sei Zeuge einer Probe bei Delalande – den ich übrigens selbst spiele –, am Vorabend des königlichen Diners, zusammen mit den Musiciens de la Chambre: gute Laune, Zeitungslektüren jener Zeit, ernsthafte Themen, gelegentliche Wortgefechte …
Und weshalb haben Sie gerade dieses Thema für das 300-jährige Jubiläum gewählt?
H. N.: Weil ich mache, was ich will! Ich wollte eine Saison gestalten, die alles umfasst: Oper, geistliche Musik, überwältigende Großwerke – und Humor. Es sollte eine Saison der Freude werden.
Für diese Jubiläumssaison greifen Sie auch wieder die Messe für 40 Stimmen von Striggio auf, am 5. Juni im Théâtre Impérial in Compiègne. Sie sagen, es sei das komplexeste Werk der westlichen Musikgeschichte. Was verstehen Sie darunter?
H. N.: Nun, zunächst einmal singen da 40 Solisten, beim Agnus Dei sogar 60. Es ist pure Mathematik. Man könnte sagen: eine Philosophie der Zeit vor der Aufklärung – nach dem Motto: Wenn du willst, dass die Welt funktioniert, musst du deinen zugewiesenen Platz bestmöglich ausfüllen. Ich habe das den Solisten erklärt; sie haben mich für verrückt gehalten. Die 40 Stimmen kreuzen und verschränken sich auf unzählige Weisen. Nach drei Stunden Probe funktionierte immer noch nichts, wir waren völlig erschöpft. Da sagte ich: „Macht genau das, was geschrieben steht. Nichts Expressives. Jeder bleibt exakt an seinem Platz!“ Wir haben neu angefangen – und am Ende hat die Hälfte vor Rührung geweint. Plötzlich griff alles ineinander, die Chöre verzahnten sich, und wenn es einmal greift, dann ist es einfach monumental!
Wie steht es heute um die französische Alte Musik?
H. N.: William Christie hat die französische Barockmusik gerettet: Er hat unseren alten Schätzen als Erster neuen Glanz verliehen. Das habe ich von ihm gelernt. Für mich selbst gilt: Ich habe meine Arbeitsweise nie geändert – zuerst wird gründlich geforscht, dann wird strikt umgesetzt, was man weiß. Keine Kompromisse. Die älteren Musiker sagen oft: „Bei dir lernt man jedes Mal etwas Neues.“ Und die jungen sagen: „Davon hat uns nie jemand erzählt …“. Das stimmt mich traurig. Viele sind sehr gut ausgebildet, sie haben an den großen Schulen, den Hochschulen gelernt, was zu tun ist – aber sie wissen nicht, warum. Glücklicherweise gibt es aber auch eine neue Generation, die sich wieder ernsthaft der Quellenforschung widmet, gerade im Bereich Mittelalter und Renaissance. Das zwingt auch die anderen, wieder ein wenig aufzuwachen.
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