Andreas Scholl: „Meine Karriere als Popstar steht mir noch bevor!“

→Dreißig Jahre nach seinem Debüt blickt Andreas Scholl mit einer gewissen Sorge auf die Entwicklung der Alten Musik: Aus ihrer Nische heraus hat sie die großen Konzertsäle erobert und zugleich deutlich an Anspruch gewonnen – womöglich auf Kosten eines Teils ihres Abenteuergeistes. Kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag blickt der deutsche Countertenor auf eine Karriere zurück, die auf Geduld beruht, auf der Fähigkeit, Angebote abzulehnen und die eigene Stimme zu schonen – ohne deshalb den Traum von einem Duett mit den Pet Shop Boys oder Sting aufzugeben.

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Andreas Scholl: „Meine Karriere als Popstar steht mir noch bevor!“
Andreas Scholl, seit dreißig Jahren auf der Bühne und noch immer mit derselben Lust am Abenteuer – von Alter Musik bis Pop. © Marco Borggreve

Er gehört zu jener zweiten Generation, die nach den Pionieren der 1970er-Jahre die Alte Musik endgültig im Zentrum des internationalen Musiklebens verankert hat. Über drei Jahrzehnte hinweg hat Andreas Scholl den Wandel des Countertenors begleitet: vom einst fast exotischen Phänomen zu einer Stimmlage, für die heute dieselben Virtuositätsmaßstäbe gelten wie für alle anderen. Doch sein eigener Werdegang erzählt auch eine andere Geschichte: von der bewussten Entscheidung, keine Karriereschritte zu überspringen, von wohldosierten Opernauftritten, der zentralen Bedeutung des Familienlebens und einer ungebrochenen Neugier auf neue Klangwelten, bis hin zur Popmusik und zum eigenen Komponieren. Der Sänger, selbst Lehrer und Mentor, engagiert sich zudem in der Kommunalpolitik in seinem Heimatort Kiedrich, einem 4.000-Einwohner-Ort im Rheingau. Er verkörpert ein Künstlerbild, das sich weder von der Gesellschaft noch vom demokratischen Diskurs abkoppelt, und erinnert nachdrücklich daran, wie essenziell Kultur bleibt, um mündige Bürger zu bilden, die in der Lage sind, der Komplexität unserer Welt zu begegnen.

Sie sind seit über dreißig Jahren in der Szene der Alten Musik präsent. Wie haben Sie deren Entwicklung erlebt?

Andreas Scholl: Ich gehöre nicht ganz zur Gründergeneration, sondern eher zur zweiten Generation. Ich habe mit Frans Brüggen, Nikolaus Harnoncourt, René Jacobs, William Christie, Philippe Herreweghe, Ton Koopman gesungen … Als ich an die Schola Cantorum in Basel kam, war die Alte Musik noch eine Nische. Das war zugleich ein Vorteil und ein Nachteil. Wir wollten anerkannt werden, in die großen Säle kommen, ein breites Publikum erreichen, die gleiche Anerkennung erhalten wie andere klassische Musiker. Aber wir wussten noch nicht, was wir dafür aufgeben müssten. Die Welt der klassischen Musik war sehr ritualisiert. Die Alte Musik hingegen hatte noch etwas Alternatives, manchmal sogar Karikaturhaftes an sich: die Birkenstocks, die Wollsocken, die langen Haare … (lacht) Aber gerade deshalb zog sie auch Menschen an, die die klassische Musik für zu elitär, zu weit von der Realität entfernt hielten. Sie sahen junge Musiker, die mit einem Repertoire experimentierten, das man gerade erst wiederentdeckte. Wir wussten nicht genau, wie diese Musik klingen sollte: Wir waren auf der Suche. Heute treten wir in großen Sälen und bei großen Festivals auf. Das ist natürlich ein Erfolg! Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass wir einen Teil dieser Spontaneität, dieser Experimentierfreude, dieses alternativen Geistes verloren haben. Ich finde das schade …

Hat sich die Alte Musik also institutionalisiert?

A. S.: Ja. Nehmen Sie den heutigen Konzertbetrieb: ein großer Saal, eine Eintrittskarte für 80 Euro, um einen großen Künstler zu hören … Das hat nichts mit den Bedingungen zu tun, unter denen Barockmusik zu ihrer Zeit gespielt wurde. Wir haben uns selbst in diesem System eingerichtet, und es hat natürlich Vorteile. Eine rein alternative Szene würde es den Künstlern nicht unbedingt ermöglichen, ihren Lebensunterhalt angemessen zu bestreiten. Ich möchte also nicht zwei Modelle gegeneinander ausspielen, indem ich sage, das eine sei gut und das andere schlecht. Aber die Alte Musik hat sich in den großen Institutionen durchgesetzt, indem sie auch einen Teil der Rituale und Verhaltensweisen aus einer ganz anderen Musikwelt übernommen hat. Das ist eine Entwicklung, die man nüchtern betrachten muss.

Bei den Countertenören ist die Entwicklung noch spektakulärer. Als Sie angefangen haben, gab es viel weniger von ihnen.

A. S.: Absolut. An der Schola Cantorum in Basel waren wir zwei Countertenöre. Das war damals noch etwas ziemlich Exotisches. Vor uns gab es natürlich Alfred Deller, James Bowman, Paul Esswood; in Deutschland David Cordier. Dann meine Generation mit Robin Blaze, David Daniels, Brian Asawa, Gérard Lesne in Frankreich … René Jacobs hatte praktisch gerade aufgehört zu singen, als ich anfing. Man muss sich nur Alfred Deller anhören. Ich liebe seine Stimme, seine Interpretation englischer Volkslieder und der Arien, die er sang. Aber ich glaube nicht, dass er heute einen Giulio Cesare singen könnte, wie man ihn auf den internationalen Bühnen erwartet. Seine Stimme war nicht kraftvoll genug. Jede Generation hat die Grenzen weiter verschoben. René Jacobs war bereits ein außergewöhnlicher Virtuose, der zu beeindruckenden Koloraturen fähig war. Und wenn ich heute manche jungen Countertenöre höre, ist das, was sie leisten, spektakulär. Der Countertenorgesang ist viel athletischer geworden. Die technischen Anforderungen sind erheblich gestiegen, und auch das Publikum ist viel anspruchsvoller geworden. Früher, wenn man eine Bach-Kantate oder ein Händel-Oratorium aufführte, mussten alle Sänger vorsingen, außer dem Countertenor: Man war einfach froh, überhaupt einen gefunden zu haben! Allein die Tatsache, dass ein Mann in dieser Stimmlage singen konnte, verlieh ihm etwas Exotisches. Manche Sänger konnten von dieser Besonderheit sehr gut leben. Heute würde das absolut nicht mehr ausreichen.

Angel

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