ensemble La Rêveuse

London im 18. Jahrhundert auf 4 CDs

→Mit ihrem Ensemble La Rêveuse haben Florence Bolton und Benjamin Perrot zehn Jahre damit verbracht, englische Musik des 18. Jahrhunderts zu erforschen. Ihr Projekt London, das zur Veröffentlichung von vier CDs führte, zeichnet sich durch eine besondere Zielsetzung aus: die musikalische Geschichte dieser Epoche mit den zeitgenössischen Bewegungen von Bevölkerungsgruppen und Künstlern zu verknüpfen. 

London im 18. Jahrhundert auf 4 CDs
"Die Geschichte der Instrumente erzählt ebenso viel über das Land wie die Musik oder die Malerei." © Jean Dubrana

Das 2004 von Florence Bolton und Benjamin Perrot gegründete Ensemble La Rêveuse hat sich als eines der feinsten französischen Ensembles für die Erkundung der Repertoires des 17. und 18. Jahrhunderts etabliert. Mit einem ausgeprägten Gespür für die literarischen und sozialen Verflechtungen von Musik gelingt es La Rêveuse, die Atmosphäre der Salons und Theater vergangener Zeiten lebendig werden zu lassen. Die aus vier CDs bestehende Reihe London, erschienen bei Harmonia mundi, führt in eine leuchtende Klanglandschaft des musikalischen London des 18. Jahrhunderts – eine pulsierende Hauptstadt, deren stilistische Vielfalt von künstlerischer Migration und kultureller Aufbruchstimmung geprägt ist: von populären Liedern bis zu virtuosen Stücken, vom Drury-Lane-Theater bis zu aristokratischen Salons. Eine eindrucksvolle Einladung, London als einen der großen europäischen Brennpunkte barocker Musik neu zu entdecken. Der letzte Teil der Serie, London – circa 1760: J. C. Bach, C. F. Abel & Friends, erschien im August 2025. 

Sie haben bereits bei der Gründung von La Rêveuse im Jahr 2004 begonnen, sich mit englischer Musik zu beschäftigen – also vor mehr als zwanzig Jahren? 

La Rêveuse: Wir haben uns zunächst intensiv mit der englischen Musik des 17. Jahrhunderts beschäftigt, unsere ersten Aufnahmen waren Henry Purcell gewidmet. Diese Recherchen führten uns zu wenig bekannten, aber dennoch bedeutenden Komponisten, die den spezifischen Charakter der englischen Musik im 17. Jahrhundert prägten: Henry Lawes, Nicholas Lanier, später Godfrey Finger oder auch der Italiener Giovanni Battista Draghi. Doch dieselbe Frage stellte sich dann auch für das 18. Jahrhundert: Welche Komponisten haben die englische Musik dieser Zeit geprägt, abgesehen von Händel? London war im 18. Jahrhundert eine wahre Kulturmetropole, und vermutlich hörte man dort die besten Opern – nicht nur dank Händel – sowie die besten Konzerte. Es gibt zahllose Bücher und Studien über ihn, aber die Geschichte der englischen Musik dieser Epoche ingesamt ist letztlich noch wenig bekannt. 

Ihr Projekt versteht sich auch als Reflexion über den Kosmopolitismus der Stadt London. 

L. R.: Ja, lange vor dem Brexit 2020 sprach man bereits über die vielen Migranten aus kriegsgeplagten Ländern, die bei der Überquerung des Ärmelkanals ums Leben kommen. Ihr Traum war es, in London ein neues Leben zu beginnen. Im 18. Jahrhundert überquerten ebenfalls zahlreiche Musiker und Künstler den Kanal, doch London war damals ein echtes Aufnahmeland; das vergisst man leicht, denn man kann heute kaum behaupten, dass das Vereinigte Königreich in dieser Hinsicht noch vorbildlich wäre. Diese Ereignisse waren aber unser Ausgangspunkt und brachten uns auf die Idee, ein Thema zu entwickeln, das die Geschichte von damals mit der von heute verbindet. 

Violinist Florence Bolton and theorbo player Benjamin Perrot have co-directed the ensemble La Rêveuse since 2004 © Frédérick Pickering

Wir wollten einige für uns wichtige Themen auf innovative Weise beleuchten, ohne uns in allzu musikologische Details zu verlieren, und stattdessen gesellschaftliche Aspekte in den Blick nehmen, die bis heute nachwirken: wie man eine Kultur entwickelt, die Kulturen anderer Länder integriert, denn Großbritannien war im 18. Jahrhundert ausgesprochen offen für Fremde; welche Rolle Territorien spielen – Provinzstädte, das Landleben und in unserem Fall auch Schottland, das im 18. Jahrhundert an England angeschlossen wurde –, denn London war eine extrem dominante Stadt; wie man sich eine Kultur vorstellt, die nicht nur für Eliten existiert und in der jeder seinen Platz findet; welche Stellung Musikern zukommt, und vieles mehr. 

Angel

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