Die Geschichte eines sehr katholischen Cembalos 1/3

Instrumentale Spurensuche: das geheimnisvolle Cembalo …

→Wenn Sammler und Musiker unbekannte historische Cembali kaufen, ist das manchmal eine riskante Wette: Ist es tatsächlich ein kostbares Instrument — oder nur kostspieliges Anschürholz?

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Instrumentale Spurensuche: das geheimnisvolle Cembalo …
© Michael Günther
Serien
Vollständige Geschichte:
  1. Teil 1:

    Instrumentale Spurensuche: das geheimnisvolle Cembalo …

  2. Teil 2:

    Neue Indizien aus Paris: die Hinweise verdichten sich

  3. Teil 3:

    Aus Rom nach Schloss Homburg am Main

Es waren spannende Zeiten — und nicht nur Momente! — für den Cembalisten, Fortepianisten und ambitionierten Sammler historischer Instrumente, Michael Günther, nachdem er auf einer Auktion in Belgien relativ spontan ein altes Cembalo ersteigert hatte: War es wirklich ein wertvolles Instrument — oder eine teure Fehlinvestition, bestenfalls als Dekostück geeignet? Hier erzählt er die faszinierende Geschichte der jahrelangen Suche nach den Wurzeln dieses Instruments, die ihn durch halb Europa führte, mit zahlreichen spannenden Menschen in Kontakt brachte, ein paar Konzerte generierte — und schließlich zu einer sehr überraschenden Erkenntnis führte …

1994: Ein verlockendes Angebot 

Es begann mit einem Schachspiel im Dezember 1994: Ein befreundeter Antiquitätenhändler aus Würzburg, gerade von einer Besichtigungsreise zurückgekehrt, rief an: „Du musst morgen nach Lüttich fahren! Dort wird ein Cembalo versteigert, sieht interessant aus. Wenn du mehr wissen willst, schau dir bei mir den Katalog an.“ Keine zehn Minuten später war ich bei ihm, der berichtete, er habe das Instrument bei der Vorbesichtigung einer Auktion gesehen, und wenn er auch kein Fachmann für Tasteninstrumente sei, so habe es einen starken Eindruck auf ihn gemacht und könnte etwas Besonderes sein. Der Katalog sprach von einem „Clavecin, Italie du Nord, Epoche Louis XVI“, dazu eine Abbildung. Daraus resultierten mehr Fragen als Informationen. Das anschließende Schachspiel habe ich mit Pauken und Trompeten verloren; ich war gedanklich schon in Liège in Belgien.

Dort, wie so oft am letzten Tag einer Vorbesichtigung, herrschte Enge und Gedränge, was eine Konzentration nicht leicht machte. Das Cembalo an der einen, die Schmuckvitrinen an der gegenüberliegenden Seite hatten zur Folge, dass man sich dauernd gegenseitig mit dem Hinterteil attackierte, mit dem ebenso gegenseitigen, angemessenen „Excusez-moi, s’il vous plaît“. Die Beleuchtung auch nicht optimal, die Taschenlampe vergessen: Dies erbrachte eine alles andere als klare Bestandsaufnahme: Ein dünnwandiges Cembalo in einem mit Malerei dekorierten Aufbewahrungskasten, Verarbeitungen, die in das 17. Jahrhundert führen, der Tonumfang von G1 bis f3 mit zwei 8-Fuß-Registern, was hingegen weit in das 18. Jahrhundert weist, ebenso wie die kannelierten gedrehten Beine aus dem „Louis seize“. Ein Stillleben-Gemälde auf der Innenseite des Deckels, die Seitenwände mit Blumen bemalt und, wie alle äußeren Flächen, von einem dicken, braunen Firnis bedeckt, ja geradezu darunter verborgen. Moderne Wirbel, aber sehr alte Springer und zwar zweimal je 53, der Rest etwas jünger. Dazu noch die endgültige Irreführung: Eine Scheintaste im Bass für F1, die hinter der Namenswand endete. Die Klaviatur machte zwar einen alten, aber nicht originalen Eindruck, ihre „Vorderführung“ gehörte frühestens ins 19. Jahrhundert, – oder war der Erbauer ein prophetischer Erfinder des 17. Jahrhunderts? Und was bedeutete der unverständliche Reparaturvermerk?

Ohne Zweifel war das Instrument überarbeitet worden, was bei dem möglichen Alter keine Überraschung war. Aber was war daran original, was Reparatur, was Ergänzung, war es gar ein eklektizistisches Machwerk des späten 19. Jahrhunderts? Natürlich kam mir auch der schillernde Leopoldo Franciolini in den Sinn, der um 1900 in Florenz die Sammler- und Museumswelt mit entsprechenden Arbeiten gefoppt hatte (dazu unten mehr). Aber es half alles nichts: Innerhalb weniger Stunden musste ich eine Entscheidung fällen und mir ein „aller-, aller-, allerletztes“ Höchstgebot ausdenken. Und die Zuschlagsgebühr auch nicht verdrängen.  

Angel

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