Auch wenn der Komponist Georg Philipp Telemann selbst gewissermaßen nichts Eiligeres zu tun hatte, als seine Geburtsstadt schon mit 16 Jahren hinter sich zu lassen: In Magdeburg findet alle zwei Jahre ihm zu Ehren ein Barockfestival statt, das längst selbst zur Institution geworden ist. Und dieses Festival erfreut sich außerdem der Besonderheit, an das einheimische Telemann-Zentrum angebunden und somit stets auf dem neuesten Stand der Forschung und potenzieller Neuentdeckungen und Wiederausgrabungen zu sein. Und wo hat man das schon, bei einem Alte-Musik-Festival: gewissermaßen eine Garantie, bislang ungehörte Musik zu erleben? Wir sprechen hier mit Carsten Lange, Direktor des Zentrums für Telemann-Pflege und -Forschung, darüber, was man hinsichtlich der Neuentdeckungen dieses Jahr vom Festival erwarten darf, wie das Motto der Edition 2026 — Musik. Macht. Telemann. — zu verstehen ist, und vor allem über den meisterlichen Kommunikator Telemann, der – hätte es das damals schon gegeben- zweifelsohne ein soziales Netzwerk erfunden hätte, aber sicher nicht zur Effekthascherei!
Die Magdeburger Telemann-Festtage gehören zu den traditionsreichsten Barockfestivals Deutschlands – gegründet 1962. Ist das eher Ehre oder Verantwortung?
Carsten Lange: Beides – und ebenso Verpflichtung. Aber vor allem ist es ein Festival mit immensem Gestaltungspotential. Mit thematischen Schwerpunktsetzungen rücken wir gezielt dazu passende Werke ins Zentrum und verbinden sie mit bestimmten Künstlern und Räumen. Gerade hier in Magdeburg, mit dem großen Œuvre Telemanns im Hintergrund, ist das eine besondere Chance. Zugleich wächst die Alte-Musik-Szene stetig und die Neugierde hält an, selten gespielte Werke zu präsentieren. Dabei erlebt man immer wieder überraschende Momente. Ich freue mich immer wieder darüber, wie stark unbekannte Musik wirken kann! Dass sich das Publikum darauf einlässt, ist für uns ein großes Geschenk.
Sie erfreuen sich mit dem Telemann-Zentrum aber auch einer wissenschaftlichen Anbindung, die nur wenige Festivals haben. Wie wichtig ist das?
C. L.: Das ist unser Rückgrat und ein enormer Vorteil. Durch die Forschungsarbeit hier und in Zusammenarbeit mit Kollegen weltweit – etwa im Rahmen der Telemann-Ausgabe – können wir Werke ins Programm aufnehmen, die nach den Quellen in kritischen Editionen neu ediert wurden, in Referenzausgaben zugänglich sind und manchmal beim Festival oder auch in unseren Sonntagsmusiken erstmals in unserer Zeit wieder erklingen. Musik muss klingen, einen Raum haben, in dem sie wirken kann: Sie soll Menschen ansprechen und Emotionen auslösen. Diese Nähe zur Praxis zu haben, ist für Wissenschaftler im Telemann-Zentrum ein schönes Privileg. Und wenn wir mit Neuentdeckungen das Repertoire erweitern können, ist das besonders schön: Dem Mainstream des Musiklebens mit seiner Konzentration auf wenige ikonische Werke unentdecktes Terrain zur Seite zu stellen, ist eine großartige Aufgabe.
Ist es für Sie dann ein besonderer Moment, wenn ein lange erforschtes Werk erstmals erklingt – noch dazu vor der eigenen Haustür?
C. L.: Absolut. Das ist bewegend. Und es ist eindrucksvoll, zu erleben, wie das Publikum von bislang Ungehörtem gefangengenommen wird und ergriffen ist. In Magdeburg haben wir ein neugieriges, aufgeschlossenes und sehr aufmerksames Publikum, das uns auf der Reise zu Unbekanntem dankbar begleitet. Doch wir müssen sorgfältig auswählen – musikhistorisch relevant und mit interpretatorisch und klanglich überzeugenden Interpretierenden. Solche Entdeckungsmomente motivieren Künstler wie Forscher gleichermaßen. Freilich entpuppt sich nicht jede Entdeckung als Meisterwerk, doch bei Telemann stößt man immer wieder auf Werke, die zu Repertoirestücken werden.
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