Les Lucioles & Lucile Boulanger

Simpson: The Seasons, The Monthes & Other Divisions of Time – II

→Zwanzig Jahre nach einer ersten Einspielung, die zu einem Meilenstein der Gambendiskografie wurde, knüpfen Lucile Boulanger und Les Lucioles dort an, wo Sophie Watillons früher Tod den Faden abreißen ließ. Von Juli bis Dezember, vom Sommer bis zum Herbst vollenden sie Christopher Simpsons zwei große Zyklen – mit einem Album, das zugleich Hommage und neue Lesart der englischen Kunst der „Division“ ist.

Simpson: The Seasons, The Monthes & Other Divisions of Time – II
© Alpha Classics / Outhere

Fast zwanzig Jahre liegen zwischen den beiden Hälften dieser Geschichte. 2005 nahm die belgische Gambistin Sophie Watillon für Alpha The Seasons, The Monthes & Other Divisions of Time – I auf, mit dem Winter, dem Frühling und den ersten sechs Monaten des Jahres. Ihr früher Tod im darauffolgenden Jahr ließ diese Erkundung von Christopher Simpsons Musik unvollendet. Lucile Boulanger, für die Watillon zu den prägenden musikalischen Vorbildern ihrer Kindheit gehörte, nimmt den Faden nun mit Les Lucioles wieder auf: Der zweite Teil vereint die Monate Juli bis Dezember und die beiden noch fehlenden Jahreszeiten Sommer und Herbst.

Zwanzig Jahre später schließt sich der Kreis

Das Projekt steht damit ebenso im Zeichen der Weitergabe wie der Wiederentdeckung. Lucile Boulanger und Les Lucioles verstehen die Aufnahme sowohl als Hommage an Sophie Watillon als auch als persönliche Interpretation dieser Musik. Dabei orientieren sie sich insbesondere an Simpsons eigenen Anweisungen zu den Graces, den englischen Verzierungen – rises, back-falls, double rellishes … –, mit denen sie die musikalischen Linien ausschmücken. Die Entscheidung für eine Diskantgambe anstelle einer Violine soll die klangliche Homogenität des Consorts bewahren; zum Continuo gehört außerdem eine englische Orgel, die eigens für die Begleitung von Gamben konzipiert wurde.

Im Zentrum der Aufnahme steht die Kunst der Division, zu deren großen Meistern und Theoretikern Simpson gehörte. Dabei wird eine Melodie verziert oder über einer Basslinie improvisiert, indem längere Noten nach Geschmack und Einfallsreichtum des Interpreten in kürzere Notenwerte „geteilt“ werden. Simpsons 1659 veröffentlichte und mehrfach neu aufgelegte Abhandlung The Division-Violist behandelt neben der Spieltechnik der Gambe auch Verzierung, Improvisation und Komposition. In The Monthes und The Seasons erreicht diese Kunst ein besonders hohes Maß an Virtuosität.

Monate und Jahreszeiten

Die beiden Zyklen folgen jedoch unterschiedlichen Modellen. The Monthes umfassen zwölf jeweils nach einem Monat benannte einsätzige Stücke für zwei Bassgamben, Diskantgambe und Generalbass, die in einer freien, der fancy verwandten Form gestaltet sind. The Seasons, vermutlich in den 1660er-Jahren entstanden, weisen dagegen eine dreiteilige Struktur aus fancy, ayre und galliard auf. Ihre autographen Manuskripte werden heute in der Königlichen Bibliothek Belgiens aufbewahrt.

Les Lucioles beschränken sich nicht darauf, diese beiden Zyklen zu vervollständigen. Zwischen Monaten und Jahreszeiten erklingen eine in der Bodleian Library überlieferte Division in D minor, ein Duet for two division viols in F aus einer weiteren Handschrift derselben Bibliothek sowie ein Almain solo in high harp-way sharp aus dem Manchester Gamba Book.

Neben Lucile Boulanger gehören zu Les Lucioles die Gambistinnen Myriam Rignol und Manon Papasergio, Gabriel Rignol an der Laute und Elisabeth Geiger an den Tasteninstrumenten; für das Gambenduo kommt Josh Cheatham hinzu. Mehrere moderne, nach historischen Vorbildern gebaute Instrumente treffen dabei auf zwei historische Bassgamben. Das im Dezember 2025 in den Niederlanden aufgenommene Album erschien am 18. September 2026 bei Alpha Classics.